2010 wird es wieder ein Mercedes-Werksteam geben. Mercedes ist bereits seit 100 Jahren im GP-Sport aktiv. Ein Rückblick. Â
| Stuttgart (!NS!DE-RAC!NG) - 2010 wird es also wieder ein Mercedes-Werksteam im GP-Sport geben. Als Fahrer sind Michael Schumacher und Nico Rosberg bereits fix. Mercedes – das hat Tradition im Grand-Prix-Sport. Bereits als 1906 in Frankreich der erste Grand Prix ausgetragen wurde, war Mercedes bereits am Start. Damals waren die Rennen noch Einzel-Events, erste Meisterschaften gab es erst in den 30er Jahren mit der Europameisterschaft. Seit 1950 wird eine Weltmeisterschaft ausgetragen.
Jenatzy mit ersten internationalen Sieg: Viele Erfolge gab es 1906 für Mercedes noch nicht. Den Frankreich GP gewann die französische Konkurrenz Renault. Der beste Mercedes-Pilot in jenem Jahr war Camille Jenatzy. Der Belgier war einer der Top-Fahrer der damaligen Zeit. Sein Fahrstil war draufgängerisch und kompromisslos. Deshalb, und weil er einen roten Bart hatte, bekam er den Spitznamen „Der Rote Teufel“. Wie fast alle Rennfahrer der damaligen Zeit hatte Jenatzy ein sagenhaftes technisches Verständnis. Er baute sich selbst ein Elektro-Fahrzeug und knackte damit im April 1899 den Geschwindigkeitsrekord für Landfahrzeuge. Für drei Jahre war seine Marke von 105 Stundenkilometern unerreichbar. Zu Mercedes kam Jenatzy 1903, zuvor war er für Mors unterwegs, jene französische Marke, die später von Citroën übernommen wurde. Der erste Erfolg von Jenatzy bei Mercedes war der Sieg beim Gordon-Bennett-Cup, ein Vorreiter der heutigen GP-Rennen. Es war das erste Mal, dass ein deutsches Fahrzeug bei einem internationalen Rennen siegen konnte.
1907 konnte Mercedes das Rennen in den belgischen Ardennen gewinnen. Siegreicher Fahrer war dabei der belgische Graf Pierre de Caters, der nicht nur Autorennen fuhr, sondern auch Motorboot-Rennen. Der Sieg wurde Mercedes durch die Abwesenheit einiger anderer Teams wie etwa Fiat vereinfacht.
Lautenschlager mit ersten GP-Sieg: Das Jahr 1908 war für die GP-Geschichte von Mercedes in sofern von Bedeutung, als dass Christian Lautenschlager den ersten Grand Prix für Mercedes gewinnen konnte: Der Deutsche sicherte sich beim Frankreich GP den Sieg. Der Frankreich GP ist für Mercedes damit ein besonderer Grand Prix, denn 1954 kehrte Mercedes ebenfalls beim französischen Grand Prix zurück und prompt gewann Juan Manuel Fangio das Rennen für Mercedes Benz. Lautenschlager, der 1923 mit einem Mercedes auch beim 500-Meilenrennen von Indianapolis antrat, war bei Mercedes eigentlich Mechaniker und fuhr nebenher eben auch Rennen. Mercedes war bei dem Grand Prix allgemein gut aufgestellt, dank einer neuen Formel, die vor der Saison eingeführt wurde. So fuhr Otto Salzer auch die Schnellste Rennrunde. Der Deutsche schied jedoch aufgrund eines Reifenschadens nach zwei Runden aus.
In den folgenden Jahren schlief der Rennsport in Europa etwas ein. Die größten Rennen fanden nun in den Vereinigten Staaten von Amerika statt, die seit 1909 mit ihrer IndyCar-Serie ein Gegenstück zu den GP-Rennen auf die Beine stellten. Die meisten europäischen Teams gingen nun auch nach Amerika, etwa zum USA GP oder zum Indy 500. Aber die Europäer brauchten eine gewisse Zeit, bis sie auch in Amerika gewinnen konnten. Mercedes gelang das erst wieder 1912 – mit dem italo-amerikanischen Piloten Ralph de Palma. Er holte in Elgin und Milwaukee gleich zwei Siege für Mercedes. De Palma hätte 1912 fast das Indy 500 gewonnen. Das Kunststück holte er jedoch 1915 nach – natürlich auch in einem Mercedes. Insgesamt war er bei 24 IndyCar-Rennen siegreich. Sein Neffe Pete de Paolo konnte 1925 mit einem Duesenberg das Indy 500 gewinnen. 1927 gründete er daraufhin sein eigenes Rennteam. De Palma gewann 1914 weitere 2 Rennen mit Mercedes. Damals siegte Lautenschlager auch zum zweiten Mal beim Frankreich GP.
Durch den Ersten Weltkrieg gab es auch im Rennsport eine Pause. 1919 ging’s aber wieder los und 1921 gewann Mercedes wieder einen Grand Prix, nämlich im italienischen Brescia. Als Fahrer saß der Italiener Giulio Masetti hinterm Steuer, der 1922 für Mercedes auch die Targa Florio gewinnen konnte. Zwei Jahre später gewann dieses Rennen auch der Deutsche Christian Werner in einem von Mercedes eingesetzten Sport-GP-Wagen. Werner siegte 1927 auch beim Eifelrennen mit Mercedes. 1925 gewann Otto Merz das Solitude-Rennen.
Die silberne Ära in den 30er Jahren: Richtig erfolgreich wurde Mercedes Benz im GP-Sport erst ab 1931. Schon in jenem Jahr gab es 4 GP-Siege für Mercedes. Darunter gewann Rudolf Caracciola den Deutschland GP, sowie Hans Stuck den GP in Polen. Caracciola war das Aushängeschild schlechthin für Mercedes in der damaligen Ära. Der Deutsche mit italienischen Vorfahren war aber auch einer der besten Rennfahrer der damaligen Zeit. Und er wäre der erste deutsche F1-Weltmeister geworden, wenn der GP-Sport damals schon Formel-1 geheißen hätte. So blieb diese Ehre Michael Schumacher über. Aber erst Jahrzehnte später, als er 1994 in einem Benetton Ford den Titel holte – den ersten seiner bislang 7 Weltmeisterschaften. Auch Stuck ist nicht nur den Rennsport-Experten ein Begriff. Sein Sohn Hans-Joachim Stuck fuhr noch in den 80er Jahren in der Formel-1.
Mercedes polierte damals seine Statistik aber auch bei etwas exotischen Rennen auf. So gewann der Schwede Per-Viktor Widengren 1932 den Finnland GP. In Deutschland sicherte sich derweil Manfred von Brauchitsch den Sieg beim berühmten Avusrennen in Berlin. Neben dem Deutschland GP war das Rennen auf der Steilkurvenbahn das prestigeträchtigste Rennen in Deutschland. Von Brauchitsch war in den 30er Jahren ebenfalls ein Top-Pilot. 1937 und 1938 wurde er jeweils Vizemeister in der Europameisterschaft, der heutigen F1-WM. Natürlich auch mit Mercedes. Von Brauchitsch fuhr bei seinem Sieg auf der Avus noch mit einem privaten Mercedes. Erst 1934 kam er ins Werksteam der Silberpfeile. Sein schonungsloser Umgang mit den Fahrzeugen brachte ihn häufiger um gute Platzierungen und damit auch um mehr Ruhm. 1933 gewann Karl Ebb noch seinen Heim-GP in Finnland.
Ab 1934 finanzierte das Nazi-Regime die GP-Einsätze von Mercedes Benz und Konkurrent Auto Union. Mercedes wuchs damit ab 1934 zum Spitzenteam hervor, konnte aber zumindest in dieser Saison die übermächtigen Alfa Romeos nicht gefährden. Es war auch die Zeit, in der die Legende der Silberpfeile gebildet wurde: Rennleiter Alfred Neubauer brachte die Legende auf, die wohl ins Reich der fabeln zu weisen ist: Kurz vor dem ersten Rennen des Mercedes-GP-Renners war der Bolide zu schwer. Also kratzte man über Nacht den Lack ab. Der Bolide wurde so silber und bekam den Namen Silberpfeil. Der Begriff hat sich bis heute gehalten.
Im Werksteam fuhr neben Caracciola und Von Brauchitsch auch der Italiener Luigi Fagioli, der in hohem Alter in den 50er Jahren sogar noch GP-Rennen im Alfa-Romeo-Werksteam bestritt. Caracciola gewann 1934 bereits den Italien GP, Fagioli siegte unter anderem beim Spanien GP, Von Brauchitsch bei Eifelrennen.
Mercedes in der EM: 1935 wurden die GP-Rennen erstmals in einer Meisterschaft zusammengefasst. Ein Prinzip, dass sich mit der Weltmeisterschaft seit 1950 durchgesetzt hat. Den Auftakt in Monaco gewann Fagioli mit einem Start-und-Ziel-Sieg. Zwar ist für F1-Piloten der Sieg in Monaco einer der wichtigsten Stationen im GP-Sport, aber der Sieg in Libyen in der gleichen Saison war für Mercedes 1935 wohl bedeutender. Damals lockte das Land nämlich mit einem hohen Preisgeld, das Starterfeld war dementsprechend voll. Anders als in Monaco waren deshalb in Libyen alle Top-Teams und Top-Fahrer am Start. Die Auto-Union lag mit Achille Varzi lange auf Siegkurs, bis ihm ein Reifenschaden zurückfallen ließ. Caracciola konnte somit an Varzi vorbeiziehen und vor dem Italiener gewinnen. Mercedes gewann noch zahlreiche weitere Rennen. Erwähnenswert ist noch das Regenrennen in Belgien, das Regenmeister Caracciola eindrucksvoll für sich entscheiden konnte. Am Ende holte sich Caracciola vor Teamkollege Fagioli die EN-Krone.
In der Saison 1936 lief es für Mercedes Benz nicht nach Plan. Caracciola konnte im Regen von Monaco zwar nicht geschlagen werden und er gewann auch noch den GP in Tunis, aber in der Endabrechnung kam er nur auf den 6. Platz. Mercedes wurde in der EM nicht nur von Auto Union, sondern auch von Alfa Romeo überrumpelt. Mercedes legte für 1937 nach und baute einen neuen Rennwagen. Hermann Lang konnte damit gleich die ersten beiden Rennen gewinnen, in Libyen und auf der Avus. Danach kam Auto Union aber wieder in Fahrt, erst beim Deutschland GP konnte Mercedes mit dem Doppelsieg von Caracciola und Von Brauchitsch die Wende einleiten. Aber es war nicht nur Caracciola, der nun wieder Morgenluft im EM-Kampf witterte, sondern auch Von Brauchitsch. Er missachtete beim Monaco GP die Teamorder und gewann vor Caracciola. Durch Siege bei den Grand Prix der Schweiz, Italien und Masaryk rückte Caracciola nicht nur die teaminterne Situation wieder gerade, sondern er holte sich dadurch auch den zweiten Titel.
1938 gelang Mercedes beim Libyen GP ein Geniestreich. Um der deutschen Konkurrenz eine Chance zu geben, schrieben die Organisatoren des Wüstenrennens den Lauf für die Voiturette-Klasse aus, vergleichbar mit der heutigen GP2-Serie. Mercedes baute den Wagen um und belegte alle drei Podestplätze: Hermann Lang siegte vor Von Brauchitsch und Caracciola. Auch den Frankreich GP entschieden diese drei Fahrer für sich, allerdings in einer anderen Reihenfolge. Ausgerechnet beim Deutschland GP durchkreuzte ein Brite die Festspiele der deutschen Fahrer – aber immerhin ein Mercedes-Benz-Pilot. Richard Seaman gewann das Rennen und galt damals als künftiger GP-Star. Leider verunglückte er 1939 bei einem GP tödlich. Am Ende holte sich Caracciola wieder den Titel.
Kurzes, aber dominantes Gastspiel in den 50er: Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab es 1939 nur noch sieben GP-Rennen in der EM. 4 davon konnte Hermann Lang gewinnen. Doch ein Meister wurde 1939 nicht mehr benannt. Während des Kriegs gab es keine GP-Rennen mehr. Erst 1945 gab es wieder erste GP-Rennen. Mercedes Benz aber stieß erst wieder 1954 dazu, nachdem man sich zuvor in Argentinien bei einigen Rennen profilierte. Mercedes belebte dabei nicht nur alte Teammitglieder wieder (Neubauer war wieder Teamchef), sondern auch die alte Technik. Man baute den Rennwagen in zwei Versionen: Die Stromlinien-Version glich einem Sportwagen, bei langsameren Rennen fand eine Version seinen Gebrauch, die wie die anderen F1-Boliden aussahen und nicht verkleidet waren.
Das Comeback im GP-Sport, mittlerweile mehr als Formel-1 bekannt, wurde für 1954 angepeilt. Es war aber nichts mit der deutschen Pünktlichkeit. Erst für den Frankreich GP brachte man den Boliden auch an die Strecke. Das veranlasste Juan-Manuel Fangio dazu, vorerst für Maserati auf Siegjagd zu gehen. Der Argentinier, der zum Mercedes-Werksteam kam, hatte damit Erfolg: Er gewann die ersten beiden Rennen und legte damit den Grundstein für den Gewinn seines zweiten WM-Titels. Denn Mercedes, das stellte sich ab dem Frankreich GP heraus, war absolut überlegen. Fangio gewann gleich das erste Rennen beim Comeback von Mercedes. Fangio wurde mit Mercedes Weltmeister, genauso 1955. Neben dem 5-maligen F1-Weltmeister Fangio fuhren auch Karl Kling und Hans Herrmann im Mercedes-Werksteam. Zuvor führte Mercedes auch mit Alberto Ascari Gespräche, dem Weltmeister von 1952 und 1953. Herrmann setzte sich derweil im Shoot-Out gegen Paul Frère, Günther Bechem und Hans Klenk durch.
Das F1-Abenteuer dauerte nur bis Mitte der Saison 1955. Als es dann beim 24-Stundenrennen von Le Mans die Katastrophe mit 85 Toten gab, zog sich Mercedes aus dem Rennsport zurück. Ähnlich wie die Legende um die Entstehung des Silberpfeils ist aber auch die Legende, dass Le Mans die Ursache für den Mercedes-Rückzug war, falsch. Stattdessen nahm Mercedes die Katastrophe nur als Anlass. Der Entschluss, die GP-Bühne nach der Saison zu verlassen, fiel schon vor dem Langstreckenrennen.
Formel-1 ab 1994: 1990 wollte Mercedes wieder mit einem Werksteam in die Formel-1. Damals bekam der Vorstand aber kalte Füße, also ließ man das Projekt schon fallen, bevor es richtig geplant war. Stattdessen kooperierte man weiter mit Sauber in der Sportwagen-WM. Das schweizer Team stieg 1993 in die Formel-1, geplant wurde der Einstieg ab 1991. Es ist anzunehmen, dass der Einstieg durch Mercedes angeschoben wurde. Denn eigentlich war Sauber immer auf Sportwagen konzentriert. Sauber sollte für Mercedes den Strohmann spielen, denn Mercedes ging das Comeback recht zögerlich an: 1993 stand lediglich der Schriftzug „Concepted by Mercedes“ auf dem Sauber-Rennwagen. Die Motoren kamen von Ilmor. Das änderte sich auch 1994 nicht, allerdings wurden die Motoren auch offiziell als Mercedes genannt.
Die Ehe mit Sauber endete mit der Saison 1994, Mercedes wechselte daraufhin zu McLaren. Die Partnerschaft hatte zu Beginn keinen Erfolg. Mercedes brachte sich aber immer mehr ein bei McLaren: Als das Traditionsteam den Sponsor wechselte, wurden die McLaren-Mercedes-Renner ab 1997 silber – es waren die modernen Silberpfeile. Ferner kaufte Mercedes über die Jahre und über das Mutterunternehmen Daimler immer mehr Anteile bei McLaren. Noch heute hält man 40% der Teamanteile. In den kommenden zwei Jahren sollen diese stufenweise zurückverkauft werden. Auch sportlich schlug man die richtige Bahn ein: 1998 und 1999 holte man mit Mika Häkkinen den Titel. Es folgten eher maue Jahre, in denen Michael Schumacher die Formel-1 mit Ferrari dominierte. Zwar hatte man in den Jahren mit Kimi Räikkönen einen Titelanwärter. Aber der Finne scheiterte auch wegen der Zuverlässigkeit am Titelgewinn. Nicht zuletzt aufgrund unzuverlässiger Mercedes-Aggregate. Besonders 2004, als sich die Mercedes-Motoren recht hübsch mit Feuer und Flamme aus den Rennen verabschiedeten, wurden in den Medien nicht selten Begriffe wie Silberfakel oder Mercedes Brennt’s eingeführt.
2007 war man wieder bei der Musik. Die Frage ist aber wieso: McLaren Mercedes war nämlich im berühmten Spionageskandal verwickelt. Der damalige Ferrari-Chefmechaniker hat geheime Ferrari-Dokumente an den damaligen McLaren-Designer Mike Coughlan weitergegeben. McLaren Mercedes wurde damals zu einer Rekordstrafe von 100 Millionen Euro verurteilt, außerdem flog man aus der Konstrukteurs-WM. Aber das war nicht das einzige Problem: Teamintern gab es den berühmten Krieg der Sterne – angelehnt an die Science-Fiction-Serie Star Wars und dem Mercedes-Stern. Fernando Alonso, der als Doppel-Weltmeister verpflichtet wurde und wieder Erfolge bei McLaren Mercedes bringen sollte, konnte sich gegen den Neuling Lewis Hamilton nicht durchsetzen. Die beiden machten sich das Leben gegenseitig schwer. Ferrari profitierte und Räikkönen wurde Weltmeister.
Zwar schlug Hamilton 2008 mit dem Titelgewinn zurück, aber Mercedes wurde immer unzufriedener bei McLaren – auch wegen den Skandalen. Versuche, das Team komplett zu übernehmen, waren nicht von Erfolg gekrönt, also sah sich Mercedes anderweitig um. Mit Ross Brawn kam man schnell zu einer Übereinkunft. Der Brite, der das Honda-Team 2009 übernahm und auf Anhieb Weltmeister wurde, verkaufte das Team an Mercedes, bleibt jedoch als Teamchef an Bord. 2010 wird damit das neue Mercedes-Werksteam starten. Bestimmt wieder mit eigenen Geschichten und Anekdoten. Wie bisher auch in über 100 Jahren GP-Sport.