F1: Parris Mullins - Erinnerungen an NART
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Montag, 23. August 2010 um 21:14
Parris Mullins und Luca di Montezemolo planen ein modernes NART-Team. Die Geschichte dieses Rennstalls.  

F1: Parris Mullins - Erinnerungen an NART

von Michael Zeitler

Parris Mullins und Luca di Montezemolo planen ein modernes NART-Team. Die Geschichte dieses Rennstalls.

| Maranello (!NS!DE-RAC!NG) - Die Startberechtigung hatte man. Doch die Saison 2010 findet ohne das USF1-Team statt. Alle Ambitionen zum Trotz: Für ein F1-Team aus Amerika ist die Zeit wohl nicht reif. Für einige Mitarbeiter ist das nur schwer zu verdauen. Einige von ihnen schlossen sich deshalb einem anderen Projekt namens Cypher an, einem Rennstall um Steve Brown, das eine Bewerbung für den vakanten Platz 2011 eingereicht hat. Doch die Bewerbung wurde inzwischen schon wieder zurückgezogen, auch Cypher entpuppte sich als Seifenblase.

Parris Mullins war ebenfalls bei USF1 involviert und hat aus der Misere gelernt. Tenor Mullins: Ein F1-Team, das in Amerika operiert, funktioniert für die Formel-1 nicht. Sehr wohl aber glaubt er weiter an den amerikanischen Traum in Sachen Formel-1. Mullins versucht sich nun mit einer Reihe von Investoren in ein bestehendes F1-Team einzukaufen. Prominenter Unterstützter ist Luca di Montezemolo, Präsident von Ferrari. Der Italiener hat eine Vision: Er will einen dritten Ferrari-Boliden einsetzen, der von einem amerikanischen F1-Team betreut wird. Danach tauchten Gerüchte auf, Mullins kaufe sich in Toro Rosso ein, die zumindest schon mit Ferrari-Motoren fahren.

Mullins und das moderne NART: Die Vision von Di Montezemolo zeigt: Die Formel-1 der 60er Jahre ist nicht mit der von heute zu vergleichen. Denn ansonsten würde Mullins schon längst eine Mannschaft zusammen haben und mit Ferrari-Rennwagen GP-Rennen bestreiten. Denn die Vision ist nicht unbekannt: Genauso wie Mullins jetzt Ferrari-Händler in Kalifornien ist, war auch Luigi Chinetti Ferrari-Händler in Amerika. Durch Investoren gründete er sein eigenes Team, North American Racing Team, kurz NART. Und als es politische Streitereien von Ferrari mit dem italienischen Automobilverband ACI gab, wurde NART kurzer Hand beauftragt, die Ferrari-F1-Boliden bei den Überseerennen einzusetzen. Damit gewann John Surtees 1964 den WM-Titel nicht in einem roten Ferrari, sondern in einem blau-weißen Ferrari. Es sollte eine Ohrfeige für ACI sein.

Die NART-Geschichte: NART war ein amerikanisches Team, das bei GP-Rennen Ferraris einsetzte. Genau wie Di Montezemolo es haben will. Was heute kaum zu machen ist, war damals kein Problem. Denn die Freundschaft zwischen Chinetti und Ferrari war so gut, dass NART noch ein paar weitere Male die Werks-Ferraris bei den Amerika-Rennen betreuen durfte.

Der Unterschied, außer die andere Zeit: Parris Mullins ist im Motorsport weitgehend unbekannt, nicht einmal im Internet-Lexikon Wikipedia ist eine Seite für den US-Amerikaner eingerichtet. Luigi Chinetti dagegen hatte eine Motorsport-Ader. Geboren in Italien war er zunächst Mechaniker bei Alfa Romeo. Weil er mit dem faschistischen Regime aber auf Kriegsfuß stand, wanderte er zunächst nach Frankreich aus. Er wurde Alfa-Romeo-Händler und fuhr selbst erfolgreich Rennen: 1932 und 1934 gewann er wie auch 1949 das 24-Stundenrennen von Le Mans. Bei seinem Sieg 1949 fuhr Chinetti nicht weniger als 22 Stunden, weil sein Partner Lord Selsdon nicht fitt war. Damit kommt er nah an Louis Rosier ran, der seinen Sohn 1950 nur zwei Runden fahren ließ, sowie Pierre Levegh, der 1952 mehr als 23 Stunden fuhr, ehe er ausfiel.

Außerdem machte Chinetti erste Erfahrungen als Manager. Er leitete das Team von Harry Schell, die Ecurie Eceue. Während des Kriegs flüchtete Chinetti noch weiter: 1940 eröffnete er in Amerika einen Ferrari-Handel. Von da an war der Weg frei für eine gute und vor allem bedeutende Beziehung zu Ferrari. 1957 gründete Chinetti schließlich das NART-Team, dank den Geldgebern George Arents und Jan de Vroom, die auch gleich das erste Rennen für NART bestritten: Das 24-Stundenrennen von Le Mans. Arents kam aus einer wohlhabenden Familie, die sich in der Tabakindustrie eine goldene Nase verdiente. Bereits sein gleichnamiger Onkel war Rennfahrer, startete 1904 beim Vanderbilt Cup in New York (das Rennen wurde später zu einem Kräftemessen zwischen GP-Renner und IndyCars) in einem Mercedes-Werksrenner. Bei einem Unfall verstarb sein Beifahrer Carl Mensel.

Über den Hintergrund von Jan de Vroom ist weniger bekannt. Der Holländer fuhr selbst aber ebenfalls mehrere Sportwagenrennen, stets mit Ferraris, aber nur einmal für NART. Nein bestes Resultat war ein neunter Platz beim Sportwagen-GP in Venezuela für Cuban Racing. Neben Chinetti, Arents und De Vroom engagierte sich in den späteren Jahren auch Chinettis Sohn Lou immer mehr.

Außer den wenigen F1-Rennen bestritt NART nur Sportwagenrennen. Die Erfolgsbilanz: 1962 gewannen die beiden Brüder Pedro und Ricardo Rodriguez das 1000-Kilometerrennen in Paris. Die ersten sechs Plätze bekleideten damals Ferrari-Sportwagen. 1963 siegte Pedro Rodriguez beim 3-Stundenrennen von Daytona, vor einem gewissen Roger Penske mit einem privat eingesetzten Ferrari. 1964 wieder in Daytona, dieses Mal aber zum 2000-Kilometerrennen, wieder ein Sieg für NART durch Pedro Rodriguez, dieses Mal zusammen mit Phil Hill. Alle drei Podestplätze gingen wieder an Ferrari-Sportwagen, Dritter wurde ebenfalls ein NART-Fahrergespann: Bob Grossman und Walt Hansgen. 1965 beim 24-Stundenrennen von Le Mans gewannen Jochen Rindt, Masten Gregory und Ed Hugus für NART – es war der bisher letzte Gesamtsieg eines Ferraris bei diesem Klassiker. Noch in der gleichen Saison gewann NART auch das 12-Stundenrennen in Reims, mit Pedro Rodriguez und Jean Guichet am Steuer.

Fast ausschließlich fuhr NART dabei mit Ferraris, aber Ausnahmen bestätigten die Regel: 1961 setzte man auch einen OSCA ein: Beim 12-Stundenrennen von Sebring für Den Price und David Cunningham, beim 24-Stundenrennen von Le Mans für Cunningham und Ed Hugus. Allen Eager fuhr denselben Sportwagen auch 1962 beim 3-Stundenrennen in Sebring. Denise McCluggage beim 12-Stundenrennen an gleicher Stelle. Dann wurde auch ein OSCA-GT-Renner eingesetzt, für Spencer Lichtie und Robert Publicker. 1963 wurde dieser beim selben Rennen von Harold Baumann, Tom Fleming und Ray Heppenstall ausgeführt. Beim 24-Stundenrennen 1966 fuhren François Pasquier und Robert Mieusset in einem ASA beim 24-Stundenrennen von Le Mans mit, der von NART eingesetzt wurde. Ein Jahr später kam bei der gleichen Veranstaltung ein Alpine Renault für Jean-Luc Thérier und François Chevalier zum Einsatz. Wieder in Le Mans, allerdings 1972, fuhren Dave Heinz und Robert Johnson mit einer Chevrolet Corvette auf den 15. Platz für NART. Es war das letzte Mal, das NART ein anderes Auto als einen Ferrari meldete.

1982 machte NART dort Schluss, wo man 1957 begonnen hat: In Le Mans. 1984 gab es allerdings Gerüchte über eine Rückkehr mit Lancia-Rennwagen. Aber daraus wurde nichts. Zehn Jahre später verstarb Chinetti. 16 Jahre später will Mullins in dessen Fußstapfen treten. Aber die Gefahr, dass diese für ihn zu groß sind, ist nicht minder kleiner.