Rubens Barrichello: Ein Rückblick auf zehn seiner 300 Grand Prix. Â
| Spa (!NS!DE-RAC!NG) - Nach seiner eigenen Zählweise feiert Rubens Barrichello beim Belgien GP seinen 300. Grand Prix. Spätestens beim Singapur GP wird er tatsächlich 300 F1-Rennen alt. Der Brasilianer ist der erste Fahrer in der F1-Geschichte, der so viele WM-Rennen bestritt. Eine kleine Auswahl seiner 300 F1-Rennen:
Der erste Grand Prix (Südafrika 1993): Eddie Jordan verpflichtete Rubens Barrichello nach dessen dritten Platz in der internationalen Formel-3000 für die Saison 1993. Eine lange Eingewöhnung brauchte Barrichello mit seinem Jordan Hart nicht: Bereits im Qualifying qualifizierte er sich für den 14. Startplatz und war damit fast eine halbe Sekunde schneller als sein Teamkollege Ivan Capelli. Der Italiener kam von Ferrari zu Jordan und hatte bereits seit 1985 F1-Erfahrung gesammelt. Trotzdem konnte er Barrichello nicht Schritt halten. Im Rennen kam Barrichello immer besser in Schuss. In Runde 30 fuhr er seine Schnellste Runde, die für Rang 14 in der Liste der Schnellsten Rennrunden beim Südafrika GP 1993 reichte. Eine Runde später ließ ihn das Getriebe im Stich und er schied aus. Das halbautomatische Getriebe von X-trac machte bei Jordan die gesamte Saison über Probleme, weshalb vorübergehend auch ein manuelles Getriebe zum Einsatz kam.
Der erste Pech-Grand-Prix (Europa 1993): Das Rennen in Donington 1993 ein sehr spezielles Rennen. Wo sonst ist die Schnellste Rennrunde eine Runde durch die Boxengasse gewesen, oder wo sonst waren die ersten drei Fahrer auf dem Podium zusammen nicht weniger als 18 Mal an der Box? Durch die wechselhaften Bedingungen waren die Teams nicht nur zu zahlreichen Reifenwechsel angehalten, es gab auch die Chance für die kleinen Teams zu überraschen. Und die Chance ergriff Jordan mit Barrichello. Obschon auch Barrichello sechs Mal an die Box fuhr, war der Brasilianer stark unterwegs, entfaltete sein ganzes Talent und brachte seinen Jordan auf Podest-Kurs. Als sechs Runden vor Rennende ein Treibstoffdruckverlust auftrat und Barrichello ausschied, war er auf Rang drei. So stand Barrichello erst beim Pacific GP 1994 erstmals auf dem Podest: Hinter Michael Schumacher (Benetton Ford) und Gerhard Berger (Ferrari) wurde er Dritter.
Der Unfall-Grand-Prix (Imola 1994): Triumph und Tragödien liegen im Motorsport oft eng beisammen. Davon kann aktuell beispielsweise Giacomo Ricci ein Liedchen singen. Der Italiener fuhr bei DPR in der GP2, doch bei Barrichellos 300. Grand Prix wird er durch Fabrizio Crestani ersetzt, weil die Zahlungsmoral seiner Sponsoren wohl nicht viel besser als die des Force-India-Chefs Vijay Mallya. Ausgerechnet nach seinem ersten GP2-Sieg in Budapest ist Ricci damit ohne Job. Barrichello machte die Erfahrung von Triumph und Tragödie beim Imola GP 1994. Denn nach seinem hervorragenden dritten Platz zuvor beim Pacific GP erlebte sowohl Barrichello, als auch der Rest des F1-Zirkuses ein schwarzes Wochenende in Imola. Barrichello legte seinen Jordan Hart im Training aufs Dach, nachdem er zuvor wohl wegen eines Frontflügelbruchs über die Randsteine fuhr, abhob und in die Reifenstapel flog. Mit blutiger Nase wurde Barrichello aus dem Wrack befreit, an einen Rennstart war nicht zu denken. Doch noch betroffener war Barrichello, als am Rennsonntag sein Idol, Ayrton Senna verstarb. Bereits am Samstag verlor Roland Ratzenberger sein Leben.
Der erste Freie-Sicht-Grand Prix (Belgien 1994): Rubens Barrichello mag Spa wohl nicht nur wegen seiner einzigartigen Streckencharakteristik oder weil er am kommenden Wochenende dort seinen 300. Grand Prix feiert. Nein, Barrichello hat seit 1994 schöne Erinnerungen an den Belgien GP, denn damals stellte er seinen Jordan Hart völlig überraschend auf Pole Position. Es war seine erste von inzwischen 14 Pole Positions. Mit mehr als drei Zehntel verwies Barrichello Michael Schumacher (Benetton Ford) auf Rang zwei. Barrichello profitierte aber auch von den wechselhaften Bedingungen und einer gut gewählten Strategie. Im Rennen konnte er von der Pole Position aber keinen Profit schlagen: Bereits am Start wurde er von Schumacher und Jean Alesi (Ferrari), wenig später auch von Damon Hill (Williams Renault) überrumpelt. In Runde 19 war das Rennen nach einem Dreher dann vorzeitig beendet.
Der unerwartetste Podest-Grand Prix (Monaco 1997): Nach den ersten beiden erfolgreichen Jahren galt Barrichello als großes Talent. Mit Williams, McLaren, Ferrari und Benetton zeigten alle vier Topteams der damaligen Zeit Interesse an die Dienste des Brasilianers. So verhinderte nur die geforderte Ablösesumme von Eddie Jordan einen Wechsel zu Williams nach dem tödlichen Unfall von Ayrton Senna. Es war eine große Chance für Barrichello, denn der Bolide war absolut WM-tauglich und Barrichello sicherlich auf dem Niveau von Damon Hill. Wer weiß, welchen Namen der Weltmeister 1996 getragen hätte, wäre der Transfer vonstatten gegangen. Aber Barrichello blieb auch 1995 und 1996 bei Jordan, verlor dort aber seinen guten Ruf. In einem schnelllebigen Geschäft wie die Formel-1 es eines ist, zählen gute alte Tage soviel wie ein Pfifferling. Und so stand die F1-Karriere von Barrichello auf der Kippe. Penske bot Barrichello ein Cockpit in der IndyCar an, doch dann fand Barrichello mit dem neuen Stewart-Team doch noch eine neue Stelle in der Formel-1. Doch bei Stewart lief nur selten was zusammen: Nur drei Mal sah Barrichello die Zielflagge, ansonsten gab es nur Ausfälle. Um so überraschend kam der zweite Platz beim Monaco GP. Dank der Bridgestone-Reifen war der Stewart Ford von Barrichello konkurrenzfähig und musste sich im Regen nur den Ferrari von Michael Schumacher geschlagen geben.
Der bittere Heim-GP (Brasilien 1999): Mit Stewart ging es auch 1998 kaum aufwärts, 1999 aber schon. Man war plötzlich die vierte Kraft und mauserte sich immer wieder zum Favoritenschreck der großen Teams. Als Barrichello seinen Stewart Ford dann beim Heimrennen in Brasilien 1999 auch noch auf Startplatz drei stellte, träumten die Brasilianer von einem Heimsieg ihrer GP-Hoffnung. Und Barrichello gab auch im Rennen Gas bis zum Umfallen. Nicht er fiel um, aber sein Motor: 23 Runden lag Barrichello in Führung, mindestens ein Podestplatz war drin, aber der Motor machte nicht mit. Barrichello war verbittert.
Der Tränen-GP (Deutschland 2000): Bei Stewart war Barrichello 1999 ein Topfahrer. Beim Europa GP war er trotzdem enttäuscht: Weil die Favoriten reihenweise patzten, kam Stewart zu einer Siegchance. Barrichello, der dominierende Stewart-Fahrer konnte die Chance aber nicht nutzen und wurde nur Dritter. Gewonnen hat stattdessen sein Teamkollege Johnny Herbert. Trotzdem: Seine ausgezeichnete Performance 1999 brachte ihn für 2000 das Ferrari-Cockpit seines früheren Teamkollegen Eddie Irvine ein. Und damit hatte Barrichello ein Cockpit, mit dem Siege möglich waren. Doch dauerte das noch bis in den Sommer, bis zum Großen Preis von Deutschland. Bei wechselhaften Bedingungen sparte sich Barrichello den Wechsel auf Trockenreifen am Schluss auf. In den letzten Runden holte das McLaren-Mercedes-Duo Mika Häkkinen und David Coulthard mit riesigen Schritten auf. Aber Barrichello hielt den Druck stand: Er feierte seinen ersten GP-Sieg. Noch viel heftiger als die Tränen des Himmels, waren Barrichellos Freudentränen danach auf dem Siegertreppchen. Mit einer brasilianischen Fahne und ganz vielen Tränen feierte Barrichello wohl seinen schönsten Augenblick in der Formel-1.
Der Nr.1b-Grand Prix (Österreich GP 2002): Bei Ferrari gab es aber nicht nur Freudentränen. Barrichello stand im Schatten von Michael Schumacher und zwar deutlich. Als Nummer-2-Fahrer wurde er im Fahrerlager belächelt, doch er selbst blickte der Wahrheit nicht ins Gesicht. Offenbar kann auch Schatten blenden. Er sei höchstens eine Nummer-1b. Wie sehr Ferrari aber in Richtung Schumacher arbeitete, wurde nie deutlicher als beim Österreich GP 2002. Schumacher gewann bereits alle Saisonrennen zuvor, Ferrari war das dominierende Team. In Österreich war Barrichello einfach schneller als Schumacher, das war bereits 2001 so. Klar auf Siegeskurs wurde Barrichello vor der Zielflagge hinter Schumacher zurückgepfiffen. Die Fans pfiffen bei der Siegerehrung zurück. Nicht nur Barrichello fühlte sich an diesem Tag vom Sport betrogen.
Der beste Grand Prix (Silverstone 2003): Barrichello selbst bezeichnet den Großbritannien GP zurecht als seinen bisher besten Grand Prix. Bereits im Qualifying war der Konkurrenz gegen Barrichello kein Kraut gewachsen. Im Rennen wurde es Barrichello schwer gemacht: Safety-Car-Phasen und ein chaotischer Rennverlauf durch einen Irren, der auf die Strecke lief, warf Barrichello zwischenzeitlich auf Rang 17 zurück. Kein Problem für den Brasilianer an diesem 20. Juli 2003. Mit teilweise mehr als sehenswerten Überholmanövern wühlte sich Barrichello durchs Feld. In Runde 36 übernahm Barrichello wieder die Führung und gewann das spektakuläre Rennen.
Der Aufersteh-Grand Prix (Europa 2009): 2006 wechselte Barrichello zu Honda, fuhr dort aber hinterher. Mehrfach schien sich die Karriere von Barrichello dem Ende zuzuneigen. Für 2009 hätte eigentlich Bruno Senna seinen Landsmann abgelöst, doch dann kam der Honda-Ausstieg und der Verkauf des Teams an Brawn. Ohne Testfahrten wollte Ross Brawn nicht auf einen Rookie setzen. Er gab Barrichello also noch einmal ein Cockpit. Und zu Saisonbeginn überraschte Brawn die Konkurrenz mit einer dominierenden Vorstellung. Barrichello, der 2007 und 2008 gegen Jenson Button eigentlich ganz gut aussah, hatte aber gegen Button nichts zu Melden. Erst im Sommer, als der Brawn Mercedes nicht mehr so dominierend war, wurde Barrichello wieder stärker. Beim Europa GP gewann er deshalb den ersten Grand Prix seit China 2004. Es war die Wiederauferstehung von Barrichello, denn er war damit wieder mitten im WM-Kampf und vor allem wieder auf den Notizzetteln der F1-Teamchefs. Und so fand er auch für 2010 wieder ein Cockpit, bei Williams. Das sorgt dafür, dass Barrichello in Belgien feiern darf – 300 Grand Prix! Gratulation.