Kimi Räikkönen wird der siebte Weltmeister sein, der für das Team aus Enstone ans Lenkrad greifen wird.
| Enstone (!NS!DE RAC!NG) - Die F1-Statistik ist inzwischen kompliziert worden: Ein Lotus-Teams gibt’s drei Mal, einmal bis 1994, eines 2010 und 2011 und 2012 wird aus dem ehemaligen Renault-Team ein Lotus-Team. In den Vereinigten Staaten von Amerika gibt es mehrere Städte, die den Namen Lotus tragen. Sie unterscheidet formell die Postleitzahl. Also werden wir die Teams nun anhand von Postleitzahlen identifizieren. Das Lotus-Team von 2012 hieß also bis einschließlich 2011 Renault, davor bis einschließlich 2001 Benetton, davor bis einschließlich 1985 Toleman. Das Team wurde also ursprünglich von Ted Toleman aus der Taufe gehoben. In der rund 30-jährigen Teamgeschichte fanden schon einige Weltmeister den Weg ins Cockpit eines der Rennwagen, so ab 2012 auch Kimi Räikköne, Weltmeister von 2007 (damals im Ferrari – und für Ferrari).
Ayrton Senna
Der erste Weltmeister fuhr noch, als Ted Toleman die Regie des Teams hatte. Damals war der Brasilianer noch gar kein Weltmeister – aber schon ein als talentiert verrufener Pilot aus Brasilien. Nach einigen Tests für Williams, McLaren und Benetton gab ihm Toleman 1984 die Chance zum F1-Debüt im britischen Team. Eigentlich sollte Senna für Brabham fahren, doch dort spielte Sennas Landsmann Nelson Piquet nicht mit – er fürchtete, Senna könnte ihm die brasilianischen Sympathien im Team und der Fans klauen. Der Verdacht war nicht so abwegig: Senna konnte viel mehr begeistern als der Bad-Boy Piquet. Senna und Piquet waren sich bis zum Schluss nicht grün, hatten eine Erzrivalität. Höhepunkt war sicherlich, als Piquet Senna unterstellte, er dem eigenen Geschlecht zuneigig zu sein. Das ging unter die Gürtellinie – wie so oft bei Piquet. Nicht immer meinte er es so tiefernst. Piquet ist ein Lebemann (wer sonst wird innerhalb von zwei Wochen zwei Mal Vater?), der gerne provoziert. Noch heute. Beim Brasilien GP durfte er seinen Weltmeister-Brabham aus dem Jahr 1981 zu Demorunden ausführen. Dabei warb er für den aus Sicht São Paulos für den gegnerischen Fußballverein, Corinthians (auch einst in der Formel-Superleague im Motorsport vertreten). Nicht beliebt machte sich auch Senna 1984 bei Toleman. Zwar hatte Senna einen Zweijahresvertrag in der Tasche, doch vor dem Italien GP überraschte er mit der Bekanntgabe des Wechsels zu Lotus 1985. Also das richtige Lotus-Team, nicht das Toleman-Nachnachnachfolgeteam Lotus. Toleman reagierte und ersetzte ihn in Monza prompt durch den jungen Italiener Pierluigi Martini. Der konnte sich aber bei seinem ersten F1-Einsatz nicht qualifizieren, also holte Toleman für die letzten zwei Rennen Senna zurück. Denn im Toleman Hart überzeugte Senna von hinten bis vorne. Den verregneten Grand Prix von Monaco hätte er wohl gewonnen, wenn Rennleiter und Ex-F1-Pilot Jacky Ickx das Rennen nicht vorzeitig abgebrochen hätte. So wurde Senna nur Zweiter (vor einem jungen Deutschen namens Stefan Bellof), holte aber sein erstes F1-Podest in seiner Karriere. Zwei weitere ließ er 1984 noch folgen, in Großbritannien und Portugal.
Nelson Piquet
Auch Sennas Erzrivale Nelson Piquet fand den Weg zum Team, inzwischen schon als Benetton bekannt. Piquet fuhr 1990 und 1991 für Benetton, als im Spätherbst seiner Karriere. War Piquets Formkurve bereits fallend, so stieg die von Benetton immer weiter an. Benetton war nun regelmäßig für Punkte gut, immer wieder sogar für Podestplätze. Und dann gewann Piquet sogar die letzten beiden Rennen der Saison 1990. Beides Male durch Glück. Beim Japan GP half ihm ausgerechnet Ayrton Senna, als dieser absichtlich mit Alain Prost kollidierte und so Weltmeister wurde. Nachdem auch Gerhard Berger im zweiten McLaren Honda und Nigel Mansell im zweiten Ferrari ausschieden, konnte Benetton mit den beiden Brasilianer Piquet und Roberto Moreno sogar einen Doppelsieg erringen! Als dritter stieg mit Aguri Suzuki (Lola Lamborghini des Larrousse-Teams) erstmals ein Japaner bei einem F1-WM-Lauf aufs Podium – und das noch vor heimischem Publikum. Auch in Australien siegte Piquet nur, weil Senna durch einen Unfall ausschied. Stark war aber, wie er die beiden Ferraris von Mansell und Prost, sowie Bergers McLaren Honda hinter sich halten konnte. Schließlich siegte Piquet auch beim Kanada GP 1991, weil sein früherer Williams-Teamkollege und Titelkonkurrent Nigel Mansell in der letzten Runde seinen Ferrari mit Getriebeschaden abstellen musste! So siegte Piquet vor Stefano Modena im Tyrrell Honda. Piquet hatte damals durchaus noch Glanztage, aber auch viele, die nicht mehr so stark waren. Ende 1991 wurde Michael Schumacher der Teamkollege von Piquet – und der setzte ihn ganz schön zu. Benetton-Teamchef Flavio Briatore baute auch auf Schumacher. Piquet war damals immer noch begehrt. Für 1992 verhandelte er mit Ligier, 1991 sogar mit Ferrari und Williams. Piquet blieb aber bei Benetton bis zum Karriereende Ende 1991, weil er dort wohl sehr gut verdiente.
Michael Schumacher
Der Übergang zum nächsten Weltmeister lief lückenlos. Als Schumacher zu Benetton kam, war er noch kein Weltmeister, er war aber der erste Fahrer, der mit dem Team Weltmeister wurde. Teamchef Flavio Briatore, der ursprünglich für den Kleidungshersteller Benetton arbeitete, baute ein WM-fähiges Team auf, mit Rory Byrne, Ross Brawn und Pat Symonds an der Technikspitze, sowie Michael Schumacher als Fahrer. 1994 wurde Schumacher nur durch eine Kollision mit Damon Hill beim Finale in Australien Meister. Die ganze Saison stand Benetton unter Betrugsverdacht, angefangen bei einer illegalen Startautomatik, bis hin zu anderen Tricksereien. Weil Schumacher die schwarze Flagge in Silverstone missachtete, musste er sogar zwei Rennen zuschauen. 1995 sattelte Benetton auf Renault-Motoren um (dazu kaufte sich Briatore sogar das Ligier-Team!), mit denen auch Williams unterwegs war – der stärkste Benetton-Widersacher. 1995 fiel Schumacher die WM einfacher. Ende 1995 verließ Schumacher mitsamt Brawn und Byrne Benetton Richtung Ferrari. Fortan ging es mit dem Team erstmal bergab. Schumacher sammelte für Benetton 19 Siege, so viele wie kein anderer zuvor, oder danach. Darunter sind spektakuläre Siege wie jener beim Belgien GP 1995, als er von Startplatz 16 aus gewann!
Jenson Button
Er kam als Leihgabe (!) 2001 zu Benetton. Das Team hieß noch Benetton, gehörte aber längst dem französischen Autohersteller Renault. So wie das Team 2011 Renault hieß, aber nicht mehr Renault gehörte… An vorderster Front kehrte Flavio Briatore zurück. Der Rennstall steckte in mitten einer Umstrukturierungsphase. Tatsächlich war Benetton 2001 oftmals ganz hinten anzutreffen, musste gegen zumindest den European Minardi von Fernando Alonso kämpfen. Als Fahrer war Giancarlo Fisichella bestätigt, daneben lieh sich Benetton von Williams Jenson Button aus. Obschon Fisichella Button in die Schranken wies, blieb Button auch 2002 im Team, jetzt auch offiziell als Renault antretend. Das neue Auto war ein großer Schritt nach vorne. Beim Auftakt in Australien kamen nur acht Autos ins Ziel – Button und Stallgefährte Jarno Trulli waren nicht darunter. Aber bereits danach ließ Button sein Talent so richtig aufblitzen: Zwei vierte Plätze und ein fünfter Rang – 2001 fuhr Button zum Vergleich nur beim Österreich GP als Fünfter in die Punkte. Am Ende wurde Renault Gesamt-4. in der Konstrukteurswertung und Button setzte sich gegen den von Jordan gekommenen Jarno Trulli durch. Button wechselte 2003 aber das Team – es dauerte noch bis in die Saison 2009, als er mit einem überlegenen Brawn Mercedes Weltmeister wurde. Dass das kein Zufall war, zeigt er seit 2010 an der Seite des so hoch eingeschätzten Lewis Hamilton bei McLaren.
Fernando Alonso
Für Button kam 2003 Fernando Alonso zu Renault – wieder ein Weltmeister, der damals aber noch keiner war. Alonso war der persönliche Schützling von Flavio Briatore. Briatore engagierte sich längst schon als Manager junger Rennfahrer, mit Alonso wollte er nun das gleiche machen, wie Mitte der 90er Jahre mit Michael Schumacher. Und tatsächlich schaffte er es auch: 2005 und 2006 wurde Fernando Alonso Weltmeister. Die Bedeutung der WM-Titel ist aber nicht mit jenen von Schumacher zu vergleichen. Damals kämpfte Benetton als Privatteam gegen die großen Teams, 2005 und 2006 war man ein Werksteam. Trotzdem hatte aber man aber bei weitem nicht das Budget, wie andere Toprennställe wie Ferrari oder McLaren – oder gar wie andere Automobilhersteller-Teams wie Toyota oder Honda. Der Erfolg war nicht gekauft, sondern strategisch geplant. Briatore verfolgt so viele Philosophien, eine zum Beispiel: Klare Rollenverteilung unter den Fahrern, also eine Nummer eins und eine Nummer zwei. Alonso war die Nummer eins. Was passierte, wenn die Nummer zwei der Nummer eins zu gefährlich wurde, zeigte sich 2004: Jarno Trulli hatte in jener schwierigen Saison für Renault Alonso im Griff, gewann in Monaco auch den einzigen Grand Prix des Teams in jener Saison (und den einzigen in Trullis bisheriger F1-Karriere) – wurde aber drei Rennen vor Rennende durch den Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve ersetzt.
Jacques Villeneuve
Damit setzte Renault erstmals seit den letzten Rennen der Saison 1991 (damals mit Nelson Piquet und Michael Schumacher) wieder zwei Weltmeister auf einmal ein. Der Kanadier wurde 1997 im Williams Renault Weltmeister, war seither aber nicht mehr durch besondere Leistungen in Erscheinung getreten – dafür aber durch seine spezielle Persönlichkeit. So etwas kommt bei Fans an, offenbar schauen die Teamchefs aber nicht darauf. Für 2004 hatte Villeneuve kein Cockpit mehr. Dann im Herbst 2004 überschlugen sich die Ereignisse: Villeneuve bekam bei Sauber einen Vertrag für 2005 – und durfte schon bei den letzten drei Rennen 2004 wieder fahren, für Renault! Villeneuve packte die Gelegenheit aber nicht beim Schopfe, das Comeback gestaltete sich als äußerst schwierig. In Japan und Brasilien fuhr er auf Rang zehn – mehr war nicht drin. Villeneuve brauchte auch bis zur Saisonmitte 2005, bis er wieder auf Touren kam. Alonso bekam 2006 mit Giancarlo Fisichella eine neue Nummer zwei. 2007 wechselte er zu McLaren. Dort rieb er sich die Nerven an den Neuling Lewis Hamilton auf. Die Sehnsucht nach einem Nummer-eins-Status trieb ihn 2008 und 2009 wieder zurück zu Renault. Noch einmal gewann er zwei Rennen, insgesamt also 17 in Diensten von Renault. Der in Singapur 2008 ist äußerst umstritten, denn dafür musste Teamkollege Nelson Piquet jr., Nelsons Sohn, extra in die Mauer fahren und damit eine Safety-Car-Phase auslösen. Briatore wurde daraufhin aus der Formel-1 verbannt – in der Folge gab es den jüngsten Umstrukturierungsprozess im Team. Als Folge tritt das Team 2012 als Team Lotus an. Wieder mit einem Weltmeister, einem, der es schon ist: Kimi Räikkönen.