Die Debütanten (1): Heidfelds Warten auf Godot
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Donnerstag, 24. Dezember 2009 um 11:18

Die Debütanten (1): Heidfelds Warten auf Godot 

von Natalie Rusch


Drei Debütanten gab es zur Saison 2000. Zwei davon waren das ganze Jahrzehnt über dabei. Als hoffnungsvolle Talente galten sowohl Nick Heidfeld als auch Jenson Button, doch für beide liefen zehn Jahre alles andere als geplant. Wir fassen zusammen.


ESTRAGON: Charming spot. Inspiring prospects.
Let's go.
VLADIMIR: We can't.
ESTRAGON: Why not?
VLADIMIR: We're waiting for Godot.

|(!NS!DE-RAC!NG) - Nick Heidfeld ist nicht der Mann der großen Gesten. Genau genommen sind es exakt zwei: Wenn er erfolgreich war, grinst er und macht für die Kameras ein Victory-Zeichen. Wenn etwas aber nicht nach Plan läuft, wuschelt er sich einmal und durchs Haar, streicht über den Bart und starrt in eine Ecke. In zehn Jahren Karriere hat man letztes öfter gesehen als ersteres, dabei standen die Vorzeichen zu Beginn des Jahrzehnts sehr gut.
Bevor er in die Formel 1 kam, hatte er so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Formel Ford, Formel 3, Formel 3000, seit 1997 testete er für McLaren-Mercedes und wurde von ihnen gefördert. "Dieser Titel kann die Kreditkarte in der F1 bedeuten", schätzte er seinen Formel 3-Titel richtig ein.
Nicht umsonst handelte er sich den Spitznamen "Quick Nick" ein. Nick Heidfeld hat immer an sich geglaubt und immer als großes Karriereziel den Weltmeistertitel ausgegeben. Beides tut er noch heute, aber dass sein Jahrzehnt so hart werden würde, hatte er nicht auf der Rechnung.
Mercedes fädelte für ihn den Prost-Deal für seine erste Saison 2000 ein, einer Zeit, in der die Plätze rar waren und junge aufstrebende Fahrer Vorlieb nehmen mussten mit dem, was sie bekamen.

Lehrjahre

Prost-Peugeot war eine harte Schule und Erfolg schon vor der Saison praktisch ausgeschlossen. Niki Lauda formulierte es treffend: "Nick Heidfeld sitzt im größten Scheißhaus der Formel 1".
Elfmal in 16 Rennen fiel er aus und holte genau wie Teamkollege Jean Alesi keine Punkte. Sein Ritual, das Tragen von zwei Armbanduhren, schaffte er im Jahr 2000 ab. Das war wohl nicht für seine Erfolge bis dahin verantwortlich. Gelegenheiten um Talent zu zeigen boten sich wenige, aber er nutzte sie so gut es ging und bekam für 2001 einen Vertrag bei Sauber-Petronas, die im Vorjahr aber auch nur auf WM-Platz acht lagen. Mit 23 Jahren wurde Heidfeld dort Teamleader und bildete mit dem noch zwei Jahre jüngeren Räikkönen das jüngste Team im Feld. Beide Piloten rechtfertigten das Vertrauen von Peter Sauber und wurden die Überraschung der Saison. Zwölf Punkte fuhr Heidfeld ein, dazu sein erstes Podium im Regen von Brasilien, das das Team wie einen Sieg feierte. Doch dass ausgerechnet Kimi Räikkönen für seine erste und folgenreiche Niederlage sorgen sollte, hatte sich keiner träumen lassen. Er schlug den schnellen Finnen konstant, aber dieser konnte dennoch Glanzlichter setzen, die bei McLaren nicht unbemerkt blieben. Als Gerüchte über ein Karriereende Mika Häkkinens aufkamen, konnte es lange nur einen Nachfolger geben. Heidfeld machte sich berechtigte Hoffnung auf seine Nachfolge: "Ich wäre ja bekloppt zu sagen, da gehe ich nicht hin", sagte er noch im Juni 2001. Doch es war der Finne Räikkönen, den McLaren-Mercedes nahm, vielleicht das große Talent, vielleicht aber auch das unberechenbare Risiko.

Heidfeld fuhr noch zwei Jahre für Sauber-Petronas und hoffte immer noch, dass Mercedes seine Option irgendwann einlösen würde, doch die Plätze waren auf Jahre besetzt. Sauber-Petronas litt in jenen Jahren wie alle anderen privaten Teams an seinem im Verhältnis zu den großen Herstellern winzigen Budget, hinzu kam die Schwäche der Bridgestone-Reifen, die auch Ferrari 2003 beinahe den Titel gekostet hätte. Noch war es die Zeit, als nur große Teams siegen konnten und jeder Fahrer zwingend bei McLaren-Mercedes, BMW-Williams oder Ferrari fahren musste.
Man warf Heidfeld mangelnde Motivation und Leidenschaftslosigkeit vor.

Als Mercedes' Option verfiel, blieb für den Mönchengladbacher, der gut auf das Brimborium rund um den Zirkus Formel 1 verzichten könnte, nur ein Platz im Hinterbänkler Jordan. Er fuhr ohne Gage, musste aber anders als andere Fahrer in diesen Teams, nichts für seinen Platz zahlen. Eddie Jordan versprach sich einen Aufschwung für das Team, mittlerweile hatte Heidfeld genug Erfahrung und galt als technisch sehr versiert. Er verbachte viel Zeit mit den Ingenieuren, holte in den Rennen das Maximum aus einem Auto, das unumwunden als kränkelnde Apfelsinenkiste bezeichnet werden konnte, doch die Medienschlagzeilen machten andere. Keine Aufmerksamkeit bedeutet keine Sponsoren und kein Geld.

Chancen bei BMW-Williams und BMW-Sauber

Wohl aufgefallen und honoriert wurde Heidfelds Arbeit in jenem Jahr, in dem er immer wieder kleine Achtungserfolge erzielte, auch wenn die Entwicklungsarbeit schon in der Mitte der Saison eingestellt werden musste. Nach dem Weggang von Ralf Schumacher erhielt Heidfeld dessen Platz bei BMW-Williams. Der Weg dahin war aber einmal mehr steinig, doch "Quick Nick" hatte sich daran gewöhnt und entschied das Aussscheidungsrennen gegen Antonio Pizzonia für sich.
Die großen Jahre von BMW-Williams waren vorbei, BMW bereitete seine Trennung von Williams vor, Heidfeld nutzte jedoch seine Chancen in dem bisher besten Team, in dem er fahren durfte. Bis zur Mitte er Saison standen drei Podiumsplätze und eine Pole-Position am Nürburgring zu Buche. Er schlug Mark Webber und konnte immer wieder sein Victory-Zeichen in die Kameras machen. Eine positive Notiz in sein sonst eher leeres Image-Buch erreichte er, als er in Monaco dem späteren Weltmeister Fernando Alonso in Millimeter-Arbeit den zweiten Platz abluchste. In sämtlichen folgenden Jahren kam es tatsächlich immer wieder zu Zweikämpfen mit jenem Alonso, die Heidfeld für sich entschied, wie in Bahrein 2007.

VLADIMIR: We've nothing more to do here.
ESTRAGON: Nor anywhere else.
VLADIMIR: Ah Gogo, don't go on like that. Tomorrow everything will be better.
ESTRAGON: How do you make that out?
VLADIMIR: Did you not hear what the child said?
ESTRAGON: No.
VLADIMIR: He said that Godot was sure to come tomorrow. (Pause.) What do you say to that?
ESTRAGON: Then all we have to do is to wait on here.

Dr. Mario Theissen wurde einer seiner Fürsprecher und nahm ihn mit zu BMW-Sauber-Team. Heidfeld als "missing link" beider Teams, das jetzt als Eines zum Erfolg geführt werden sollte.
Heidfeld hatte sich bereits in Geduld geübt, kannte sich in der Disziplin "von Null anfangen" aus und bastelte immer weiter an seinem Erfolg. Der kam 2007. BMW-Sauber war noch kein Topteam, überraschte aber in seiner Stärke und Schnelligkeit. Diesmal saß Nick Heidfeld in der ersten Reihe, sammelte das Maximum an für das Team möglichen Punkten, fuhr aus eigener Kraft auf das Podium und versetzte das Team in Euphorie. Nick Heidfeld hatte sein Team gefunden und war jetzt Teil einer Truppe, die sich selber zum Topteam machen wollte und konnte.
Womit er wieder einmal nicht gerechnet hat und wohl nicht hat rechnen können war, dass seine Stärken plötzlich Schwächen werden würden. Heidfelds sanfter, ruhiger Fahrstil hatte oft Erfolge gebracht und seine Rennwagen am Limit schnell und konstant bewegt. Der BMW-Sauber von 2008 das bisher schnellste Auto des bayrisch-schweizerischen Teams, aber es war kein gutmütiges Auto. Robert Kubica war genau das recht und er stellte Heidfeld klar in den Schatten. Es dauerte lange, bis der mittlerweile 31-Jährige aus dem Tief -trotz den Erfolgen, die er in fehlerlosen Rennen immer noch einfuhr -, wieder herauskam. Doch auch das gelang ihm. Er hätte vielleicht das Stehaufmännchen der Formel 1 sein können, aber sein Image machte ihm einmal mehr einen Strich durch die Rechnung. BMW sprach ihm für eine weitere Saison das Vertrauen aus, doch die Anerkennung der Medien und der Formel 1-Anhänger hatte er längst verloren, Spott und Beleidigungen begleiten ihn seit langem. Wie zuvor Heinz-Harald Frentzen und wie Ralf Schumacher.

Am Scheideweg der Karriere

Zu ruhig und anonym ist Nick Heidfeld. Kein Sonnyboy, der sich vor der Kamera wohlfühlt. Nicht einmal für Skandale ist er gut, weder Teenie-Magazine noch die Regenbogenpresse kennt seinen Namen. Nick Heidfeld ist nachdenklich, analysiert lieber als Phrasen zu dreschen. In der Formel 1 der Selbstdarsteller findet er nur schwerlich seinen Platz, sein neuer Look mit modischen Klamotten und Vollbart wird als Versuch verhöhnt, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Darüber lächelt er nur müde und verweist auf die Fakten. Ja, er hat in zehn Jahren Formel 1 kein einziges Rennen gewonnen, das kann er nicht bestreiten. Allerdings beschränken sich die Jahre in denen er tatsächlich ein Rennen hätte gewinnen können, auf ein einziges. Nick Heidfeld hat in jenen zehn Jahren aber vor allem seinen Kredit dadurch aufgestockt, dass er alle hochgehandelten jungen Teamkollegen im Rennen geschlagen hat, selbst Kubica. Aber nie dann, wenn es für Medien entscheidend war.
Dass Heidfeld am Saisonende 2009 aber tatsächlich mit McLaren-Mercedes bzw. Mercedes über ein Top-Cockpit für 2010 verhandelte, erstaunte zunächst. Dass sich dann Gerüchte darüber ohne jedes Zutun von Heidfeld erhärteten, ist dann wohl doch etwas geschuldet, was man im Gesamtblick von zehn Jahren anerkennt: Leistung?
Wäre Heidfeld zu Mercedes gekommen, wäre das die ultimative Heimkehr gewesen, wie in der Geschichte vom verlorenen Sohn. Nun bleiben für Nick Heidfeld wieder einmal nur die Reste. Glück hat er in zehn Jahren nur selten gehabt. Das Warten auf Godot geht weiter.

VLADIMIR: Well? Shall we go?
ESTRAGON: Yes, let's go.

They do not move.

Curtain.

Lesen Sie morgen, am Tag 2 des Spezials zum vergangenen Jahrzehnt, was das Jahr 2001 bereit hielt. Außerdem: Das TourenwagenWM-Jahrzehnt.

 


Anmerkung: Kursiv Gedrucktes sind Zitate aus der englischen Version von: Samuel Beckett – En attendant Godot, 1952