Der WM-Kampf geht in die heiße Phase. Wer hat die besten Karten, wer überhaupt noch Chancen?  Â
| Spa (!NS!DE-RAC!NG) - Mit fünf WM-Kandidaten ging der F1-Zirkus in das Belgien-Rennwochenende: Red Bull mit beiden Fahrern Sebastian Vettel und Mark Webber – und mit dem schnellsten, aber nicht zuverlässigsten Auto; McLaren mit beiden Fahrern Lewis Hamilton und Jenson Button – Hamilton als wohl schnellster aktueller Fahrer und Button als cleverer Punktesammler; Und schließlich Ferrari mit Fernando Alonso – auch dank der Stallregie beim Deutschland GP.
Beim Belgien GP wurde der WM-Kampf übersichtlicher: Mathematisch haben jetzt nur noch zehn Fahrer Titelchancen, im Titelrennen tatsächlich sind weiterhin fünf Fahrer, aber drei haben nur noch Außenseiterchancen. Aber auch auf die sollte man in einer so seltsamen, wechselhaften und undurchsichtigen Saison setzen, vor allem, weil nun Rennen anstehen, die für Regen und Chaos immer gut sind. Der Titel könnte auch durch Chaos und Glück entschieden werden.
Lewis Hamilton hat als WM-Leader mathematisch die besten Chancen. Nach dem Unfall von Jenson Button mit Sebastian Vettel hat Hamilton zudem den Vorteil, dass McLaren wohl bald voll auf Hamilton setzen wird, denn Buttons WM-Chancen werden wohl weiter sinken, außer Button gewinnt überraschend wieder ein Rennen. Bei Red Bull ist das noch nicht der Fall: Dort werden beide Fahrer weiterhin voll auf den Titel gesetzt, vor allem Vettel. Das wird dazu führen, dass sich die beiden Fahrer gegenseitig die Butter vom Brot nehmen, also die Punkte. Hamilton hat in Belgien außerdem gezeigt, dass er wohl aktuell der beste Fahrer im Feld ist. Und der Brite scheint das nötige Rennglück zu haben: Der Belgien GP hätte für den Weltmeister von 2008 auch eine Nullnummer werden können, wenn er bei seinem Ausflug die Mauer mehr als nur gestreift hätte. Das Rennpech hatte Hamilton eher zu Saisonbeginn.
Mark Webber hat wohl das beste Auto, aber wie bereits erwähnt nicht das zuverlässigste. Mehr Sorgen als etwaige technische Probleme machte man sich bei Red Bull wegen der GP-Rennen in Belgien und Italien. Beide passen überhaupt nicht zur Charakteristik des Red Bull Renault. Webber hat den Belgien GP gut überstanden, jetzt muss er auch in Italien ordentlich punkten. Der Rest des Kalenders sind wieder Red-Bull-Strecken. Webber kann dann sein Potenzial voll ausschöpfen, außer die Teamleitung macht ihm einen Strich durch die Rechnung – und das könnte tatsächlich passieren. Denn Teamchef Christian Horner und Berater Helmut Marko wollen weiterhin Vettel und nicht Webber als WM. Das machten sie auch in Belgien wieder deutlich, als sie jegliche Schuld am Vettel-Unfall Button in die Schuhe schoben – unverständlicherweise. Noch offensichtlicher als in der Türkei war dieses Mal Vettel der Auslöser des Unfalls. Streitbar ist höchstens, ob dafür unbedingt eine Durchfahrtsstrafe nötig gewesen wäre. Logischer wäre, wenn Red Bull nun auch endlich Webber jegliche Unterstützung zugesagt wird, denn Webber ist in der deutlich besseren Ausgangsposition, macht weniger Fehler und zeigt immer wieder, dass Kritiker Unrecht haben, wenn sie behaupten, dass Vettel doch deutlich schneller als Webber sei. So geschickt die Antwort per Boxenfunk in Silverstone war, so geschickt war die Antwort beim Belgien GP: Pole Position. Trotzdem: Die Teampolitik wird dazu führen, dass sich Vettel und Webber die Punkte gegenseitig wegnehmen werden, Hamilton könnte der Nutznießer sein. Außerdem wurde in Spa auch gemunkelt, dass das plötzliche Ende der Red-Bull-Dominanz gar nicht an der Strecke lag, sondern an den verschärften Flexibilitätstests der Frontflügel und Unterböden. Verliert Red Bull die Dominanz, dürfte es Webber gegen Hamilton schwer haben.
Sebastian Vettel hat sich mit der Kollision gegen Jenson Button möglicherweise selbst um den Titel gebracht. Der Deutsche hat nicht das erste Mal seine Ungeduldigkeit im Rennen offenbart. Der WM-Zug fährt ab, kann aber noch eingeholt werden. Vor allem, weil ihm die Teamführung weiter die Treue hält und pusht – mehr als Webber. In sechs Rennen sind 31 Punkte aufzuholen und noch wichtiger: In sechs Wochen ist das teaminterne Duell auch dank psychologischer Unterstützung durch Horner und Marko wieder zu drehen. Aber dazu muss Vettel seine hohe Fehlerquote aus den letzten Rennen abstellen. Gelingt das und ist auch Red Bull wieder ganz vorne dabei, ist auch Vettel schnell wieder in der Liga von Button und Webber. Aber erstmal muss Vettel zeigen, dass er reif für den ersten deutschen WM-Titel seit 2004 (Michael Schumacher, Ferrari) ist.
Jenson Button ist überhaupt nur noch im WM-Kampf, weil er äußerst klug fährt und auch das Rennglück auf seiner Seite hat. Deutlich wird das durch seine beiden Siege zu Beginn der Saison – beide herausgefahren bei regnerischen Bedingungen. Gerade dort ist Clervernes und Glück gefragt. Und die kommenden Rennen könnten durchaus im Regen stattfinden, außer das kommende Rennen in Monza. Doch fahrerisch ist er dem Teamkollegen Lewis Hamilton unterlegen und weil er auch bei den Punkten deutlich zurückliegt, wird McLaren im Titelkampf bald alle Konzentration auf Hamilton setzen. Gönnen würde man Button die Titelverteidigung ja, denn es war mutig, sich Hamilton bei McLaren zu stellen. Button hat Sympathie gewonnen, keine Frage.
Fernando Alonso hat ebenfalls ein schlechtes Belgien-Rennen gehabt. Erst ein schlechtes Rennen, dann auch noch ein selbstverschuldeter Unfall. Dass es wegen einer Kollision (hier war er unschuldig) mit Rubens Barrichello eh nur um ein paar WM-Punkte ging, macht es auch nicht besser. Aber der Spanier zählt zu den besten Fahrern aktuell und hat bewiesen, dass er wieder zurückkehren kann in den WM-Kampf. Denn Ferrari ist nach der Talfahrt im Sommer seit ein paar Rennen wieder ganz vorne mit dabei und kann es mit Red Bull und McLaren weiterhin aufnehmen. Wohl auch in Spa wäre mehr möglich gewesen. Felipe Massa konnte ganz gut mithalten und weil Fernando Alonso unter normalen Umständen doch ein deutliches Stück schneller ist, wäre ein Sieg durchaus drin gewesen, zumindest aber ein Platz auf dem Treppchen. Auch das wären wertvolle Punkte gewesen. Nun sind die WM-Chancen freilich deutlich schlechter und sie könnten noch schlechter werden, wenn noch eine weitere Strafe wegen der Stallorder beim Deutschland GP folgt. Kein Problem mehr sind die Motoren. Nach den zahlreichen Motordefekten zu Beginn der Saison, ist Alonso nun wieder im Soll und dürfte mit acht Motoren wohl auskommen. Das nächste Ziel, um wieder auf WM-Kurs zu kommen: Ein Ferrari-Heimsieg mit Alonso in Monza.