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Sonstiger Motorsport: Forza Italia! Futurismus und Motorsport (2) von Natalie Rusch Â
WĂ€hrend der FuĂball lĂ€ngst Einzug in die Literatur gehalten hat und sich namhafte Philosophen und Schriftsteller mit jener Ballsportart beschĂ€ftigen, fĂŒhrt der Motorsport als Thema ein Schattendasein. Dabei hat er zu Beginn des letzten Jahrhunderts vor allem die italienische Kunst beflĂŒgelt.   | (!NS!DE-RAC!NG) - ZunĂ€chst waren es faschistische Intellektuelle, die sich dem Motorsport verschrieben. Als technische Sportart steht er in enger Verbindung mit der Kunst und den Idealen der Futuristen, ein Zusammentreffen von Politik und Kunst war vorhersehbar. Schon 1902 notierte der spĂ€tere futuristische Maler Umberto Boccioni am Rande eines Autorennens in sein Tagebuch, dass er den "Ruhm des neuen Italien" sehe, in den neuen Helden der StraĂe stecke Eroberungspotential. Das Automobil und der Rennsport hatten beste Anlagen, eine neue nationale IdentitĂ€t zu schaffen. Die französische Sporthistorikerin DaphnĂ© Bolz zieht eine Parallele zwischen Sport und Krieg: "Wie der Sport beruht auch der Krieg auf starkem körperlichen Einsatz. Sein höchstes Ziel war die Umsetzung einer Idee. Im Sport und im Krieg findet sich eine SchlĂŒsselidee des Faschismus wieder: der Triumph des Vaterlandes".   StĂ€rke, Weiblichkeit, Tod  1914 traf Filippo Tommaso Marinetti den Faschisten Mussolini, mit der GrĂŒndung der Faschistischen Partei 1919 stand Marinetti weit oben auf der Wahlliste. Auch nach dem Bruch Marinettis mit dem FaschistenfĂŒhrer wenig spĂ€ter benutzten diese Autorennen, jenseits des Rahmens von Literatur und Malerei, als Propagandamittel. Die Essenz der Kunst, die in passende Worte gegossene Begeisterung und Leidenschaft fĂŒr das schnelle Automobil, reichte um Autorennen ab 1930 mit System zu instrumentalisieren. Propagandaschriften destillieren aus ihnen DreiklĂ€nge wie "Zuerst der Wille, dann die Kraft und zuletzt der Sieg!" Vor allem Gebrauchswagen sollten zu jener Zeit an ihre rennerprobten Vorbilder erinnern, sie Ă€hneln sich technisch und Ă€sthetisch, ein reiner Gebrauchsgegenstand um von A nach B zu kommen war es nicht, sondern eher ein Symbol fĂŒr StĂ€rke und Moderne, das seine Eigenschaften auf den Piloten ĂŒbertrug. "Im Motorsport findet man ein sportliches Beispiel dieser modernen Dimension des neuen Menschen (...), so manche Sporthelden des Faschismus trieben 'exklusive Sportarten'. Sie waren Piloten oder Rennfahrer von schnellen Autos oder MotorrĂ€dern", so Bolz weiter. Somit wird durch den Rennfahrer vor allem MĂ€nnlichkeit demonstriert. Dennoch schrieben und schreiben Rennfahrer noch heute ihrem Fahrzeug weibliche Eigenschaften zu, sie behandeln sie sanft wie eine Frau, geben ihnen Frauennamen oder preisen das neueste Model als "Rote Göttin", wie das Formel-1-Team Ferrari es 2002 tat. Dabei beinhaltete Marinettis Manifest mehr als deutliche frauenfeindliche Parolen: â Wir wollen den Krieg preisen, - diese einzige Hygiene der Welt - den Militarismus, den Patriotismus, die zerstörende Geste der Anarchisten, die schönen Gedanken, die töten, und die Verachtung des Weibesâ. Ein Jahr spĂ€ter erkennt er allerdings doch weibliche Eigenschaften in einem Automobil, verbindet das VerhĂ€ltnis zwischen Mann und Maschine aber vor allem mit Herrschaft und Eroberung. Die prĂ€gende Verbindung von Rennwagen und Weiblichkeit hatte der Schriftsteller und spĂ€tere faschistische Vordenker Mussolinis, Gabriele D'Annunzio, zustande gebracht. In seinem 1910 erschienen Roman Forse che si forse che no - Vielleicht, vielleicht auch nicht - geht es um das rauschhafte schnelle Autofahren und Fliegen, immer dabei ist eine Frau, wie in der ersten Szene: âVielleicht - antwortete die Frau, das LĂ€cheln fast gegen den heroischen Wind der Geschwindigkeit gereckt, in dem Schlagen ihres groĂen Schleiers, mal grau, mal silbern, wie die Weiden der fliehenden Ebene.â Die Literaturwissenschaftlerin Dorit MĂŒller erkennt in dem Automobil, das D'Annunzio entwirft, ein mit âSelbstzerstörung und SexualitĂ€t konnotiertes GefĂ€hrtâ, die Bewegung der Charaktere mit ihrem Auto geht an den Rand der Selbstzerstörung, die einen Rausch bewirkt und alle noch nĂ€her an die Geschwindigkeitsgrenzen gehen lĂ€sst. Der Tod und seine Provokation fahren mit. MĂŒller sieht im schnellen Autofahren einen âKampf gegen Gewohnheiten und ĂbersĂ€ttigung, zugleich aber berauschende VitalitĂ€t angesichts der Todesgefahr und Ăbergang in den erlösenden Aufstiegâ. Die Erhöhung der Technik, den Sieg ĂŒber Menschlichkeit und Endlichkeit, indem man dem Tod herausfordernd entgegen blickt. Die Todesgrenze der Geschwindigkeit testete auch Marinetti drei Jahre zuvor, in seinem Text âDer Tod sitzt am Steuerâ. Der Weg zum Sieg in einem Autorennen fĂŒhrt ĂŒber den Kampf gegen Zeit und Raum, mit Wahnsinn in den Augen und Kraft unter der Motorhaube: "Schneller als der Wind! Schneller als der Blitz! Schneller als das Narkosemittel im Kreislauf der Adern!... In Wirklichkeit... in Wirklichkeit, man kann seine Maschine in den Wasserfall des Platzregens werfen, im Aufsteigen zu den Wolken mit groĂen MotorschlĂ€gen! ... Auf den Regenbogen!... Auf die Mondstrahlen!... Es ist eine Frage des Wollens!"  Die Galerie der Toten im Rennsport ist in ĂŒber hundert Jahren Geschichte sehr lang geworden. Aus Amateurrennen wie sie im Futurismus verherrlicht wurden, ist lĂ€ngst eine professionelle Motorsportmaschinerie geworden, die den Zuschauer unterhĂ€lt und Geld in die Kassen der Fahrer, Teams, FunktionĂ€re und Sponsoren bringt. Rennfahren ist jetzt Arbeit. Die ideologische Komponente, die Rennfahren in der futuristischen Literatur und Malerei mit seiner Kriegsverherrlichung und dem Status von Automobilen als gottgleiche Schönheit der Moderne hatte, ist verloren gegangen, aber die Rezeption des Sportes auch frei von Faschismus. Doch auch eine literarische Kultur mit Technik und Rennwagen fehlt heute. Die Epoche der Moderne ist vergangen, Technik als Thema hat jenseits von Science-Fiction und Alltag keinen Status mehr. Der Futurismus ist Geschichte. Was aber bleibt ist nur das positive GefĂŒhl der Geschichte des Futurismus, Geschwindigkeit, Beschleunigung, Dynamik, sowie jene Texte, die es in Worte fassten wie keine zuvor.
Accetto la sfida, o mie stelle! / Ich nehme die Herausforderung an, oh meine Sterne! PiĂč presto! Ancora piĂč presto! / Schneller! Noch schneller!  E senza posa, nĂ© riposo! / Und weder Rast noch Ruh'!
 Umberto Boccioni, jener junge Maler, der 1902 von der Dynamik eines Autorennens begeistert in sein Tagebuch schrieb, ist aber noch heute auf einer MĂŒnze verewigt: Das italienische 20-Eurocent-StĂŒck trĂ€gt eine Abbildung seiner bekanntesten Skulptur. NR    | Literaturtipps: BOLZ, DaphnĂ©: Ein neuer Mensch? Die Vorstellung des sportlichen Körpers im faschistischen Italien. S. 199-215. In: KrĂŒger, Michael (Hg.): Der deutsche Sport auf dem Weg in die Moderne. Lit Verlag, Berlin 2009.  MĂLLER, Dorit: GefĂ€hrliche Fahrten: das Automobil in Literatur und Film um 1900. Verlag Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 2004.  ZENONE, Daniela: Das Automobil im italienischen Futurismus und Faschismus: Seine Ă€sthetische und politische Bedeutung. Veröffentlichung der Projektgruppe MobilitĂ€t des Wissenschaftszentrum fĂŒr Sozialforschung, Berlin (WZB) 2002.
Forza Italia! Futurismus und Motorsport (1)
Blog: Motorsport verdichtet
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