Montag, 20. Juli 2009 um 15:05
F2: Nachruf Henry Surtees

von Michael Zeitler

Henry Surtees war erst 18 als ihn eine Verkettung von unglücklichen Umständen beim F2-Rennen gestern in Brands Hatch das Leben nahm.

| Brands Hatch (!NS!DE RAC!NG) - Die lästigsten Arbeiten eines Journalisten sind das Verfassen von Nachrufen. Nun, wenn ein ehemaliger F1-Rennfahrer in hohem Alter verstirbt, dann hat das noch etwas Natürliches. Auch solche Nachrufe verfasst man nur ungern, schlimmer aber sind Nachrufe nach tödlichen Unfällen. Als die Würdigungen nach dem Unfalltod von Ayrton Senna in Imola 1994 geschrieben werden mussten, sind mit Sicherheit ganze Bäche von Tränen vergossen worden. Genauso schlimm, wie wenn ein absoluter Topstar der GP-Szene verstirbt, ist es, wenn ein junger Fahrer bei einem Unfall verstirbt, der kurz vor dem Einzug in die Formel-1 steht. Die Rede ist von Henry Surtees.

Der Unfall: Rennlegenden wie Stirling Moss geben auch zum heutigen Motorsport Weisheiten Preis. Es ist noch kein halbes Jahr vergangen, als der mehrfache F1-Vizemeister eine Weisheit Preis gab: „Der Motorsport heute ist sicher wie nie zuvor. Eigentlich kann man nur noch von einem herumfliegenden Rad tödlich getroffen werden.“ Genauso kam es beim gestrigen F2-Rennen in Brands Hatch. Es war Jim Clarke, der seinen Williams Audi in einer lang gezogenen Kurve verloren hat und rückwärts in die Reifenstapel krachte. Clarke ist der Stiefsohn von Julian Bailey, der in den früheren 90er Jahren für Tyrrell und Lotus in der Formel-1 unterwegs war. Einige Teile von Clarkes Auto fanden den Weg zurück auf die Strecke, darunter auch ein Rad, das sich bei dem Einschlag in die Reifenstapel gelöst hatte. Das Rad traf Henry Surtees mit voller Wucht am Helm. Es muss ihn sofort bewusstlos geschlagen haben, denn Surtees fuhr gerade aus in die Reifenstapel und blieb auch danach noch voll auf dem Gas stehen. Surtees wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, in dem der 18-jährige Brite an seinen schweren Kopfverletzungen verstarb.

Der Unfall weckte Erinnerungen an den Südafrika GP 1977. Damals war es kein herumfliegendes Rad, sondern ein Feuerlöscher, der Tom Pryce unglücklich am Helm traf. Damals schied Renzo Zorzi mit Motorschaden aus und stellte seinen Shadow Ford am Streckenrand ab. 2 junge und übermotivierte Streckenposten rannten sofort über die Strecke, um das Feuer am Auto mit Feuerlöscher zu ersticken. Unglücklicherweise lag die Stelle noch hinter einer Kuppe, die heranrauschenden Autos hatten keine Chance die Streckenposten zu erkennen – erst recht nicht bei weit über 200 Stundenkilometer. Es war ausgerechnet Zorzis Teamkollege Pryce, der den Streckenposten Frederik Jansen Van Vuuren erfasste. Van Vuuren wurde in die Luft geschleudert, sein Feuerlöscher schlug Pryce K.O. Der blieb voll am Gas stehen und kam erst dann zum Stehen, als er in den Ligier Ford von Jacques Laffite knallte, der den Horrorcrash glücklicherweise unversehrt überstand.

Herumfliegende Räder sind im Formel-Sport das größte Gefahrenpotenzial. Als beim Italien GP 2000 und kurz darauf beim Australien GP 2001 jeweils Streckenposten von herumfliegenden Rädern erschlagen wurden, wurden in der Formel-1 an den Aufhängungen Stahlseile eingeführt, welche die Räder auch bei Unfällen am Wrack halten sollen. Das Ergebnis war durchaus ein Erfolg, nur noch bei richtig brutalen Unfällen lösen sich im GP-Sport die Räder. Der Unfall von Clarke in Brands Hatch gestern Sonntag, 19. Juli 2009, war eigentlich gar nicht so heftig. Die Williams-Chassis haben zudem einen sehr guten Ruf, selbst bei wirklich heftigen Unfällen verkrümmten sich im bisherigen Saisonverlauf oft nur die Flügel.

Kein Prozess: Henry Surtees ist erst der 3. Fahrer, der in einem Williams-Rennwagen sein Leben lassen musste. Noch allen gut in Erinnerung ist der Tag, an dem die Sonne vom Himmel fiel, wie es Gerhard Berger einst trefflich formuliert hat: Der 1. Mai 1994, als der charismatischste, mysteriöseste, beliebteste und vielleicht auch beste F1-Fahrer aller Zeiten im Williams Renault sein Leben verlor: Ayrton Senna beim Imola GP 1994. Damals verfolgte den Williams-Bossen ein jahrelanger Prozess wegen fahrlässiger Tötung, denn angeblich war die Lenkstange am Renner nicht regelgerecht justiert. Erst vor wenigen Jahren wurden Frank Williams, Patrick Head, Adrian Newey und Konsorten freigesprochen. Ein Prozess muss nach dem Surtees-Unfall keiner befürchten, das teilte die Staatsanwaltschaft umgehend bekannt. In einem Statement heißt es, dass es eine normale Motorsport-Tragödie gewesen sei, Schuldige gibt es nicht. Als erster Fahrer verstarb Piers Courage beim Holland GP 1970 im Williams-Team, damals in einem De Tomaso Ford, der auch keinen besonderen Ruf hatte bezüglich der Sicherheit. Courage verlor die Kontrolle über den Unfall, überschlug sich, blieb auf dem Kopf liefen und verbrannte, nachdem der Wagen Feuer fing.

Henry Surtees war mit 18 Jahren erst am Anfang seiner Rennkarriere. Kritiker bemängelten vor der Saison, dass die Formel-2 für Surtees Junior viel zu früh käme, schließlich hatte er erst einige Rennen in der Formel-Ford und der Formel-Renault auf dem Buckel. Tatsächlich tat sich Surtees zunächst richtig schwer im Feld, doch im ersten Lauf in Brands Hatch erreichte er als Dritter erstmals das Podium. Im zweiten Rennen verunglückte er tödlich. Bis zuletzt stand ihm Vater John Surtees zur Seite. Er war nicht nur der einzige Fahrer, der sowohl auf 2- als auch auf 4-Räder Weltmeister werden konnte (in der Formel-1 1964 mit Ferrari), sondern er überlebte auch die gefährlichste Epoche des Motorsports. Es war die Epoche, in dem die Fahrer beinahe jedes Rennen nicht nur ihren Koffer, sondern auch die Koffer eines verstorbenen Kollegen nach dem Rennen zusammenpacken mussten.

Mit dem Tod seines Sohnes Henry dürfte das Kapitel Motorsport für John Surtees endgültig abgehackt sein: Nach seiner aktiven Fahrerkarriere gründete er ein eigenes F1-Team, war zuletzt 2006 im A1-GP-Team von Großbritannien involviert, managte zuletzt aber nur noch die Karriere von Surtees. „Er hatte das Zeug für ganz nach oben“, trauerte Surtees Senior öffentlich in einem Statement zum Tod des Sohnes. Henry Surtees hat gezeigt: Motorsport ist auch anno 2009 eine gefährliche Sportart…

 

Kreuz


Henry John Surtees

* 18. Februar 1991


†   19. Juli 2009