| Ich bin hin und her gerissen. Was mein Gewissen schon lange peinigt, hat Renate Künast von den Grünen vor gut zwei Wochen wieder einmal ausgesprochen und das Schlimme ist: Sie hat Recht.
"Ein Anachronismus aus dem vorletzten Jahrhundert" sei die Formel 1 und Mercedes möge BMW folgen. Also aussteigen aus der Formel 1 und dem Motorsport. Und Ökoautos bauen. Und Michael Schumacher sei kein deutsches Idol, weil er seine Steuern in der Schweiz zahlt. Die Reaktion der Motorsport-Fans war wie erwartet. "Armselig" seien die Äußerungen der "Blumenkohltussi", man möge sie "teern und federn". Man hält ihr ferner -jetzt wieder in einem Ton oberhalb der Gürtellinie- ihren Dienstwagen vor und jede Sünde ihrer Partei. Politiker, fangt doch bei euch selber an! Solange soll das Volk Spaß haben! Nur die wenigsten Kommentatoren haben aber den Satz hinzugefügt, dass auch wir Motorsportfans nachdenken sollten. Wenn wir uns selber einmal betrachten, stellen wir allerhand fest. Es hilft nicht, gegen das Ideal eines umweltfreundlichen Verhaltens zu wettern. Wir können das Gute daran nicht leugnen. Wir stellen aber auch fest, dass keiner von uns aus diesen moralischen Gründen dem Motorsport den Rücken kehrt. Wer sind wir eigentlich?
Es kommt in Mode, dass jede Bevölkerungsgruppe in diesem Jahrhundert einen neuen Platz in der Gesellschaft sucht. Die Literatur und die Medien schöpfen aus den Vollen. Am liebsten werden die Geschlechterrollen neu geordnet, der "neue Mann" gesucht, einer der grillen kann aber auch Babys wickelt, aber dennoch männlich und smart ist wie Cary Grant. Das hätten wir dann. Dann die Rolle der rüstigen Rentner, die sich heute aber jung fühlen sollen wie eh und je. Und sie tun es. Die Rolle des mündigen Fernsehzuschauers, Wählers, Schülers, Studenten. Keiner aber spricht über den Sportfan. Jene eigentümliche Gruppe, die irgendwie keine ist, weil in jedem der 82 Millionen in unserem Land ein kleines bisschen von ihm steckt. Die Gruppe der Motorsportfans als Untergruppe ist noch etwas kleiner. Und irgendwie fühlen wir uns undefiniert in diesem Jahrhundert. Ich will nicht glauben, dass wir wirklich solche Ignoranten und Umweltrüpel sind wie das Klischee sagt. Warum definiert uns keiner? Und warum tun wir das nicht selber?
Machen wir uns nichts vor: Wir sind zerrissen. Wer leugnet, dass Motorsport irgendwie unökologisch ist, lügt. Auch der, der sagt, dass er von Umweltschutz nichts wissen will. Jeder will atmen und auch noch in vierzig Jahren gesund leben können. Dass der Motorsport jetzt am Pranger steht, kommt nicht von ungefähr und es kommt zur rechten Zeit.
Es ist wie damals in der Schule. Wir haben sie gehasst und waren gegen alle. Gegen alle Lehrer, die Schulleitung, die Schüler und gegen den hässlichen 60er-Jahre-Bau. Wenn dann aber jemand von einer anderen Schule was gegen unsere gesagt hat, haben wir sie blutig verteidigt und seine Schule beleidigt. Im Motorsport funktioniert das genauso. An der Rennstrecke gesteht man sich eher ein, dass wir etwas für den Umweltschutz tun müssen. Wenn andere dann kommen und uns darauf hinweisen, schalten wir auf Attacke. Seht doch selber zu, dass ihr Ökoautos fahrt! Und vor allem: Im Fußball ist es doch richtig schlimm mit dem Umweltschutz: Ein Bundesligaspieltag ist umweltschädlicher als ein Autorennen. Das ist sogar bewiesen (wirklich jetzt!). Die mit dem Auto anreisenden Fans produzieren nicht nur mehr CO2 als die über den Platz hechelnden Spieler, sondern auch noch mehr als die Rennwagen an einem ganzen Wochenende! So ist das.
Und so ist auch der Motorsportfan. Eigentlich zerrissen. Gestehen wir uns das endlich ein. Wir brauchen Umweltschutz und wir sind eigentlich Sünder, so etwas Schädliches wie Motorsport zu unterstützen. Aber gleichzeitig können wir nicht anders. Wenn wir das erkennen, kann vielleicht auch der Motorsportfan ein mündiger Fan im Sinne des 21.Jahrhunderts werden.
Anachronismus heißt übrigens soviel wie "gegen die Zeit".
Aber was sollen wir tun, wenn wir nicht verzichten können? Die Politik führte 2005 einen Emissionshandel ein und hat den Klimawandel seitdem etwas runter vom Gewissen. Wenn wir im Motorsport auch so einen Ablasshandel einführen würden, wie es die Kirche bis Martin Luther hatte und die Politik jetzt hat, können wir dann auch frei sein? Könnten wir dann auch ruhigen Gewissens sagen: Ja, ich bin Sünder und zahle dafür? Und hopp – raus aus dem Fegefeuer?
Nein. Das wäre nicht protestantisch und aufgeklärt. Was der Sport braucht sind echte Lösungen und das bald. Nicht etwas, das ist wie KERS. Und auch keine Symbolik mehr wie Hondas Earth Dream. Die Aufgabe der nächsten Jahre ist es, diese Lösung zu finden um Gegensätze zu vereinen. Das ist nicht unmöglich, mit Blick auf das, was die Technik schon alles geleistet hat. Wir haben die Dampfmaschine erfunden, können Atomkerne spalten und sind zum Mond geflogen. Ein verantwortungsvolles Umgehen ist nötig mit dem Teil von Ressourcen, die der Motorsport sich genauso genehmigt wie der gewöhnliche Autofahrer. Der Fan muss hinkommen zu einem verantwortungsvollen "Ja, aber". Ja, wir sind Sünder, aber unser Sport gibt sich Mühe, es nicht mehr zu sein.
Dann sichern wir nicht nur das Überleben des Motorsportes und das des Motorsportfantums, sondern auch unser eigenes als gewöhnlicher Mensch, der durch Zufall die Erde bevölkert, gerne hier lebt, hier leben möchte und nebenbei ein klitzekleines bisschen Spaß haben möchte.
"Gegen die Zeit" sollten nur noch Qualifyingrunden sein. "Mit der Zeit" fängt heute an.
Das ist die Lösung. Bleibt nur noch die Sache mit dem Schumacher und der Schweiz.
Ihre Natalie Rusch