Blog: Die Formel-1-Liebe in Zeiten der Fußball-Cholera
Geschrieben von: Natalie Rusch   
Montag, 28. Juni 2010 um 21:13

Die Formel-1-Liebe in Zeiten der Fußball-Cholera

 

| Fußball ist so mittelalterlich. Das Rad ist längst erfunden, was soll man da noch laufen? Den Vuvuzela-Sound haben wir im Motorsport seit gefühlten 200 Jahren. Und dann können wir auch noch herablassend auf diese ganze Videobeweis-Nummer schauen. Würde Charlie Whiting wie seine Fußballkollegen freiwillig darauf verzichten? Das würde er allenfalls als rhetorische Frage dulden oder sich gleich mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen.

Es ist mir unerklärlich, warum Fußball so einen Erfolg hat. Ok. In Zeiten abseits der Weltkriege brauchen die Völker andere Möglichkeiten der Auseinandersetzungen und eine Gelegenheit, ihre nationale Identität kollektiv zur Schau zu stellen. Schade aber, dass keiner in eine Deutschlandfahne eingewickelt zur Bundestagswahl geht, oder ist das schon wieder zu nationalistisch? Der geneigte Ethiker weiß nämlich natürlich, dass es eigentlich keine Nationen gibt und alle sind gleich und wir wünschen uns Weltfrieden und lächeln brav in die Kamera... etc. Aber eigentlich ist es das Gleiche.

Der Motorsportfan ist da weiter. Da geht es nicht um eine graue Masse namens "Nationalmannschaft", denn nichts ist allgemeiner als "Nationalirgendetwas", sondern um konkrete Akteure. Wenn man so will, kann man sich seine Nation aussuchen. Man kann ein bisschen Alonso-Fan sein, ein bisschen Vettel-Fan, vielleicht auch Hamilton-Fan (sofern sich dann nicht das Alonso-Herz in einem beleidigt fühlt). Wer aber ins Fußballstadion geht und zufällig Rooney- und Neuer-Fan zugleich ist, der wird unter Umständen in diesem Stadion zermalmt werden. Da ist es unmöglich, dass alle drei auf dem Podium landen und zufrieden sind mit einem zweiten oder dritten Platz.

Doch nicht alle haben die Überlegenheit des Motorsports begriffen, vor allem nicht die TV-Kommentatoren und Sportjournalisten, die fortwährend Parallelen zum Fußball ziehen müssen. In Kanada: Deutschland gegen Australien: Eins zu Null für Vettel, in den Augen der Sportreporter unsere Ersatznationalmannschaft während der zwei Stunden Formel 1. Schön, dass wir alle paar Minuten daran erinnert werden, dass auch noch Fußball-WM ist! Das bekommt man so ja gar nicht mit. Und dann gestern: Lustig! Wenn der Hamilton England ist und Vettel wieder Deutschland, können wir wieder eine Analogie basteln. Und Deutschland hat wieder gewonnen. Das kann kein Zufall sein. Erst der Grand Prix von Valencia und dann das Fest in Bloemfontein. Zwei Sekunden später führt die sensationelle Gedankenkette dann noch zu "unserer Lena" beim Grand Prix von Oslo. Alles ist voller Omen, die Sportwelt ist schon magisch.

 

Doch der Motorsport hat mehr Trumpfkarten:

- Herzschlagfinale sind in der Formel 1 vorprogrammiert, kein Rennen ist vor der 90.Minute gewonnen.

- Befindet sich eine Flasche auf der Strecke, rennt ein Marshall hin und holt sie runter. In manchen Fußballspielen gibt es elfmal mehr Leergut als in der Formel 1 und keiner rührt nur auch nur einen Finger.

 

Einen Nachteil aber haben wir doch: Unsere Saltos sind deutlich gefährlicher und noch hat nicht jeder verstanden, dass man so erst nach der Zieleinfahrt zu jubeln hat. Ein gutes Auto bricht auch erst nach der Ziellinie auseinander, wie David Beckham auch erst nach dem Spiel in Tränen ausbricht. So wie es sich gehört.

Ansonsten aber muss sich der Motorsport auch während der WM-Zeit nicht verstecken! Der Fan des Rennsports sollte zudem diese vier Wochen im Sommer 2010 nutzen um Kinosäle für sich zu haben und mitten auf der Straße vor seinem Haus ein Sonnenbad zu nehmen.

Totaler Quatsch, dieser Fußballhype. Gut, dass Autorennen jedes Jahr sind. Außerdem... oh, es steht schon 3:0 für Brasilien! Ich muss jetzt Schluss machen.

 

Ihre Natalie Rusch

 

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