Kommentar: F1: Erfolg schadet der Sympathie
Geschrieben von: Michael Zeitler   
Montag, 26. Juli 2010 um 17:36

Kommentar: F1: Erfolg schadet der Sympathie

von Michael Zeitler

Sebastian Vettel, Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Michael Schumacher sind fahrende Beispiele, dass Erfolge Sympathie kostet. !NS!DE-RAC!NG-Redakteur Michael Zeitler erklärt.

| Hockenheim (!NS!DE-RAC!NG) - Die Saison 2010 zeigte bisher: Erfolge von Rennfahrer senken deren Sympathiewert. Fans identifizieren sich zwar freilich mit den erfolgreichsten Fahrern – wieso sonst gibt es mehr Fans von Sebastian Vettel als von Timo Glock? – doch ihr Herz schlägt für die Kleinen. Hinzu kommt: Macht ein Spitzenpilot Fehler, so wird er schnell von Fangruppen anderer Spitzenfahrer nieder gemacht. Gerade von solchen Diskussionen lebt der Sport allerdings auch. Trotzdem: Es gibt im aktuellen Feld genügend Beispiele, dass Erfolg Neider auf sich zieht und die Sympathiewerte in den Keller rauschen lässt:

• Sebastian Vettel: Er verliert aktuell die Sympathiewerte, weil er von Red Bull bevorzugt wird. Keine Frage: Der Deutsche tut einiges dazu, sein gutes Image zu beflecken: Der Unfall in der Türkei mit seinem Teamkollegen Mark Webber geht eindeutig auf die Kappe von Vettel. Der reagiert damit, dass er Webber den Vogel zeigt. Die Aussagen nach dem Großbritannien GP, bei dem Webber ganz offensichtlich durch das Team benachteiligt wird, haben durchaus Spuren von Arroganz. Trotzdem ist es nicht nur Vettel, der am Sympathieverlust seiner Person schuld ist: Red Bull ist das Team, das Vettel bevorzugt, das kommt bei den F1-Fans nun mal alles andere als gut an und kostet nun mal auch Vettel Sympathiewerte. Dazu schlägt das Herz der Fans auch deshalb für Webber, weil mit ihm bisher keiner gerechnet hat. Und Sensationen sind das, was die Fans im Sport wollen. Fakt ist auf jeden Fall: Als Vettel im unterlegenen Toro Rosso Ferrari in Monza 2007 seinen ersten GP-Sieg holte, genoss er deutlich mehr Sympathie seitens der F1-Fans, als anno 2010.

• Fernando Alonso: 2003 war weder Alonso ein Spitzenpilot, mit dem man rechnete, noch Renault ein Topteam. Trotzdem überraschte die Kombination Alonso/Renault mehrmals. Alonso wurde nicht nur in Spanien gefeiert. Je mehr Erfolge er hatte, desto mehr wurde über den Spanier auch geschimpft: Seine skurrilen Figuren, die er nach den GP-Siegen mit seinem Körper macht, sind gewöhnungsbedürftig. Viel problematischer das Verhalten 2007, als er von Lewis Hamilton fahrerisch unter Druck geriet. In Ungarn-Quali blockte er Hamilton, im Spionageskandal stellte er seinem Team ein Bein. Auch Singapur 2008, als Renault das Rennen manipulierte und Alonso zum Sieger machte, der aber bis heute behauptet, er wusste davon nichts, brachte Alonsos Image ins Wanken. Und in Hockenheim 2010 kommt ein GP-Sieg dazu, der durch Stallorder einen bitteren Beigeschmack hat. Auch wenn er durch seine zwei WM-Titel inzwischen mehr Fans hat: 2003 hatte er mehr Fans, die mit Alonso sympathisierten.

• Lewis Hamilton: Es gibt kaum jemanden, der sich nicht für Lewis Hamilton freute, als der erste farbige F1-Weltmeister als Rookie den zweimaligen F1-Weltmeister Fernando Alonso mehr als nur das Wasser reichen konnte. Im Krieg der Sterne Alonso gegen Hamilton waren die Sympathien der Fans auf der Seite von Hamilton, weil eben das Herz für die Kleinen schlägt. Als Hamilton 2008 und darüber hinaus immer mehr Erfolge verbuchen konnte, wurde auch an seinem Image gerüttelt. Zum Teil durch Neider, zum Teil, weil sich Hamilton aber ungünstig verhalten hat. Die Lügenaffäre in Melbourne 2009, aber auch das ständige Einmischen seines Vaters Anthony Hamilton schadete dem Ansehen von Hamilton erheblich. McLaren deckte Hamilton Senior mit Arbeit zu, der reagierte mit einem vorübergehenden Bruch mit Lewis – auch das machte Schlagzeilen. Schlagzeilen, die Hamilton nicht beliebter machte. Seither wird jedes aggressive Manöver des Briten kritisiert. Hamilton anno 2010 – er hat weniger Sympathiewerte als noch 2007.

• Michael Schumacher: Ein Paradebeispiel. Freilich waren es auch Schandtaten wie Jerez 1997 oder Monaco 2006, oder strittige Aktionen wie Adelaide 1994 oder Silverstone 1994, die am Image von Schumacher raubten. So erfolgreich wie Schumacher war noch kein F1-Fahrer vorher, so umstritten ebenfalls nicht. Weil Schumacher 2010 nicht die erhoffte Leistung bringt, reiben sich seine Kritiker die Hände. Schumacher – er hat Neider, Gönner, Fans und Hasser.

Alle vier Fahrer zeigen mit zunehmendem Erfolg auch zunehmende Charakterschwächen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Es ist der mediale Druck, der mit zunehmendem Erfolg freilich steigt. Nur die wenigsten heben durch den Erfolg vom Boden ab, trotzdem wirken sie so – weil die Medien darauf aus sind. Und Fahrer im Mittelfeld und Hinterbänkler-Feld stehen bei weitem nicht so unter Beobachtung, wie die Spitzenpiloten. Beispielsweise über Vitantonio Liuzzi schweigen sich Medien aus. Die besten Fahrer der Formel-1 stehen aber permanent im Rampenlicht. Fehler fallen leichter auf.

Mark Webber muss deshalb aufpassen: Die Red-Bull-Saga schadet nicht nur aufgrund seiner drei Siege 2010 bereits seinem Ansehen. Immer mehr steht nämlich auch sein Verhalten unter Beschuss: Seine Aussagen über Red Bull seien unprofessionell und Webber damit für die Formel-1 ein Risiko.

Und zum Schluss sei gesagt: Es braucht oft auch eine gewisse Dosis Bad-Boy, um Erfolge zu erzielen. Smarte Fahrer, das braucht die Formel-1 nicht wirklich. Schlimmer sind aber Fahrer, die sich als smart ausgeben, in Wirklichkeit so aber nicht sind. MZ

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