Kommentar: F1: Stallorder-Verbot nicht kontrollierbar!
Geschrieben von: Michael Zeitler   
Montag, 02. August 2010 um 13:55

Kommentar: F1: Stallorder-Verbot nicht kontrollierbar!

von Michael Zeitler

Ein Kommentar von !NS!DE-RAC!NG-Redakteur Michael Zeitler zum Thema Stallorder.

| Hockenheim (!NS!DE-RAC!NG) - Die Stallorder bei Ferrari im GP von Deutschland wird bis mindestens im September ein Topthema bleiben. Erst dann tagt der World Motor Sport Council und entscheidet, ob Ferrari noch härter bestraft wird, als die bisherige Geldstrafe von 100.000 Euro. Denn Hand aufs Herz: Die Strafe steht in keinem Verhältnis zum Tatbestand. Wenn das die Strafe sein soll, werden sich Teams überlegen, ob es diese 100.000 Euro nicht wert sind. Und außerdem: Als Ferrari in Österreich 2002 per Stallregie entschied, dass nicht Rubens Barrichello sondern Michael Schumacher Sieger werden soll, war Stallorder noch erlaubt und trotzdem bekam die Scuderia eine Strafe von einer Millionen US-Dollar, also eine weit höhere Strafe, als jetzt, wo Stallorder verboten ist. Die Logik ist schwer zu durchschauen.

Aber tatsächlich besteht die Möglichkeit, dass Ferrari gar nicht weiter bestraft wird. Denn auch wenn jeder im Fahrerlager weiß, dass Felipe Massa per Stallregie den Barrichello spielen musste und Fernando Alonso für das Gewissen zumindest Massa eine halbe Bier spendieren sollte: Juristisch könnte die Gerichtsverhandlung eine Wortklauberei werden. Denn der Wortlaut war zwar eine deutliche Ansage an Massa, nicht aber die Aufforderung, Alonso wirklich vorbeizulassen. Das zeigt: Stallregie kann nicht verboten werden, weil es selbst dann nicht belegbar ist, wenn man es derart offensichtlich macht wie Ferrari. Das in Zusammenhang mit einigen anderen Randfakten – etwa, dass die Verhandlung unmittelbar vor dem Ferrari-Heimrennen in Italien stattfindet (und wer die emotionalen Ferraristi, wie die Ferrari-Fans in Italien liebevoll bezeichnet werden, kennt, der weiß: Eine herbe Ferrari-Strafe vor Monza, das würde dem Event mehr Schaden, als eine mögliche Strafe dem Sport bringen würde), oder, dass der FIA-Präsident Jean Todt der Vater der Stallregie von Österreich 2002 war und Anhänger von Stallregie ist.

Deshalb wird eher ein anderes Ergebnis erwartet: Das Verbot von Stallorder wird verboten. Der Schritt wäre logisch, denn das Verbot ist absolut nicht kontrollierbar. Wünschenswert wäre zwar eine Konkretisierung der Regeln, doch die ist schwer zu finden. Selbst F1-Boss Bernie Ecclestone kennt die Regel nicht genau und hält Stallorder nur dann für verboten, wenn sich zwei Teams gegen ein drittes verbrüdern. Als der Brite das am Rande des Ungarn GP erklärte, rieben sich einige die Augen. Der Tenor war: Hä? Konkretere Regeln würde heißen: Stallorder ist nur erlaubt, wenn ein Fahrer auch mathematisch keine Chancen mehr auf den Titel hat. Doch das Problem bleibt: Wie kontrollieren?

Es gibt Möglichkeiten, Stallorder aus der Formel-1 zu verbannen, aber alle Möglichkeiten würden das Gesicht der Formel-1 deutlich verändern. Und das kann auch nicht Sinn der Sache sein:

Möglichkeit eins: Man lost den Fahrern vor den einzelnen GP-Rennen die Cockpits zu. Damit würde ein Sakon Yamamoto die gleiche Chancen haben, einen Red Bull Renault zu fahren, wie Sebastian Vettel. Das eine Rennen könnte Lewis Hamilton im Ferrari fahren, das andere im Virgin Cosworth. Doch Losen ist Lotterie, Formel-1 sollte Sport sein – beides zusammen passt nicht. Es wäre eher eine Farce.

Möglichkeit zwei: Man lässt nur noch ein Auto pro Team zu, also genau das Gegenteil, was Ferrari-Teampräsident Luca di Montezemolo sich wünscht. Damit kann ein Rennstall gar keinen anderen Fahrer mehr bevorzugen, weil nur noch einer fährt. Im Gegenzug könnten deutlich mehr Teams zugelassen werden. Doch die Langweile wäre garantiert: Schon immer gab es nur zwei bis drei Topteams pro Saison, statt vier bis sechs Fahrer würden dann nur noch zwei bis drei Fahrer um den Titel kämpfen. Die Lücken zwischen den einzelnen Platzierungen wären größer, die Qualität weniger gut. Es wäre eine Farce.

Möglichkeit drei: Man lässt unterschiedliche Sponsoren für die beiden Boliden eines Teams zu. Das forderte beispielsweise BAR schon 1999, als man Jacques Villeneuve in einen rot-weißen Lucky-Strike-bemalten BAR Supertec fahren lassen wollte und Ricardo Zonta mit einem blau-gelben 555-bemalten BAR Supertec. Doch im Reglement ist auch verankert, dass beide Autos der Teams gleich bemalt sein müssen. Würde es unterschiedliche Sponsoren geben, wäre eine Gleichberechtigung eher garantiert, denn der Sponsor von Massa hätte sicherlich ein Veto eingelegt, Alonso passieren zu lassen. Doch auch das ist nur schwer kontrollierbar: Sobald der eine Sponsor mehr Geld ausgibt, als der andere, wäre eine Bevorzugung sogar eher wahrscheinlich.

Fazit: Stallorder ist nicht kontrollierbar, das Verbot von Stallorder damit zwecklos. Man kann nur auf den Sportgeist der Teams hoffen, zwei Fahrer zu verpflichten und die auch gegeneinander fahren zu lassen. Denn Duelle wie Nigel Mansell gegen Nelson Piquet, Alain Prost gegen Bruno Senna oder Fernando Alonso gegen Lewis Hamilton mit identischen Autos – das ist doch das, was Fans sehen wollen. Und die Formel-1 wird nun mal für Fans gemacht.