Kommentar: Räikkönen-Comeback erfolgreich?
Geschrieben von: Michael Zeitler   
Sonntag, 04. Dezember 2011 um 11:46

Kommentar: Räikkönen-Comeback erfolgreich?

von Michael Zeitler

Wieso das Comeback von Kimi Räikkönen ein Erfolg werden kann. Ein Kommentar von !NS!DE-RAC!NG-Redakteur Michael Zeitler.

| Enstone (!NS!DE-RAC!NG) - Es ist natürlich das Thema der Woche, das Comeback von Kimi Räikkönen. Natürlich ist eine F1-Startaufstellung mit sechs F1-Weltmeistern reizvoll, denn das gab es noch nie. Natürlich sind Namen und Persönlichkeiten wie Kimi Räikkönen reizvoll. Aber viele fragen sich langsam: Sind Fahrer wie Michael Schumacher, Pedro de La Rosa und Kimi Räikkönen gut für die Formel-1, wenn zeitgleich junge talentierte Fahrer wie Jules Bianchi oder Romain Grosjean ohne Cockpit ausgehen? Welche Chancen hat Kimi Räikkönen überhaupt? So schlecht sieht’s nicht aus (was wir noch nicht wissen: Wie gut wird der Lotus Renault sein?):

Der Typ Räikkönen
Geht man allein vom Typ Räikkönen aus, dann muss man sich sowieso fragen, wieso es der Finne überhaupt in die Formel-1 geschafft hat. Pitwalk-Chefredakteur Norbert Ockenga brachte es in seinem Blog auf den Punkt: „Seine Grundschnelligkeit und seine Kompromisslosigkeit haben mich schon in der Formel Renault beeindruckt. Das ist auch in der Formel 1 so geblieben. Ich glaube auch: Er hat bei Ferrari mehr geleistet, als ihm allgemein zuerkannt wird. Er ist eines der ganz wenigen Genies, die sich Schlampigkeit und Extravaganzen leisten können; die nicht durch harte Arbeit, sondern durch einfaches Talent und Können ans Ziel kommen. Darum auch die gewisse Nonchalance bei Briefings und Konferenzen.“ Mit anderen Worten: Räikkönen war nie ein Arbeitstier. Der Weltmeister von 2007 fährt Rennen aus Spaß. Die Formel-1 geht über das Rennenfahren längst schon hinaus. Setuparbeiten und Konsorten machen die Wagen schneller, in einem Sport, der sich im Zehntelsekundenbereich definiert, kann man das mit bloßem fahrerischem Können nicht mehr überfahren. Räikkönen auch nicht. Er glänzt dann, wenn ein Spitzenteam hinter sich steht, wenn ein Team weiß, wie Räikkönen sein Auto braucht und wenn ein Team weiß, wie das Auto perfekt zur Strecke passt. Bei Sauber, McLaren und Ferrari hat Räikkönen diese Zutaten gehabt. Ob das bei Lotus so sein wird, muss man abwarten. Räikkönen ist auf jeden Fall auch ehrgeizig, er kennt gute und schlechte Zeiten, er ist charakterstark genug, um Krisen zu meistern – auch, wenn er an sich arbeiten muss.

Die Vorbereitung
Nach einer Pause ist die Vorbereitung das A und O. Die Testfahrten sind beschränkt. 2012 gibt es noch einen Wintertest weniger, weil die Teams sich geeinigt haben, lieber im Mai noch einmal zu testen. Räikkönen dürfte, sofern Lotus die Testtage auf beide Fahrer gleich verteilt, nur sechs Tage vor der Saison testen. Das ist freilich viel zu wenig. Teamchef Eric Boullier arbeitet gerade daran, Räikkönen Tests in einem zwei Jahre alten F1-Rennwagen zu ermöglichen. De facto könnte er damit heute noch beginnen. Noch fuhr Räikkönen aber keinen Kilometer weit. Das Fitness-Training hat er nie aufgegeben, aber er trainiert wieder häufiger und vor allem auf die Formel-1 ausgerichtet. Im Rallye-Wagen sind Nackenmuskeln nicht so wichtig, wie in einem GP-Rennwagen. Die Zeit für die körperliche Fitness für das F1-Comeback reicht locker. Zumal Räikkönen zwar gerne mal einen über den Durst trinkt, aber im Prinzip einen gesunden Lebensstil pflegt. Da gab es ganz andere Fahrer schon in der Formel-1, auch in der F1-Moderne. Der Clou wird darin bestehen, den Fahrstil so schnell wie möglich vom Rallye-Stil wieder auf den F1-Stil umzuwandeln. Der Clou wird ferner sein, sich perfekt auf die neuen Pirelli-Reifen einzustellen. Genau da liegt auch der Haken: Testet Räikkönen im zwei Jahre alten Modell, kann er das zwar tun, nicht aber mit den Pirelli-Pneus. Die Knöpfe und Schalter für DRS, KERS und Konsorten dürfte Räikkönen bald drauf haben.

Das Alter und die Dauer der Pause

Viele freuen sich auf das Comeback von Kimi Räikkönen, weil sie einen Vergleich mit Michael Schumacher ziehen wollen. Der Rekordweltmeister tat sich in seiner Comeback-Saison 2010 brutal schwer, auch 2011 hinkte er zum Teil bis zu einer Sekunde pro Runde hinter seinem Teamkollegen Nico Rosberg hinterher. Einige Rennen waren aber schon brillant, man erinnere sich an Belgien oder Italien. Der Vergleich zu Schumacher wird hinken: Schumacher pausierte drei Jahre, Räikkönen nur deren zwei. Zwar veränderte sich auch seit dem Weggang von Räikkönen Ende 2009 einiges (DRS, Pirellis), doch die Veränderungen sind nicht so gravierend wie in der Pause zwischen den Schumacher-Laufbahnen, als die F1-Boliden ja ein komplett neues Gesicht bekommen haben (schmaler Heckflügel zum Beispiel). Red Bull zum Beispiel führte zuletzt 2009 eine radikale Neukonstruktion ein, also in jener Saison, in der Räikkönen noch fuhr. Seitdem sind alle Red-Bull-Renner Evolutionen, der von 2012 soll auch eine werden. Ein gravierender Unterschied ist auch das Alter. Schumacher ist zehn Jahre älter als Räikkönen. Das lügt nicht. Bleibt man immer am Ball und trainiert hart, dann ist das Alter nicht so gravierend schlimm, siehe Rubens Barrichello. Aber nach einer Pause tut jedes Jährchen mehr weh. Räikkönen ist mit 32 Jahren noch im perfekten F1-Alter, mindestens für vier Jahre noch. Räikkönens Vorzeichen stehen gegenüber dem Comeback von Michael Schumacher also besser aus.

Der historische Vergleich

Und damit wären wir auch schon beim Vergleich mit anderen F1-Comebacks von Ex-Weltmeistern. Jacques Villeneuve pausierte nur drei Viertel der Saison 2004 – und trotzdem brauchte er bis Mitte der Saison 2005, bis er wieder auf Touren kam. Damals hat sich auch einiges geändert, seit er 2003 in Japan im BAR Honda seinen letzten Grand Prix gefahren ist. Der Weltmeister von 1997 plante für 2010 mit einem eigenen Rennstall sein F1-Comeback. In Brasilien war Villeneuve vor einer Woche vor Ort, schloss ein neuerliches F1-Comeback aus. Auch Nigel Mansell und Alain Prost waren bei ihren F1-Comebacks nicht mehr so schnell wie vorher – obschon sie nur ein Jahr weg waren und im Fall von Mansell sogar weiter im Formel-Sport (IndyCar) unterwegs waren. Das ist auch ein weiterer Punkt, wieso ein Vergleich zwischen Schumacher und Räikkönen hinkt: Schumacher fuhr in seinen drei Jahren zwar bei Spaßveranstaltungen (Race of Champions, Kartrennen) mit, bei Motorradrennen und auch bei wenigen F1-Tests, aber anders wie Räikkönen (Rallye-WM, Nascar) fuhr er keine professionellen Rennen mehr. Bei Prost und Mansell fiel das Alter aber erschwerend ins Gewicht. Apropos schwer: Alan Jones hatte bei seinen zwei Comebacks in den 80er Jahren mit Arrows und dem Haas-Team selbst äußerlich nicht mehr die Form, wie zu seinen besten Zeiten… Niki Lauda kehrte ebenfalls nach drei Jahren zurück. Mit Alain Prost hatte er einen harten Brocken als Teamkollegen. Trotzdem wurde der Österreicher 1984 gegen Prost um einen halben Punkt Weltmeister. Die Rennroutine zahlte sich damals aus, im Qualifying war er wie Schumacher 2011 aber oft deutlich langsamer.

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