Kommentar: Peugeot erst der Anfang?
Geschrieben von: Michael Zeitler   
Sonntag, 22. Januar 2012 um 12:24

Kommentar: Peugeot erst der Anfang?

von Michael Zeitler

Ist der Rückzug von Peugeot aus der Sportwagenszene ein Funken, der einen Flächenbrand auslöst? Die Szene sollte aufgewacht sein, findet !NS!DE-RAC!NG-Redakteur Michael Zeitler

| Le Mans (!NS!DE-RAC!NG) - Man merkt, dass es so langsam, aber sich wieder los geht. Die Dichte an Nachrichten nimmt wieder zu. Und so gab es in dieser Woche mehrere Topthemen. Zum Beispiel die Verpflichtung von Bruno Senna durch Williams. Damit stehen Adrian Sutil und Rubens Barrichello zumindest vorübergehend vor dem Aus. Dieses Themen mit all ihren Facetten wird bei !NS!DE-RAC!NG in den kommenden Wochen ein Thema bleiben. Wohin wird die Reise für Sutil und Barrichello gehen? Und wie verlief Barrichellos 19-jährige F1-Karriere (keiner fuhr so viele GP-Rennen wie er!) im Detail? Wir werden Geschichten auspacken, die in der Geschichte längst wieder untergegangen sind.

Doch das Topthema Nummer eins dieser Woche betrifft die Sportwagen-Szene – aber eigentlich auch den gesamten Motorsport: Peugeot hat den Stecker gezogen, der „Löwe brüllt nicht mehr“, der so faszinierende Kampf zwischen Audi und Peugeot beim legendären 24-Stundenrennen von Le Mans ist Geschichte, die wieder auflebende Sportwagen-WM erfährt einen ersten Dämpfer noch vor dem ersten Rennen. Der Rückzug von Peugeot überrumpelte in dieser Woche die gesamte Motorsport-Welt – und sie löst Angst aus. Ist Peugeot erst der Anfang?

Viele werden sich erinnern: Als im Herbst 2008 die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreichte, gab es einen Exodus der Hersteller aus dem Motorsport: Honda, BMW und Toyota stiegen aus der Formel-1 aus, viele japanische Hersteller zogen sich aus der Rallye-WM, der Rallye Dakar und auch aus der MotoGP zurück. Nun also der Ausstieg von Peugeot vom Sportwagenprogramm. Besonders der Zeitpunkt verblüfft: Das Auto für 2012 ist fertig, die größten Kosten damit eigentlich gestemmt. Zumindest bestünde ja die Möglichkeit, dass Peugeot die Prototypen an Kundenteams verkauft. In der Vergangenheit fuhren die Teams von Henri Pescarolo (Ex-F1-Pilot) und Hughes de Chaunac (Ex-AGS-F1-Teammanager) mit Kundenfahrzeuge von Peugeot. Das Oreca-Team von De Chaunac kommt dafür nicht mehr in Frage, denn Oreca wird 2012 die Einsätze des Toyota-Werksteams leiten. Doch auch andere Teams dürften vergeblich auf den potenziellen Siegerwagen hoffen. Peugeot hat anklingen lassen, dass die Fahrzeuge nicht verkauft werden.

Damit erhält die Sportwagen-WM einen großen Dämpfer. Die Rückkehr von Toyota in die Sportwagen-WM kann den Ausstieg von Peugeot nicht abfedern. Audi und Peugeot kämpften in den vergangenen Jahren knallhart in Le Mans: Peugeot war oft schneller, aber auch unzuverlässiger. 2011 siegte Audi mit nur 13 Sekunden Vorsprung auf Peugeot – ein solcher Abstand bei einem 24-Stundenrennen ist ungewöhnlich und zeigt, wie unglaublich brutal die Hatz in Le Mans war, denn es war quasi ein 24 Stunden dauerndes Sprintrennen. Ob Toyota von Anfang an das Tempo von Audi mitgehen kann, wird sich zeigen. In der Sportwagen-WM wird Toyota schon mal nicht bei allen Rennen im Einsatz sein – das macht die Sportwagen-WM für Audi eigentlich zu einem Selbstläufer. Das trifft auch FIA-Präsident Jean Todt ins Gesicht, denn die Idee einer neu auflebenden Sportwagen-Weltmeisterschaft war eine gute – doch sie erhält damit einen herben Rückschlag. Und vielleicht wackelt nun auch das Audi-Engagement: Titel ohne ernsthafte Konkurrenz kann man schlecht verkaufen, außerdem steigt 2013 der Partnerhersteller Porsche in den Ring. Die Zeit für einen Rückzug wäre eigentlich reif. Man darf hoffen, dass Porsche und Jaguar nicht noch einen Rückzieher bezüglich der Rückkehr machen, sonst ist die zuletzt eigentlich beliebter werdende Sportwagen-Szene schnell wieder am Boden.

Aber auch andere Rennserien müssen den Peugeot-Rückzug als Warnschuss betrachten. Peugeot macht keinen Hehl aus den Gründen des Ausstiegs: Die schwierige Finanzlage in Europa. Speziell die Formel-1 hat sich aus der Krisenzeit 2008/2009 viel zu schnell erholt: Die Topteams Red Bull, McLaren, Ferrari und Mercedes stocken wieder auf, statt radikal ab. Das Ziel, die Kosten auf das Niveau zu Beginn der 90er Jahre zu drücken, es wurde verschoben und noch immer nicht erreicht – und zwar deutlich nicht. Den kleineren Teams steht das Wasser bis zum Hals. Das betrifft acht der zwölf Teams. Die Formel-1 begibt sich auf Glatteis, die Teamvereinigung FOTA ist zerrüttelt – wegen des Themas Sparen. 2012 werden Verhandlungen über das neue Concorde Agreement stattfinden. In diese vertragliche Verflechtung zwischen den Teilnehmern, den Veranstaltern um F1-Boss Bernie Ecclestone und dem Regelgeber, dem Automobilweltverband FIA, fallen so Themen wie Budgetobergrenze. Eine neue Krise, sie käme also zumindest nicht zur falschen Zeit. Man darf nur hoffen, dass die Alarmglocken in der Motorsport-Szene schrillen, denn einen leisen Piepser gibt es schon seit Jahren…