F1: Der Tod eines Unvergesslichen!
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Sonntag, 21. März 2010 um 21:14

F1: Der Tod eines Unvergesslichen!

von Roland Schäfges

lmola, Sonntag der 1. Mai 1994 - Die Welt bleibt stehen. Die Sonne ist vom Himmelgefallen. Heute vor 50 Jahren, wurde Ayrton Senna geboren. !R-Herausgeber Roland Schäfges, damals sieben Jahre alt, veröffentlicht zu dessen Ehren einen persönlichen Text, welchen er vor einigen Jahren  als Kind aufgeschrieben hat. Es ist ein Zeugniss des traurigsten Wochenende der Formel-1 Geschichte.

| Mayen (!NS!DE-RAC!NG) - Es war der 29.04.1994, als es zum ersten Mal an diesem Wochenende totenstill wurde. Man hörte nur den Aufprall des jungen Brasilianer Rubens Barrichello in dem Maschendrahtzaun neben der Strecke. Die „Variante Bassa“  war übersät von Frackteilen des Blaugrünen Sasol Jordan Hart. Die Rennleitung des Großen Preis von San Marino musste zum ersten Mal an diesem Schwarzen Wochenende die Ampeln auf Rot Schalten, um das Training abzubrechen. Formel-Eins-Arzt Professor Sid Watkins: „Der Aufprall hatte Barrichello bewusstlos geschlagen, und als ich zu seinen Auto kam, hatte er Probleme mit der Atmung. Das Ganze passierte buchstäblich in unserem Rücken. Wir hörten nur einen Dumpfen Schlag, wendeten unser Auto und waren innerhalb von Sekunden zur Stelle. Der Jordan lag auf dem Kopf. Nachdem er umgedreht wurde, nahmen wir Barrichello sofort dem Helm ab, um die Atmung sicherzustellen. Er wachte dann schnell auf und wurde ziemlich unruhig. Wir konnte nicht einmal den Rückenschutz anlegen, so eilig hatte er es, aus dem Auto zu kommen.“ Der Wagen lag nach drei Überschlägen Kopfüber im Graß. Die Streckenposten kippten den Wagen schnell wieder auf alle 4 Rädern, noch bevor Watkins die Unfallstelle erreicht hat. Der am 23.05.1972 in Interlagos, einem Vorort von Sao Paulo geborene Rubens Gonçalves Barrichello kam mit einem Nasenbeinbruch sowie starken Prellungen davon. Aber er hatte GROSSES GLÜCK. Grund: Beim Unfall wurde durch die Fliehkräfte der rechte Arm des Brasilianers aus dem Cockpit geschleudert. Auf vielen Fotos sieht man die als Faust geballte Hand in den Himmel ragen. Nach ca. 20 Min. Unterbrechung wurde das freie Training wieder freigegeben.

 

Aufgeweckt aus der Sicherheit!: Am Samstag vor dem Qualifikationstraining war Barrichello so weit wieder hergestellt das es auch wieder Interviews geben konnte. Ayrton Senna war auch schon bei seinem Landsmann und Freund gewesen. Und die Stimmung im Fahrerlager war trotz des Unfalls sehr gut, da alle wusste wie Gut es Rubens Barrichello wieder ging. Um 13:00 MEZ begann das Training mit nur 27 Fahrzeugen, weil Barrichello nicht starten konnte. Zu dieser Zeit erfuhr auch ich, was Freitag geschahen war.

Gegen Ende des Trainings wurde überraschend  wieder die Rote Flagge gezeigt. Die Regie, welche in Italien von der Rai bestückt wurde, zeigte auf einen völlig zerstörten Simtek-Ford. Ich wusste im ersten Moment nicht ob es David Brabham oder der junge Österreicher Roland Ratzenberger war, der in Aida seinen ersten Grand Prix und leider, wie man heute weiß, auch letzten Grand Prix absolviert hatte. In diesem Moment kam auch die Bestätigung per TV Einblendung und ich starrte, wie Millionen andere Menschen auch, auf den Fernseher. Es war Ratzenberger der leblos in seinem Auto hing. Die dort Stationierten Ärzte waren schon eingetroffen als ich sah wie auch der Formel-Eins-Arzt Prof. Sid Watkins am Unfallort eintraf. Watkins: „Wir sind sofort Richtung Unfallort gefahren, der von den Boxen 1,5 Kilometer entfernt liegt. Als wir in der Tosa Kurve ankamen waren die dort stationierten Ärzte schon an der Arbeit. Ratzenberger wurde aus dem Auto gehoben, sein Kreislauf und die Atmung stabilisiert. Mir war vom ersten Augenblick klar, dass er schwerste Verletzungen davon getragen haben musste. Seine Pupillen waren weit geöffnet und reagierten nicht mehr. Wir brachten ihn in das Streckenhospital, wo sich herausstellte das sein Zustand ziemlich Hoffnungslos war.“

Wie ich erst später raus gefunden habe, war auch wieder Senna in großer Sorge. Dies war er immer, wenn einer seiner Kollegen schwer verunglückt war. Nach dem schweren Unfall 1990 in Jerez de la Fontana von Martin Donnellys frage Senna Watkins Löscher in den Bauch. Er wollte alles Wissen, auch wie dessen Rettungsgeräte funktionierten. Wie nach dem Unfall von Barrichello, drang er auch beim Unfall von  Ratzenberger bis in das Streckenhospital vor. Um dort mit Watkins zu reden. Dazu Watkins im Nachhinein: „Als Ratzenberger in einem sehr kritischen Zustand eingeliefert wurde, gab es rund um das Areal strenge Kontrollen. Senna sah Roland’s Unfall am Fernsehschirm in der Box. Er wollte eingelassen werden, was man ihm natürlich verwerte. Irgendwie (wir werden es leider nie erfahren) schaffte er es, in den abgesperrten Bereich zu gelangen, um mich zu treffen. Er wollte alles über Ratzenbergers Zustand wissen.“ Ayrton Senna war immer ein sehr nachdenklicher Mensch und machte sich über den Ratzenbergers Unfall größte Sorgen. Prof. Sid Watkins riet ihn nicht zu starten, aber er wurde von Williams-Team gezwungen. Der tief religiöse Brasilianer dachte an diesem Abend über Karriereende und persönliche Kondolenz nach.

Am Abend des 30. April 1994 machte ich mir auch Gedanken. Obwohl ich erst sieben Jahre alt war, fragte ich meinen Großvater Löscher in den Bauch. Ich war das erste mal aktiv mit dem Tod in Berührung gekommen.

Im Fahrerlager lag allgemeine Bedrückung. Senna hatte also Recht behalten. Schon beim folgenden Wochenende, es sollte der Großen Preis von Monaco sein, wollte er die Fahrergewerkschaft wieder Gründen. Neben den aktuellen Ereignissen, waren auch die Testunfälle von Jean Alesi (Ferrari) und J.J. Lechto (Benneton Ford) bei den Testfahrten im Winter ein Grund. Weshalb er mit Lauda, Watkins sowie anderen Beteiligte und Fahrer der ehemaligen Vereinigung vor dem Wochenende in Imola  sprach, um zu erfahren, wie es in der Fahrergemeinschaft der 70er und 80er Jahre  abgelaufen war.

Nur dann kam der 1. Mai 1994!: Der Tag begann, wie jeder andere Rennsonntag auch. Es gab die Fahrerbesprechung bei welcher es eine Gedenkminute für Ratzenberger gab. Senna verkündete in diesem Rahmen dann auch seine Visionen über eine Formula One GPDA. Alle Fahrer stimmten zu, dass in Monte Carlo ein Sprecher gewählt und eine Organisation gegründet werden sollte. Anschließend gingen alle Fahrer scherzend und witzelt zurück zu Ihren Teams. Mit Ausnahme von Senna. Der dreifache Weltmeister wirklich immer noch getroffen und schockiert.
Um genau 13:30 Uhr schaltete ich den Fernseher bei meinem Großvater auf RTL. Wie auch Millionen andere deutsche auch. Sie zeigten wieder die Bilder der Unfälle von Ratzenberger und Barrichello. Kai Ebel lief wieder durch die Pitlane und befragte Fahrer und Teammitglieder zur Situation. Endlich hatten wir 14:00 Uhr und es ging los. Als dann alle Fahrer auf den Startpositionen standen, gingen die Rotenlichter an und am Ende des Feldes lief ein Streckenposten mit Grüner Flagge auf die Boxengasse zu. Aber auch das Rennen musste mit einem Blutbad losgehen. Der Widergenesene (Anbruch einer Nackenwirbel und Wirbelsäule) J.J. Lechto würgte in seiner Startbox stehend, seinen Benetton ab und der junge Portugiese Pedro Lamy in seinem Gelb, Grün, Weis, Schwarzen Lotus Mugen Honda prallte genau in das Heck des Benettons. Dabei wurden 15 Zuschauer auf der Haupttribüne von Wrackteilen teils schwer verletzt. Wegen der nötigen Aufräumarbeiten gab es eine Safety Car Phase. Der Führende Senna hatte auf Michael Schumacher der zu diesem Zeitpunkt Zweiter war 20 Punke (die beiden ersten Rennen in Sao Paulo und Aida gewann Schumacher und Senna schied bei beiden Rennen aus.) Rückstand in der Weltmeisterschaftswertung. Weshalb Senna wie besessen fuhr. Als in der 6. Runde das Rennen wieder freigeben wurde, jagte Senna dem Feld, dicht gefolgt von Schumacher weg. Als die Spitze in die 7. Runde kam, die Onboardkamera zeigte Senna, hatte Schumacher fünf Sekunden Vorsprung auf Berger, der auf der dritten Position lag. Kaum war das Führungsduo wieder in den kleinen Wald nach Start und Ziel verschwunden hörte Watkins und sein Fahrer Ribeiro: „Rote Flagge, Rennen gestoppt, Doc sofort Raus!“ Watkins im Rückblick: „In diesem Augenblick sagte ich zu meinem Fahrer: „Das ist Senna“ Als wir in Sichtweite der Unfalls kamen wurde mein Orakel bestätigt. Ich sah Sennas Gelben Helm. Wir brauchten nur 30 Sekunden bis zum Unfallort.“ Ich sah zuhause bei RTL, wie Watkins Senna versorgte. Ich wurde gestern zwar schon an den Tod eines Rennfahrers gewöhnt, aber diesen kannte ich nicht. Aber jetzt Senna ! Zwar war mein Idol Schumacher, aber Senna kannte ich auch gut.
Senna war noch im Auto als Watkins eintraf. Die Streckenposten standen regungslos neben dem Wrack. Watkins: „Zum dritten mal an diesem verdammten Wochenende hatte ich die Pflicht, einem Fahrer das Helmband durchzuschneiden. Wir nahmen Ayrton den Helm ab und hoben ihn aus dem Cockpit. Er blutete sehr Stark. Damit war klar, das wir sofort nach Bologna fliegen mussten.“

Watkins weiter: „Ich ahnte, dass er den Unfall nicht überleben würde. Gleiche Symptome wie bei Roland Ratzenberger: geöffnete Pupillen, keine Reaktion. Sein Kopf wurde  wahrscheinlich von einem Rad getroffen. Darauf ließen die Verletzungen schließen. Ein kleines Aufhängungsteil kann nicht soviel Schaden anrichten. Es muss ein massives Objekt gewesen sein, das ihn traf“
Ayrton Senna da Silva wurde nur 34 Jahre alt. Ich saß daheim und wusste auch nicht wie es um Senna stand. Aber es sah sehr gefährlich aus. Die Fernsehbilder des Helikopters zeigten eine gewaltige Blutlache in der Auslaufzone der Tamburello. Die Rettungskräfte wirkten geschockt und mitgenommen. Senna wurde in einen Helikopter geladen und ohne Zwischenstopp nach Bologna geflogen. Es waren die letzten Bilder des großen Weltmeisters und Menschenrechtlers.

Später wurde bekannt: Senna wurde erschlagen von der eigenen Radaufhängung. Eine verlängere und schlecht verschweißte Längseule war für den Unfall verantwortlich.  

Das Rennen wurde abermals Neugestartet. Und bei den nötigen Boxenstopps gab es dann das nächste Drama. Der italienische Minardi-Ford-Fahrer und spätere Le Mans Sieger für Audi Michele Alboreto verlor bei seinem einzigen Boxenstop in der viel zu engen Boxengasse von San Marino ein Hinterrad. Dieses traf drei Ferrari Mechaniker und zwei Lotus Mechaniker. Diese alle nur leicht Verletzt wurden sind. Das Rennen gewann Michael Schumacher vor Alesi Ersatzfahrer Nikola Larini auf Ferrari und dem Finne Mika Häkkinen auf seinem Mclaren Peugot.

Ich machte den Fernseher aus und war traurig. Was war passiert? Ich konnte es nicht realisieren. Der große Senna Tod? Bei RTL Aktuell kam die traurige Nachricht für mich zuerst. Um 18:41 Uhr, so die Offizielle Version, verstarb Senna im Maggiore-Krankenhaus von Bologna den Hirntod. Seine Ärztin Dr. Maria Teresa Fiandri verkündete die Meldung mit verweinten Augen. Ebenfalls wurde bekannt. In Sennas Fahrzeug befand sie die Bundesösterreichische Flagge.

Senna erhielt ein Staatsbegräbnis. Über eine halbe Million Menschen erwiesen ihm die letzte Ehre. Jacques Schulz kommentierte einen außergewöhnlichen Trauerzug.  

Die traurige Bilanz des Großen Preis von San Marino: 2 Tote Fahrer (Ratzenberger und Senna), 1 Schwerverletzer Fahrer (Barrichello), 15 leicht Verletze Zuschauer, 2 Schwerverletzte Zuschauer und 5 Verletze Mechaniker von Lotus und Ferrari!

Dies ist bald 16 Jahre her. Senna war 34 Jahre alt. Senna hätte, siehe Schumacher noch 6 – 7 Jahre fahren können. Senna hätte seine Karriere bei Ferrari beendet und Senna wäre mit ziemlicher Sicherheit erster Ferrari-Weltmeister nach Jody Scheckter geworden.

Senna ist Tod. Das reden darüber Spekulation. Ich verneige mich vor der Lebensleistung des großen Sennas. RS