F1: Monaco - Eine Nebenbühne für den Rennsport
von Natalie Rusch
Kein anderes Rennen ist so langsam und Überholmanöver so schwierig. Wenn trotzdem so ein Bohei darum gemacht wird, muss es am Schauplatz liegen. Schauen wir uns einmal um im Theater Monaco.
|(!NS!DE-RAC!NG) - Man muss nicht während des Grand Prix nach Monaco kommen. Aber die Fahrer müssen und sie kommen. Und das sehr gerne. Jeder hat sein eigenes Monaco-Erlebnis. Ins Auto springende Leitplanken, irritierende Klunker im Lenkrad des Rennautos oder der ins Heck geschlitterte Konkurrent.
Dabei ist man sich gar nicht so sicher, ob denn der Rennsport an diesem Wochenende die Hauptattraktion ist oder ob es nur die Tatsache ist, dass an jenem Ort, dem Zwergstaat Monaco, überhaupt Rennen gefahren werden.
Der Schauplatz und das Publikum
Andere Rennstrecken liegen im ländlichen Nirgendwo, die Parkplätze sind matschig und alles irgendwie gewöhnlich. Eine Gummistiefelatmosphäre für den Fan mit Bierbauch und dem Käppchen des Lieblingsfahrers auf dem Kopf. In Monaco traut man sich das nicht mehr so ohne Weiteres. Selbst wer für billige vierzig Euro zwischen den Pinien am Rocher hängt, möchte halbwegs vornehm hängen. Bei anderen Rennen ist das Rennen selber die Attraktion und die Tribünen blicken auf das Geschehen. In Monaco ist der Schauplatz die Bühne, und die Leute sitzen mitten drauf. Unmittelbar vor der Nase kriechen die teuren Rennflitzer um die Kurve, im Rücken bahnt sich der Klang des Mittelmeers seinen Raum in die Geräuschkulisse. Ein Luxus. In Monaco gibt es Swimmingpools im Badewannenformat auf den Dächern zu bestaunen. Am Hockenheimring oder in Magny-Cours nicht. Und wenn man vom Bahnhof aus zum Hafen will, etwa 100m Luftlinie aber auch gefühlte 400 Höhenmeter, ist man unter Umständen eine ganze Stunde unterwegs. Monaco erscheint nicht so klein wie es ist. Und wenn man irgendwann unten am Hafen angekommen ist, erinnert man sich nur noch schwerlich an das Casino oben. So ein Formel 1 Rennen hat daher auch eine touristisch-infrastrukturelle Bedeutung. Als schnelle Stadtrundfahrt. Die Direction du Tourisme et des Congrès freut sich und der Fürst ist auch zufrieden. Alles gut.
Doch die 90er sind vorbei. Das ist für das Rennen in Monaco etwas Neues. Lange schien hier die Zeit still zu stehen, die Preise für Karten, Fanartikel und Verpflegung waren immer die höchsten. Nur die Reichsten ließen sich ein halbes Hähnchen mit Wein an der Rennstrecke schmecken. Für 800 Euro. In diesem Jahr meldete der Nice Matin, dass Merchandising-Artikel 30% günstiger als im Vorjahr seien. Preisdumping im Paradies der Oberschicht und Tagestouristen. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen sich Fans und andere Beobachter der Rennen auf den gemieteten Balkons der Hochhäuser drängten. Monaco ist beinahe erschwinglich geworden. Nur wissen darf das niemand, es würde einen wichtigen Teil des Mythos Monaco zerstören: Die Bühne der Reichen.
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Die Akteure und der Intendant
Fahrer, die Monaco hassen, sind selten. Es sei denn, sie hatten ein traumatisches Erlebnis. Vielleicht sind sie hier im betrunkenen Zustand von einer Jacht gestürzt. Vielleicht haben sie ihr Geld im Casino verloren. Oder sie haben schmerzhaft feststellen müssen wie teuer Parken hier ist. Besonders in manchen Kurven. Davon, dass Hollywood sich hier wohlfühlt, profitieren aber alle. Sollte das Rennen schlecht laufen, ist man von jedem beliebigen Punkt der Strecke binnen zehn Minuten mit einem Geldkoffer am Hafen und auf und davon. Das würde auf keinen der anwesenden Personen einen ungewöhnlichen Eindruck machen.
Das Fernsehen liebt Monaco. Sender, die zu Rennen immer mit der Sport- und der Boulevardredaktion gemeinsam anreisen, haben alle Hände voll zu tun, die klunkerbehängten Reichen auf Jachten mit Hubschrauberlandeplätzen zu filmen. Eigene Kameras brauchen sie dabei nicht einmal. Das Überwachungskameranetz in Monaco ist das dichteste der Welt.
Man vermarktet dieses Rennen geschickt. Denn abseits der Klatschgeschichten um die Fürstenfamilie schafft es der Zwergstaat nur noch selten in die Schlagzeilen. Und wenn, dann nicht positiv, sondern weil man vielleicht wieder auf einer schwarzen Liste der schurkenhaften Steuerflüchtlingsboote beziehungsweise -jachten steht. Es gibt noch ein Tennisturnier und ein Leichtathletikwettbewerb um den guten Ruf zu prägen. Das seit mehr als einem halben Jahrhundert wichtigste Ereignis aber ist das Autorennen. Darauf baut der Fürst alles andere auf. Als im letzten Jahr die Tour de France im Fürstentum zu Gast war, ließ man sie selbstverständlich einen wichtigen Teil der Formel 1 Rennstrecke entlangstrampeln. Sechzig Höhenmeter auf einem Kilometer hoch zum Casino.
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Zweifelhafter Applaus
Monaco ist die kleinste Weltstadt der Erde. Kleiner als eine gewöhnliche Kleinstadt. Ein Dorf geradezu. Und eines, in dem nicht nur Rennen gefahren werden, sondern in dem auch zahlreiche Motorsportler ihre Luxuszelte aufgeschlagen haben. Dabei gibt es nur zwei rationale Gründe, warum ein Rennfahrer hier leben sollte. Erstens wirken Rennstrecken auf Rennfahrer anziehend und wo auf der Welt kann man dem Objekt seiner Begierde so nah sein? Jeden Tag vom Wohnzimmerfenster aus die Ideallinie studieren?
Der zweite Grund ist komplexer. Wir halten fest: Die Post an sich ist langsam. Nicht nur seit Heinz-Harald Frentzen keine der gelben Jordan-Postkutschen mehr fuhr. Nicht umsonst wird die Post gerne als Schnecke karikiert. Daraus folgt für den geschwindigkeitsliebenden Motorsportler eine natürliche Abneigung gegen Postkästen als Symbol dieser Langsamkeit. Ergo lebt man in Monaco gut: Auf die Post vom Finanzamt wartet man vergeblich. NR
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