Mark Webber führt derzeit die WM an, obschon ihn keiner auf der Rechnung hatte. Ein ausführliches Portrait des sympathischen Australiers.
| Monte Carlo (!NS!DE-RAC!NG) - Als Lewis Hamilton vor dem australischen Grand Prix erklärte, Mark Webber würde womöglich noch zum Saisonende hin zurücktreten, schlug das in Australien große Wellen. Die Resultate, die Webber damals zeigten, stützten die Hamilton-Theorie: Webber konnte mit seinem Teamkollegen Sebastian Vettel nicht Schritt halten. Seit dem Rennen in Barcelona hat sich der Wind gedreht: Webber dominiert die Formel-1. Schon in Spanien holte sich der sympathische Australier Pole Position und Sieg, eine Woche später folgte wieder eine Pole Position und ein Sieg.
Zwar gewann Webber auch im Vorjahr schon Rennen, aber der Sieg in Monaco war besonders, aus vielerlei Hinsicht: Erstens ist ein Sieg in den Straßenschluchten von Monte Carlo seit jeher etwas Besonderes. Freilich will jeder Fahrer F1-Weltmeister werden, aber schon an zweiter Stelle kommt ein Triumph beim prestigeträchtigen Rennen an der Côte D’Azur, bei dem sich traditionell die Schönsten und Reichsten der Welt tummeln und sich das Rennen mit Freude anschauen. Es ist was Wert, vor einem solchen Publikum zu gewinnen. Zweitens war der Sieg in Monaco auch fahrerisch beeindruckend: Von vier Safety-Car-Phasen ließ sich Webber nicht einschüchtern, immer wieder fuhr er sich schnell einen ordentlichen Vorsprung auf Vettel heraus – und der fuhr immerhin im selben Auto wie Webber. Drittens setzte sich Mark Webber mit dem Sieg in Monaco auch an die Tabellenspitze, punktgleich mit Vettel! Man muss in den Geschichtsbüchern weit zurückblättern, um einen Australier an der Spitze eines WM-Klassements zu finden: Nach dem Brasilien GP 1981 lag Alan Jones mit seinem Williams Ford Cosworth in Führung – wie Webber jetzt aber punktgleich mit seinem Teamkollegen Carlos Reutemann. Nach dem Grand Prix in Long Beach gleichen Jahres, lag Jones in der WM alleine in Front. Der letzte Australier, der den Monaco GP gewinnen konnte, war übrigens Jack Brabham 1959 in einem Cooper Climax!
Das lange Warten auf einen WM: Alan Jones und Jack Brabham sind auch die bisher einzigen Weltmeister, die Australien hervorgebracht hat. Jack Brabham holte sich den Titel gleich drei Mal: 1959 und 1960 holte er sich den Titel mit dem Cooper-Team. Noch spektakulärer war sein Titelgewinn 1966: Damals hatte Brabham bereits ein eigenes Team gegründet, das eigene Chassis mit seinem Namen herstelle. Der australische Motorenhersteller Repco stattete die Chassis mit Motoren aus und Jack Brabham holte sich mit dieser Kombination seinen dritten und letzten Titel. Brabham ist damit der einzige Fahrer, der mit seinen eigenen Autos Weltmeister werden konnte! Heute ist Jack Brabham gesundheitlich angeschlagen, reiste aber nach Bahrain, wo sich zum Jubiläum 60 Jahre F1-Weltmeisterschaft alle noch lebenden Champions zu einem Gruppenfoto versammelten.
13 Jahre lang musste Down Under auf den nächsten Champion warten: Auf Alan Jones. Sein Vater Stan Jones fuhr in Australien in den 50er Jahren gegen keinen geringeren als Jack Brabham Rennen, wurde dabei 1958 mit einem ausgedienten F1-Maserati 250F australischer Formel-Meister. In die F1-WM schaffte es Stan Jones nicht, sehr wohl sein Sohn Alan. Alan Jones wurde 1980 als erster Fahrer für das Williams-Team F1-Weltmeister – bis heute schwärmt Teambesitzer Frank Williams über die Fahrkünste von Alan Jones. Zuletzt war Jones Besitzer des australischen A1GP-Teams, für das auch sein Sohn Christian Jones unterwegs war.
30 Jahre ist das nunmehr her – seitdem wartet Australien auf den nächsten F1-Weltmeister. Ein Comeback von Jones 1986 mit dem in der amerikanischen F1, der IndyCar, so erfolgreichem Haas-Team scheiterte, weil erstens Haas in der Formel-1 hinterherhinkte und zweitens auch Jones an Fitness und Ehrgeiz verloren hat. Brabhams Söhne David und Gary konnten nicht in die Fußstapfen ihres Vaters treten und nach dem Australien GP 1994, bei dem David Brabham im Simtek Ford fuhr, dauerte es bis zum Australien GP 2002 bis der nächste Australier in die Formel-1 kam: Mark Webber. Mit dem unterlegenen Minardi Asiatech fuhr Webber als Fünfter auf Anhieb in die Punkte – und wurde in Australien mehr gefeiert als Sieger Michael Schumacher. Es blieb lange der einzige Höhepunkt in Webbers F1-Laufbahn.
Webber fördert Australiens Nachwuchs: Man wünscht es Webber, dass er die australischen Rennfans endlich wieder zum Jubeln bringen kann. Zweifellos zählt der 33-Jährige zu den sympathischsten Figuren im Fahrerlager des GP-Sports. Im Wettrennen um die schönsten Models als Fahrerfreundinnen macht Webber nicht mit: Er ist seit Jahren mit seiner etwas älteren und ohne Model-Vergangenheit bedachten Frau verheiratet. Webber ist ganz bodenständig und er weiß, dass nicht nur sein Talent geholfen hat, dass er jetzt die Weltmeisterschaft anführt: Webber wurde immer wieder gefördert und unterstützt. Drei Personen spielten dabei eine zentrale Rolle:
Zum einen war dies natürlich sein Vater Alan Webber. Zwar war dieser nicht im Motorsport verwurzelt, trotzdem hatte Alan Webber Sinn für dieses Hobby: Er war Motorrad-Händler und führte dadurch Mark schon im zarten Alter an die Zwei-Räder heran. Es verwundert also nicht, dass Mark zunächst eine Karriere im Motorrad-Cross-Fahren anschlug. Erst später wechselte er doch auf vier Räder. Doch den Einstieg in den Formel-Sport schaffte er nur durch die Unterstützung von Alan Webber, denn der kaufte seinem Sohn Mark das Van-Diemen-Formel-Ford-Fahrzeug, mit dem Craig Lowndes, der es später bis in die internationale Formel-3000 schaffte, 1993 Meister der australischen Formel-Ford wurde. Daran konnte Webber 1994 nicht anknüpfen. 1995 steigerte er sich: Er gewann unter anderem das Rennen in Adelaide, das im Rahmenprogramm des F1-Rennens stattfand. Am Ende wurde er Gesamt-4. und durfte deshalb auch zwei Rennen in der Formel-Holden, der australischen Formel-3000, für Birrana Racing fahren.
Auch 1996 fuhr er zwei Rennen in der Formel-Holden für Ralt, gewann davon eines. Aber hauptsächlich konzentrierte sich Webber auf eine Karriere in Europa. Für Van Diemen fuhr er in der britischen und europäischen Formel-Ford. Als es während der Saison knapp wurde mit dem Geld, sprang David Campese, ein erfolgreicher australischer Rugby-Spieler, ein und unterstützte Webber finanziell. Das sicherte ihm die Saison. Richtig wichtig wurde dann aber die Unterstützung von Paul Stoddart, einem australischen Geschäftsmann, der unter anderem mit seiner Fluglinie European Airlines jede Menge Geld machte und dieses in den Motorsport steckte. Stoddart besaß eine Vielzahl von ehemaligen F1-Fahrzeugen, mit denen er auch an historischen Rennserien teilnahm. 1997 gründete Stoddart sein eigenes Team, European Racing, das mit Nigel Greensall, der 2009 noch in der Le-Mans-Serie unterwegs war, und einem Tyrrell Judd 1997 die historische F1-Meisterschaft gewann. Stoddart sponserte auch vermehrt F1-Teams und setzte ab 1999 ein Team in der internationalen Formel-3000, als der heutigen GP2 ein. Für dieses Team holte Stoddart Webber als Fahrer. Webber war nach einer Saison für Alan Docking in der britischen Formel-3 zu den Sportwagen gewechselt, ins Mercedes-Werksteam. Aber im Training zum 24-Stundenrennen von Le Mans 1999, hob sein Mercedes ab und überschlug sich mehrmals. Der Schreck jagte Webber durchs Mark: Er entschied sich, zurück zum Formel-Sport zu wechseln und wurde sofort von Stoddart verpflichtet, dessen Team mittlerweile European Arrows hieß, weil es eine Partnerschaft mit dem Arrows-Team einging. Webber gewann ein Rennen und wurde Gesamt-3., ein Jahr später holte er für Super Nova sogar den Vizetitel. Mit seinen vier Siegen (einer davon übrigens – na klar! – in Monaco) ist Webber auch der erfolgreichste Australier in der F2-EM, internationalen F3000 und GP2: Tim Schenken kommt noch auf zwei Siege, Frank Gardner auf einen.
Die erfolgreichsten australischen Fahrer in der F2-EM, internationalen F3000, GP2 (1969-2010)
Siege
1. Mark Webber 4
2. Tim Schenken 2
3. Frank Gardner 1
Pole Positions
1. Mark Webber 2
Podestplätze
1. Tim Schenken 8
2. Mark Webber 7
3. Gary Brabham 2
3. Frank Gardner 2
5. Jack Brabham 1
Rennen
1. Tim Schenken 34
2. Mark Webber 22
3. Gary Brabham 15
3. Rob Nguyen 15
5. Frank Gardner 11
6. Craig Lowndes 10
7. Jack Brabham 7
7. Ryan Briscoe 7
9. Bon Muir 3
10. Vern Shuppan 2
Punkte
1. Mark Webber 60
2. Frank Gardner 35
3. Tim Schenken 31
4. Gary Brabham 10
5. Rob Nguyen 7
6. Craig Lowndes 3
Durch seine Erfolge in der Formel-3000 bekam er auch zwei F1-Tests, einen für das Arrows-Team, den anderen für das Benetton-Team. Während er bei Arrows auch Testfahrer war, war auch der Benetton-Test wichtig: Teamchef Flavio Briatore – nach Alan Webber und Paul Stoddart die dritte zentrale Figur – nahm Mark Webber unter seine Fittiche. Briatore gilt bis heute als einer der besten Fahrermanager. Stoddart, inzwischen F1-Teambesitzer von Minardi, wollte Webber in sein Team holen, brauchte aber Geld. Briatores geschickte Verhandlungen verschafften ihm letztlich auch das Cockpit bei Minardi. Webber dankte es mit Platz fünf zum Einstand in Melbourne.
Aber gerade weil Webber seine Supporter zu schätzen weiß, setzt er sich mittlerweile auch für den australischen Nachwuchs ein. Einer von ihnen ist Mitch Evans: Zwar ist der Neuseeländer, aber er dominiert derzeit die australische Formel-3. Für das BRM-Team von Bronte Rundle gewann Evans bisher alle Rennen, die er auch gefahren ist, denn einige ließ er bisher auch schon aus, weil er nebenher auch in der Formel-Abarth an den Start geht. Webber wird Evans genau über die Schulter schauen, denn er ist ein potenzieller Fahrer für sein GP3-Team, das Webber für die Saison 2010 gemeinsam mit seinem Chef Christian Horner gegründet hat. Red-Bull-Teamchef Horner hat nämlich auch noch ein eigenes Rennteam (Arden), das nun in der GP2 und der GP3 an den Start geht, in der GP3 mit Webber als Teilhaber an Bord. Der Haken: 2010 startet kein Australier im MW Arden Team: Michael Christensen kommt aus Dänemark, Miki Monrás aus Spanien und Leonardo Cordeiro (aktueller Champion der südamerikanischen Formel-3) aus Brasilien.
Webber unterschätzt: Das Problem von Webber in der Formel-1: Nach seinem fünften Platz in Australien 2002 wurde Webber als kommender Weltmeister gefeiert. Vergleiche mit Nigel Mansell geisterten durch den Blätterwald. Letztlich landete Webber aber auf dem Boden der Tatsachen: Mit dem Minardi Asiatech konnte man keinen Blumentopf gewinnen und so war Teamkollege Alex Yoong sein einziger Gegner. Der Malaysier war aber äußerst schwach und so wurde von Webber erwartet, dass er Yoong, aktuell Nachwuchs-Coach bei Lotus, dominiert. Punkten konnte er so nicht.
Trotzdem war sein Marktwert noch groß: Als er 2003 einen Zweijahresvertrag mit Jaguar abschloss, soll sein Verdienst etwa sechs Millionen US-Dollar betragen haben. Bei Jaguar fuhr Webber solide immer wieder in die Punkte, konnte aber keine Highlights setzen, was freilich auch am Auto lag. Zumindest entwickelte Webber einen Ruf, im Qualifying unschlagbar zu sein. Betrachtet man die Statistiken, dann ist da durchaus was dran: Sebastian Vettel ist der erste Teamkollege, der Webber im Qualifying einheizen kann:
Quali-Duelle von Mark Webber
Mark Webber – Alex Yoong 15:0
Mark Webber – Anthony Davidson 2:0
Mark Webber – Antônio Pizzonia 13:3
Mark Webber – Justin Wilson 5:0
Mark Webber – Christian Klien 16:3
Mark Webber – Nick Heidfeld 9:5
Mark Webber – Nico Rosberg 13:5
Mark Webber – David Coulthard 31:5
Mark Webber – Sebastian Vettel 6:18
Gesamt: Mark Webber – Teamkollege 110:41
Start im Qualifying, im Rennen aber nur ein Fahrer, der kaum Fehler macht, solide Punkte einfährt, aber für höheres zu untalentiert ist – das war der Marktwert von Webber ab der Saison 2003 beziehungsweise 2004. Eine Schrecksekunde hatte Webber 2003 ebenfalls noch einzustecken: In Brasilien führte ein schwerer Unfall von Webber zum Abbruch des Rennens.
Für 2005 ergatterte Webber trotzdem ein Cockpit bei Williams – dank Briatore. Der Manager drehte einen tollen Deal: Briatore wollte sich unbedingt die Dienste von Giancarlo Fisichella sichern, der aber bei Sauber vertraglich fix gebunden war – außer, ein Topteam holt ihn aus dem Team. Als Topteams wurden damals Ferrari, McLaren und Williams definiert, Renault zählte nicht dazu. Also machte Briatore dem alten Williams Webber schmackhaft. Briatore nahm Webber unter Vertrag, Williams Fisichella und danach tauschten die beiden die Cockpits.
Bei Williams kam zunächst eine Aufbruchsstimmung auf, denn an Australier hatte man seit Alan Jones nur gute Erinnerungen. Aber Williams hatte andere Probleme: Die Beziehung zu BMW kippte, die Erfolge wurden weniger und Webber blieb seiner Linie treu: Im Qualifying hui, im Rennen zwar nicht pfui, aber besonders gut auch nicht. Dass Webber seinen einzigen Podestplatz mit Williams ausgerechnet beim Monaco GP feierte, überrascht nach dem Rennen in Monte Carlo 2010 keinen mehr. 2005 stand er mit Williams auf dem Treppchen. Mit den Cosworth-Motoren entwickelte sich Williams 2006 rückwärts und etablierte sich im Mittelfeld. Darunter litt auch Webber. Für die Saison 2007 ließ man Webber fallen – ein Fehler, wie Frank Williams am Rande des Monaco GP am Wochenende gestand.
Webber kehrte zu Jaguar zurück, das zu diesem Zeitpunkt bereits von Horner geführt wurde und Red Bull hieß. Bei Red Bull war Webber weiterhin nur gut fürs Mittelfeld. Erst 2009 kam die Wende: Red-Bull-Technikchef Adrian Newey packte seine Geniestreiche immer dann aus, wenn sich das Reglement auf dem Kopf stellt. Wie also 2009, als die Autos eine neue Aerodynamik verpasst bekamen. Red Bull war plötzlich statt im Mittelfeld ganz vorne anzutreffen. Das Problem von Webber: Er stand ganz klar im Schatten von Webber. Mit verantwortlich dafür war aber auch ein Unfall im Winter mit dem Fahrrad bei einer von Webber ins Leben gerufene Extremsport-Veranstaltung. Webber verletzte sich dabei schwer, humpelte während der ersten Rennen durchs Fahrerlager, fuhr aber trotzdem seine Rennen. Zur Saisonmitte hin zeigte seine Formkurve aufwärts und auch Webber gewann Rennen: Bei Vettels Heimrennen in Deutschland gewann Webber seinen ersten Grand Prix, in Brasilien legte er noch mal nach.
Trotzdem hatte Webber vor der Saison 2010 niemand auf der Rechnung. Die ersten Rennen war er auch wieder die Nummer zwei im Team, doch seit Barcelona gibt er den Ton an. Und nun führt er auch die WM an. Allmählich ändert sich der Ruf von Webber wieder. Doch immer noch halten sich Experten mit der Euphorie zurück: Hat Webber gerade nur ein Formhoch und auf Dauer übernimmt wieder Vettel das Kommando? Fakt ist: Red Bull hat 2010 das schnellste Autos und ist damit absoluter Topfavorit auf den Titel. Wenn sich Webber gegen Vettel durchsetzen kann, dann hat er eine realistische Chance auf den Titelgewinn. Aber es muss sich noch entscheiden, ob nicht doch die Kritiker am Ende Recht behalten. So oder so wird Webber aber seine F1-Bilanz noch etwas schönen: 144 Rennen, vier Siege, vier Pole Positions, fünf Schnellste Rennrunden und 247,5 WM-Punkte stehen bisher auf seinem Konto.