F1: Hintergrund - Wieso südamerikanische Fahrer kommen
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Samstag, 21. August 2010 um 12:15

F1: Hintergrund - Wieso südamerikanische Fahrer kommen

von Michael Zeitler

Mit Pastor Maldonado, Sergio Perez und Esteban Guerrieri könnten 2011 drei Fahrer aus Südamerika in die Formel-1 kommen. Die Hintergründe.  

| Südamerika (!NS!DE-RAC!NG) - Südamerikanische Rennfahrer sind derzeit am Drücker. Die GP2-Meisterschaft, immerhin die Formel-Serie unterhalb der Formel-1, wird 2010 zwischen zwei südamerikanischen Fahrern entschieden: Pastor Maldonado aus Venezuela führt die Meisterschaft im Rapax-Team vor Sergio Perez aus Mexiko im Addax-Team an. Noch eine Liga darunter, in der GP3, ist Esteban Gutiérrez so gut wie sicher Meister. Der Mexikaner fährt beim Erfolgsteam ART. Maldonado und Perez sind auch heiße Kandidaten auf einen F1-Sitz für die Saison 2011. Genauso wie auch Esteban Guerrieri aus Argentinien, der derzeit für ISR in der Formel-World-Series-by-Renault sehr erfolgreich fährt, eine Serie knapp unter der GP2. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit Maldonado, Perez und Guerrieri alle drei 2011 in der Formel-1 sehen ist größer, als die Möglichkeit, dass keiner dieser Fahrer kommt. Denn alle drei bringen neben ihrem Talent auch noch eine andere wichtige Voraussetzung mit: Geld, viel Geld.

Aber wieso ist das so? Wieso scheint sich das Blatt derzeit zu wenden und statt spanische oder osteuropäische Fahrer sind derzeit Fahrer aus Südamerika am Drücker? Haben die Südamerikaner momentan einfach nur einen starken Jahrgang?

Wirtschaftskrise als Chance? Eine der Ursachen ist die Weltwirtschaftskrise. Südamerika setzt dank ihres Klimas auf spezielle Wirtschaftsprodukte: Kaffee, Zucker, Tabak. Luxusgüter also, die man sich in den reichen Ländern auch trotz der Wirtschaftskrise leisten konnte. Die Länder Südamerikas waren von der Krise nicht ganz so stark betroffen, wie viele große Motorsportnationen wie USA, Deutschland, Spanien, Japan oder auch Großbritannien.

Aber ganz alleine kann es die Wirtschaftskrise nicht sein. Denn in den Jahren der Krise von 2007 bis 2009 gab es in nur wenigen Ländern ein Wirtschaftswachstum, sieht man von Afrika und Arabien ab. Vier davon finden sich zwar in Südamerika, aber es sind Länder, aus denen in nächster Zeit kein neuer Michael Schumacher hervorgehen wird: Ecuador, Bolivien, Peru und Suriname. Alle vier Nationen sind allerdings auch nicht als Motorsport-Nationen bekannt: Aus keinem der vier Ländern kam bisher ein Fahrer, der F1-WM-Rennen bestritt. Jorge Koechlin von Stein aus Peru setzte in der britischen Formel-1 1982 einen Williams Ford ein und wurde immerhin Gesamt-4.

Neben den vier Nationen mit Wirtschaftswachstum hatte ansonsten Brasilien – trotz starker Inflation – am wenigsten die Wirtschaftskrise gespürt. Doch ausgerechnet dort scheint derzeit für den Motorsport keine müde Mark zu holen sein. Bruno Senna und Lucas di Grassi scheinen vergeblich zu versuchen, ihre Cockpits mit finanziellem Support zu verteidigen – und das obwohl zumindest Senna einen großen Namen hat, was normalerweise Tür und Tor für Sponsoren öffnet. Sein Onkel war drei Mal F1-Weltmeister und der letzte Fahrer, der im F1-Boliden sein Leben lassen musste. Die südamerikanische Formel-3 wird immer noch von brasilianischen Teams und Fahrern dominiert, hoch im Kurs stehen sie in Europa aber nicht. Obwohl mit Hitech dort nun auch ein europäisches Nachwuchsteam eingestiegen ist, weil man den Markt in Südamerika riecht.

Derzeit kommen die südamerikanischen Nachwuchsfahrer aber vor allem aus Mexiko, Venezuela und Argentinien. Alle diese Länder hatten tatsächlich eine deutlich schwächere Rezession als die Top-8-Staaten. Vielleicht auch deshalb ist nun nach der Wirtschaftskrise Carlos Slim der reichste Mann dieses Planeten. Slim kommt aus Mexiko und besitzt mehrere große Firmen Südamerikas, darunter das Telekommunikationsunternehmen Telmex. Mit Telmex ist Slim schon seit Jahren im Motorsport involviert. Unter der Leitung des ehemaligen McLaren-F1-Teammanagers Jo Ramirez hat Telmex einen Förderkader aufgebaut, dem auch Perez und Gutiérrez entstammen. Die beiden haben also Telmex ihren derzeit starken Stand zu verdanken.

Reutemann in Argentinien: Der Erfolg der mexikanischen Fahrer hat sich damit erklärt. In Venezuela scheint das Argument Wirtschaftskrise tatsächlich zu ziehen: Die Wirtschaft zeigt seit Jahren nach oben: Das BIP steigt, die Armut und die Arbeitslosigkeit geht seit Jahren stark nach unten, auch wenn die Krise Arbeitslosenzahlen wieder leicht ansteigen ließ. Mit 7% liegt die Arbeitslosenquote derzeit aber trotzdem weit unter dem, was Venezuela über Jahre gewohnt war. Besonders die staatlichen Firmen wie der Mineralölkonzern PDVSA investieren nun in den Motorsport und wollen Maldonado mit Mitgift in die Formel-1 bringen, so wie sie Ernesto Viso, der 2007 beim Brasilien GP im Spyker Ferrari im Freitagstraining fuhr, seit Jahren in der IndyCar, der amerikanischen Formel-1 unterstützen.

Bleibt noch Argentinien. Wegen des Pesos als Währung hatte man in Argentinien eine große Inflation, die auch das Wirtschaftswachstum drückte und in eine Rezession umkehrte. In unregelmäßigen Abständen reitet Argentinien außerdem immer wieder in eine hausgemachte Wirtschaftskrise. Die Gelder, die José-María Lopez 2010 bei USF1 zugute kommen sollten und mit denen nun Esteban Guerrieri 2011 bei Virgin untergebracht werden soll, kommen also nicht aus der Wirtschaft, sondern direkt vom Staat. Staatspräsidentin Cristina Fernández de Kirchner will Guerrieri ebenfalls mit acht Millionen Euro unterstützen, wie auch Lopez 2010 – trotz der schlechten Erfahrungen. Denn einen Teil der Gelder, die man für Lopez an USF1 zahlte, sind trotz deren Nichtantretens nicht mehr zurückgezahlt worden. Kirchner investiert aber weiterhin in den Motorsport, zumindest wenn es um Formel-1 geht. Der Hintergrund dürfte auf der Hand liegen: 2011 dürfte sie im Präsidentschaftswahlkampf auf Carlos Reutemann treffen, einem ehemaligen F1-Piloten und Vizeweltmeister 1981. Weil Kirchner und Reutemann von der gleichen Partei sind, könnte Kirchner mit ihrer Strategie die motorsportbegeisterten Wähler gewinnen, die ansonsten freilich ihre Stimmen Reutemann geben dürften. Und nicht wenige Argentinier begeistern sich für den Motorsport. Daran hat sich auch nichts geändert, obwohl die fünf WM-Titel von Juan Manuel Fangio schon Jahrezehnte zurückliegen.