Boss GP: Schumachers Benetton gegen Barrichellos Jordan
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Dienstag, 06. Dezember 2011 um 21:30

Boss GP: Schumachers Benetton gegen Barrichellos Jordan

 von Michael Zeitler und Daniel Geradtz

Die Boss-GP-Serie genießt immer mehr Synpathien - zu Recht!

| Hockenheim (!NS!DE-RAC!NG) - Was passiert eigentlich mit den alten F1-Boliden? Die Faustregel gilt: In den ersten zwei bis drei Rennen geben die Teams die Rennwagen nicht frei – zu sehr die Angst, der Wagen und damit seine Technikkniffs könnten der Konkurrenz unter die Finger kommen. Viele Wagen wandern auch in Museen oder bleiben in Teambesitz. Einige werden aber auch verkauft, an private Sammler oder Amateurrennfahrer. Eine Spielwiese für solche Leuten und ihre Spielsachen ist die Boss-GP-Serie, die von einem Deutschen organisiert wird: Christian Gänse.

Man könnte sagen, Gänse ist der Bernie Ecclestone der Boss-GP-Serie. Das merkt er auf dem Konto allerdings nicht: Gänse führt die Boss-GP-Serie nur nebenbei durch und ist ganz normal im Berufsleben. Die Serie ist eben etwas für Motorsport-Enthusiasten, für Motorsportler aus Leidenschaft, nicht aus Berufung.

Aber die Serie findet immer mehr Anklang: Wo sonst kämpft jener Jordan, mit dem Michael Schumacher sein F1-Debüt gegeben hat gegen einen GP2-Dallara von 2005, oder ein Panoz-IndyCar gegen einen Lola-F3000 aus der Saison 1990? Das Reglement ist im Prinzip offen, die Rennwagen müssen, wie der Name Big Open Single Seater (Boss) schon verrät, Formel-Rennwagen von hohem Niveau sein, Baujahr bis 2006. Das schließt Fahrzeuge aus verschiedenen Serien, aber auch aus verschiedenen F1-Jahrgängen ein.

F1-Rennwagen verbessern
Darüber hinaus dürfen die Teams auch selbst an den Fahrzeugen rumschrauben. Der Niederländer Klaas Zwart hat zum Beispiel ein Rennstall gegründet, der nach Alberto Ascari benannt wurde, der Weltmeister in den beiden Jahren 1952 und 1953, als die WM nach F2-Regeln und nicht nach F1-Regeln ausgeschrieben wurde. Das Ascari-Team hat schon eigene Sportwagen für GT-Serien entworfen und hat schon mit einem Einstieg in die Formel-Superleague geliebäugelt. Zwart selbst setzt sich aber selbst noch gerne ans Steuer – am liebsten in der Boss-GP-Serie. Von einem Footwork von 1992 über einen Benetton von 1997 ist er inzwischen bei jenem Jaguar angekommen, mit dem Mark Webber 2004 in der Formel-1 unterwegs war. Also mit dem letzten Jaguar, bevor das Team vom aktuellen WM-Team Red Bull übernommen wurde. Den Benetton von 1997 hat das Ascari-Team stark überarbeitet. Gänse erklärte gegenüber !NS!DE-RAC!NG, dass man aerodynamisch vieles von vor 1994 übernommen habe, weil damals das F1-Reglement noch offener war. Dann kamen die tödlichen Unfälle von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna und das Reglement und die Aerodynamik wurden immer mehr beschnitten. Das Ascari-Team gibt gegenüber !NS!DE-RAC!NG genauer Auskunft: „Wir haben an unserem Benetton den gestuften Boden in einen flachen Unterboden verwandelt, was uns zwei Sekunden gebracht hat.“ Ferner hat man den Renault-Motor gegen einen Judd-V10-Motor ausgetauscht. Das Team nimmt dazu Stellung: „Das Ascari-Team hat einen Judd-Motor eingebaut, nachdem die Originalmotoren zu diesem Zeitpunkt nicht zu haben waren und der Judd-Motor ein zuverlässiger Motor ist und perfekt für die Serie ist. Da waren eine Menge Veränderungen nötig.“

Das Ascari-Team ist in der Boss-GP-Serie aktuell eines der führenden Teams. Auch Paul Stoddart, der von 2001 bis 2005 das Minardi-Team in der Formel-1 geführt hat, begann als Fahrer und Teamchef in der Boss-GP-Serie. Die Meisterschaft besteht also nicht nur aus Amateurrennfahrern. Auch Fahrer wie Ex-F1-Pilot Jan Lammers oder Tourenwagen-Ass Tom Coronel sind schon mitgefahren. Jos Verstappen, der von 1994 (als Teamkollege von Michael Schumacher bei Benetton) bis 2003 in der Formel-1 unterwegs war, könnte 2012 eine ganze Saison in der Boss-GP-Serie bestreiten, zumindest aber soll er in Zandvoort fahren.

Alte F1-Stars, neue Nachwuchsfahrer
Die Boss-GP-Serie will aber auch junge Fahrer locken. Für das Rennen in Monza war Yelmer Buurman im Gespräch, der zuletzt in der GP2 und in der Formel-Superleague unterwegs war. „Junge Fahrer können bei uns solche Autos mal im Renngeschehen bewegen. Da lernt man mehr als bei Tests“, sagt Gänse zur Möglichkeit, dass die Boss-GP-Serie auch eine Schule für zukünftige F1-Fahrer werden könnte. Und weiter: „Die Serie ist nicht weit weg von der Formel-1. Es fahren auch GP2-Autos und neuer F1-Autos mit. Und mit der F1-Abrüsrung kommt uns die Formel-1 technisch sogar entgegen.“

Die Lücke wird sich also weiter schließen. Wobei das Feld schon jetzt einige F1-Autos umfasst. Tony Worswick fährt zum Beispiel einen Jordan Hart von 1994, mit dem Rubens Barrichello beim Belgien GP 1994 seine erste  Pole-Position einfuhr. Der Brite setzt den Wagen mit seinem eigenen Team ein, das schon Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre für ihn Rennwagen in der britischen Formel-3000 einsetzte. 1989 wurde er immerhin Gesamt-Achter. Der Deutsche Arnold Wagner fährt einen Arrows aus der Saison 2001. Der ehemalige französische F3-Pilot Patrick D’Aubreby fährt mit jenem Benetton Ford, mit dem Michael Schumacher 1992 in Belgien seinen ersten von bisher 91 GP-Sieg erlangte. Der Franzose und sein Team Ecurie Griffiths nahm zuletzt 2010 mit einem Tyrrell-F1-Rennwagen aus der Saison 1983 auch an der FIA Historic Formula One teil, also der historischen F1-Weltmeisterschaft.

Die Boss-GP-Serie und die historische F1 stehen übrigens nicht in Konkurrenz zueinander. Gänse erklärt das: „Wir fahren mit ganz anderen Autos. In der FIA Historic Formula One kommen nur Rennwagen bis 1985 zum Einsatz. Unsere Autos sind in der Regel neuer.“ Eine Bürde ist noch ein wenig die EuroBoss-Serie, die kürzlich den Laden dicht machte. Die Boss-GP-Serie ist nämlich nicht die Nachfolgemeisterschaft der EuroBoss, sondern trug ihre Meisterschaft eine zeitlang sogar parallel dazu aus. Die EuroBoss hatte aber besonders bei Streckenveranstalter nicht den besten Ruf.

Die Kosten in der Boss-GP-Serie sind im Vergleich zur modernen Formel-1 vernachlässigbar. Die Nenngebühren betragen 1250 Euro, dazu kommen aber noch die Einsatzkosten – in der Regel pro Wochenende mit dem Umfang von 30.000 Euro. Wobei das auch auf das Team ankommt, denn es gibt große Teams wie das Ascari-Team, aber eben auch Teams mit nur einem Mechaniker… Das lohnt sich – und wie: Carlos Zavares, einer der Chefs des französischen Autoherstellers Renault und auch für die F1-Einsätze von Renault verantwortlich, flog einmal nur für ein 20-Minuten-Rennen aus New York ein und flog nach dem Rennen wieder zurück!

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