F1: Wem gehören denn eigentlich die F1-Teams?
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Mittwoch, 07. Dezember 2011 um 15:25

F1: Wem gehören denn eigentlich die F1-Teams?

von Michael Zeitler

Hinter jedem F1-Team stecken eigene Charaktere - ganz unterschiedlicher Art.

| Milton Keynes (!NS!DE RAC!NG) - Da kämpft ein Dosengetränkhersteller gegen einen Rennsportmythos, oder zwei Fluggesellschafts-Besitzer gegen einen Rollstuhlgeneral. Welche Köpfe stecken hinter den F1-Teams?

Dietrich Mateschitz: Der Österreicher ist schlichtweg genial. Auf einer Reise in Thailand trank er einen Energydrink. Das Gesöff schmeckte ihm so sehr, dass Mateschitz es auch in Europa etablieren wollte. Unter dem Namen Red Bull und in der charakteristischen Dose ist das Power-Getränk bereits weltweit bekannt und die Nummer eins ihres Genres. Wie konnte das passieren? Keiner betreibt so effektiv und so genial Werbung wie Red Bull. So ist man in fast allen Sportarten involviert: Fußball, Wintersport – oder eben auch Formel-1. Und überall mit Erfolgen – eben auch in der Formel-1. Inzwischen ist Red Bull mit Sebastian Vettel und dank Technikstar Adrian Newey Weltmeister und dürfte den Titel 2011 aller Voraussicht nach verteidigen. Doch wie sieht die Zukunft des Teams aus? Red Bull benutzt die Formel-1 als eine Werbeplattform. Derzeit geht das Konzept auf, aber irgendwann werden sich die Zeiten ändern und Red Bull wird dann lieber heute als morgen die Königsklasse verlassen. Da reicht auch das Motorsportinteresse des sympathischen und charismatischen Mateschitz nicht mehr aus. Der Mister Fairplay, der die Medien scheut wie der Eisbär das Feuer. Mateschitz besitzt derzeit zwei F1-Teams, neben Red Bull auch Toro Rosso (italienisch für Red Bull).

Ron Dennis: McLaren ist ein Traditionsteam, gegründet vom neuseeländischen Rennfahrer Bruce McLaren. Damals, also 1966, war das noch alles einfach. Inzwischen ist McLaren eine komplizierte Firmenstruktur geworden, in der das F1-Team nur eine von vielen Unterfirmen ist. Ron Dennis ist nach wie vor der Mann, der die Geschicke der McLaren-Gruppe lenkt. Neben zahlreichen anderen Teilhabern aus Arabien – und die sind wiederum sehr unterschiedlich: Relativ frisch im Team ist das bahrainische Königshaus, schon seit Jahrzehnten ein McLaren-Partner dagegen ist Mansour Ojjeh. Dennis ist ein harter Geschäftsmann mit weichem Kern. Trennung von Ehefrau Lisa, dazu die Spionageaffäre – 2007 brach Dennis unter dem Druck zusammen, trat kürzer nachdem er seinen motorsportlichen Ziehsohn Lewis Hamilton zum WM-Titel führte. Heute ist er wieder öfter bei GP-Rennen zugegen. Dennis ist ein Mann der alten Schule, ein alter Racer, der seine Motorsport-Teambesitzer-Laufbahn mit verschiedenen Projekten in der Formel-2 begann, in der zweiten Liga. Und davor sogar als Mechaniker im F1-Team Brabham. Nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, aber von der „Putzfrau“ zu einem der erfolgreichsten F1-Teamchefs – und als solcher freilich auch zum Millionär. Bei Brabham war er unter anderem dafür verantwortlich, dass die Box sauber ist... Aber Dennis hat die Geschicke und das Können von Managern und Geschäftsmännern. Gekonnt spannte er dem Williams-Team in den 80er Jahren erst Ojjeh und dessen arabischen Gelder aus, dann auch Honda. Dennis machte McLaren zum erfolgreichsten F1-Team nach Ferrari in der Geschichte der Formel-1.

Luca di Montezemolo: Noch viel deutlicher als bei McLaren stellt sich die Frage: Wem gehört denn eigentlich die Scuderia Ferrari? Das erfolgreichste F1-Team überhaupt, dem ältesten GP-Team, ein Rennstall, der nicht nur wegen seiner bereits 80-jährigen Geschichte zum Mythos wurde. Ob es überhaupt eine Hand voll Rennfahrer gibt, die nicht einmal für Ferrari fahren will? Enzo Ferrari starb 1988, aber wer sind seine Erben? Läuft es nicht – und schon zweite Plätze sind zu wenig für Ferrari – dann gibt es Anpfiff von Luca di Montezemolo, dem Teampräsident, der seit Jahrzehnten schon für Ferrari als Manager aktiv ist. Er ist eine Bank in seinem Fach, wird sogar als künftiger italienischer Ministerpräsident gehandelt. Politikmachen kann und muss Di Montezemolo als Chef von Ferrari. Denn sein Wort ist Gewicht, seinem Team werden mitunter Extrawürste serviert. Di Montezemolo lässt sich an Rennwochenenden nur selten sehen, zu schwach sei sein Herz für die Aufregung. Er ist mit Herzblut dabei, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber letztlich wird auch Di Montezemolo gelenkt, vom italienischen Autohersteller Fiat, der Ferrari längst geschluckt hat – und von den Geldgebern aus Arabien. Deren Einfluss ist noch klein. Noch.

Mercedes: Mercedes ist das Werksteam eines Automobilherstellers. Mercedes Benz gehört zur Daimler-Gruppe. Mercedes ist deutsch, ist schwäbisch. Ein schwäbischer Grundsatz: Sparen. Gebetsmühlenartig wiederholt Mercedes-Sportchef Norbert Haug: Mercedes spart an allen Ecken und Enden, das F1-Projekt sei effektiv. Seit Jahrzehnten spielt Mercedes eine gewichtige Rolle in der Formel-1. Den ersten GP-Sieg gab es beim Frankreich GP 1908 mit Christian Lautenschlager am Lenkrad. Es folgten die goldenen beziehungsweise silbernen Jahre in den 30er Jahren mit dem irren deutsch-deutschen Kampf zwischen Mercedes Benz und Auto Union. Das kurze Gastspiel 1954 und 1955 in der Formel-1, mit großen Erfolgen. Dann das lange Aus, wegen der Le-Mans-Katastrophe 1955 mit fast 100 Toten. In den 90er Jahren das Comeback, erst mit Sauber – und mit dem berühmten Nachwuchskader aus Karl Wendlinger, Heinz Harald Frentzen und Michael Schumacher, dem Rekordweltmeister. Mit McLaren Weltmeister, seit 2010 mit eigenem Werksteam vertreten – und wieder mit dem Rückkehrer Schumacher. Das Projekt steht unter Kritik, zu erfolglos bisher, auch Schumacher tat sich schwer. So langsam scheint der Knoten zu platzen. Mercedes, ein Hersteller, der sich langfristig zur Formel-1 bekannt hat. Ein Rückzug, zumindest ein vollständiger, ist eher nicht zu erwarten.

Gerard Lopez: Die Ära Flavio Briatore bei Renault ist längst passé. Selbst der Name Renault dürfte verschwinden. Der Mann hinter dem Rennstall aus Enstone ist Gerard Lopez – ein Geschäftsmann aus Luxemburg. Lichtes Haar, noch relativ jung, motorsportbegeistert – aber dennoch ein Mann, der eine ungewisse Zukunft bringt. Lopez führt sein Team mit seiner Investmentgesellschaft Genii Capital. Der Rennstall muss ein lohnendes Geschäft bleiben. Mit Vitaly Petrov ein Paydriver aus Russland, mit der Lotus-Gruppe ein großer Name und dennoch Hoffen und Bangen um die Zukunft. Lopez hat sogar einen eigenen Nachwuchskader. Aber das sichert die Zukunft nicht ab. Er fördert den Nachwuchs mit einer eigenen Managementfirma, Gravity. Lopez will damit also Geld verdienen, vertraut deshalb auf sponsorenreiche Fahrer wie Jan Charouz, Ho-Pin Tung oder Fairuz Fauzy. Man lehnt sich nicht weit aus dem Fenster, wenn man behauptet: F1-Weltmeister wird keiner von ihnen. Lopez wird die nächsten Jahre wohl Motorsport machen, aber ob ein, zwei, fünf, zehn oder zwanzig Jahre, das weiß keiner. Aber es sind wohl eher zwei als zwanzig…

Vijay Mallya: Er bringt ganz offensichtlich Glanz in die Formel-1: Goldketten, große Ringe an den Finger, dunkle und modische Sonnenbrillen, dazu ein leicht ergrautes Haar, braun gebrannte indische Haut – und eine stämmige Figur. Vijay Mallya ist ein indischer, schwerreicher Geschäftsmann. Aber auch ein echter Fan des Motorsports. In den 70er Jahren kaufte er sich selbst einen Ensign-F1-Rennwagen und fuhr ihn in Indien bei einigen Rennen. Ein Symbol von Luxus ganz gewiss, aber auch was, was richtig Freude macht. Er wurde deswegen auch Sponsor in der richtigen Formel-1 – und hat jetzt ein eigenes, indisches F1-Team. Und das hat sich im Mittelfeld etabliert, genauso wie die riesige Yacht, die Mallya zu ausgewählten Rennen mitbringt und riesige Parties schmeißt. Ein Armutszeugnis ist die Zahlungsmoral. Immer wieder kreuzt die Polizei im Fahrerlager auf und will Teile pfänden. Dann aber öffnet Mallya doch noch seine Geldschatulle.

Peter Sauber: Der Schweizer ist einer der letzten Dinos. Ruhig, besonnen, erst einmal eine Zigarre und dann Entscheidungen treffen – und zwar mit dem Herzen eines Motorsportbegeisterten. Sauber ist ein Mann der ganz alten Schule. Längst war er in seiner wohlverdienten Rente, doch sein Teamverkauf an den Hersteller BMW war nur von vorübergehender Dauer. Sauber kehrte zurück und bewahrte seine Mannschaft, die er von der Sportwagen-WM 1993 in die Formel-1 führte, vor dem Ende. Das Werk in Hinwill läuft wieder wie ein schweizer Uhrwerk. Und nach alten Regeln. Regel 1 von Peter Sauber: Jungen Fahrern eine Chance geben. Das machte er mit Michael Schumacher, mit Karl Wendlinger, mit Heinz-Harald Frentzen, mit Kimi Räikkönen, mit Felipe Massa – aber auch mit Experimenten, die schief gingen, wie mit Norberto Fontana. Oder eben jetzt mit Kamui Kobayashi und Sergio Perez. Beide sind leidenschaftliche und temperamentvolle Rennfahrer, die sich auch mal trauen, zu überholen. Sie passen ins freundlich wirkende Sauber-Team, machen Spaß zum zuschauen. Trotzdem wird Peter Sauber eine Zukunftslösung finden müssen. Seine Rückkehr war ein Comeback mit überschaubarer Dauer. Die Formel-1 wird sich von diesem charismatischen und friedlichen Mann, der auch mal lächelt, trennen müssen.

Frank Williams: Der Rollstuhlgeneral. Seine Zeit läuft ab. Das Tagesgeschäft hat er bereits abgegeben, aber Frank Williams hat immer noch das Sagen im Team. Der Brite hat seinen Rennstall mühsam aufgebaut. In den ersten Jahren waren Schulden und Gerichtsvollzieher so normal wie das tägliche Abendbrot. Und um das musste Williams zittern, denn er ließ nicht nur seine gänzliche Leidenschaft in den Motorsport einfließen, sondern auch sein gesamtes Hab und Gut. Mehrmals stand er vor dem Nichts. Aber er war ein Kämpfer und ließ sich nicht irren: Er baute Williams zum Erfolgsrennstall auf, dem bis heute dritterfolgreichsten aller Zeiten. Ein Unfall 1986 mit Querschnittslähmung brachte ihn nicht aus dem Konzept. Erst die ausufernden Kosten Ende der 90er Jahren machten aus Williams nur noch ein zweitklassiges Team. Der letzte WM-Titel liegt fast 15 Jahre zurück, der letzte Sieg datiert aus dem Jahr 2004 mit Juan-Pablo Montoya. Williams aber gibt nicht auf, das kennt er doch schon. Gefühlskalt, aber dennoch sympathisch, charismatisch und ein ganz, ganz Großer dieses Sports.

Tony Fernandes: Es schaut fast so aus, als stünde Tony Fernandes seit zwei Jahren im Spielzeugladen. Statt Sandspielzeug, Lego und Baukästen kauft er sich Fußballvereine, Flugzeuge, eine Sportwagenmarke – und ein F1-Team. Ein Malaysier, der innerhalb der letzten zehn Jahre zu einem schwerreichen Geschäftsmann mit einem stetig wachsendem Imperium wurde. So unterschiedlich seine Errungenschaften auch sind, er ist bei allen mit großer Freude und noch mehr Leidenschaft dabei. Er ist ehrlich und auch ehrlich zu sich selbst. Das F1-Team wurde nie dazu missbraucht, seine eigenen Produkte zu bewerben, stattdessen holte er eine bekannte und beliebte Marke zurück: Lotus. Jetzt wird sein Team umgetauft, Fernandes will damit eine Verlängerung des Namensstreits verhindern. Fernandes lenkt die Geschicke des F1-Teams auch als Teamchef, hat aber mit Riad Asmat eine Rechte Hand, die auch aus Malaysia stammt. Fernandes tut der Formel-1 gut.

Thesan Capital: Eine Investmentfirma, die mit der Formel-1 Geld machen will. Dafür kaufte man sich das unterfinanzierte HRT-Team. Ob das gut gehen kann? Bald werden die Spanier feststellen: Nein. Und dann wird das Team verkauft werden.

Sir Richard Branson: Mit seiner Multifirma Virgin hat er ein Imperium aufgebaut. Es bietet alles an: Vom Flug ins Weltall bis zur Unterwäsche. Sein Sponsordeal mit dem Brawn-Team 2009 war ein goldener Griff. Branson bekam als berühmte Lebemann eine besondere Aufmerksamkeit, weil er ein Team unterstützte, das ein Sportmärchen schrieb: F1-Weltmeister statt Pleite. Seit 2010 unterstützt Virgin das britische Manor-Team, das auch als Virgin an den Start geht, bisher aber eher erfolglos. Branson ist weiterhin eine schillernde Figur, aber der Lebemann ist kein Dauergast mehr im Rampenlicht. Er steht hinten in der Startaufstellung, die interessiert keinen. Und nun schrumpft auch noch sein Einfluss, weil der von der russischen Sportwagenmarke Marussia steigen wird. Wird das Team sogar bald ganz russisch?