Die Unterschiede zwischen den Formel-Rennwagen
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Sonntag, 18. Dezember 2011 um 16:13

Die Unterschiede zwischen den Formel-Rennwagen

von Michael Zeitler

!NS!DE-RAC!NG hat sich bei den Nachwuchsfahrern umgehört, was die Unterschiede zwischen den einzelnen Fahrzeugen sind.

| Parma (!NS!DE-RAC!NG) - Nur noch in der Formel-1 gibt es eine wirkliche Vielfalt unter den Rennwagen. Sie ist durch Regelbestimmungen aber auch schon eingeschränkt. In den einzelnen Formel-Klassen unterhalb der Formel-1 sind die Chassis gleich. Die meisten Serien beziehen ihre Chassis noch dazu vom selben Hersteller: Dallara. Egal, ob in der GP2, GP3, Formel-World-Series-by-Renault oder in der IndyCar: Überall baut Dallara die Chassis. Dennoch gibt es einige Unterschiede zwischen den Fahrzeugen – welche, darüber geben verschiedene Fahrer !NS!DE-RAC!NG Auskunft.

Formel-3 versus GP3

Am interessantesten ist sicherlich der Vergleich zwischen der GP3 und der Formel-3. Die beiden Serien stehen in Konkurrenz. Die Formel-3 galt über Jahre als die wichtigste Schule für Nachwuchsfahrer, denn hier sind zumindest per Reglement immer noch verschiedene Chassishersteller und Motorenhersteller erlaubt. In der Praxis ist die Vielfältigkeit beschränkt. Die GP3 wurde dagegen 2010 als direkter Unterbau zur GP2 gegründet – und die wiederum ist das Sprungbrett Nummer eins in die Formel-1. Rein vom Boliden her gibt es aber nach wie vor Unterschiede zwischen der GP3 und der Formel-3.

Der Schweizer Alex Fontana gewann 2011 die spanische Formel-3 (F3 European Open) und gab für Jenzer auch ein Gastspiel in der GP3. Er vergleicht die Fahrzeuge: „Der GP3 hat mehr Höchstgeschwindigkeit, ein anderes Schaltsystem, andere Reifen. Es bedarf einer ganz anderen Fahrweise, weil es auch mehr Abtrieb erzeugt als ein F3-Auto – und es untersteuert sehr stark. Der F3 ist nervöser als der GP3 und er hat kein so einen mächtigen Motor, deswegen braucht er auch einen sauberen Fahrstil.“

Brandon Maïsano wurde in dieser Saison im italienischen BVM-Target-Team, für das auch Giovanni Minardi, der Sohn des ehemaligen F1-Teambesitzers Giancarlo, als Manager aktiv ist, Gesamt-4. und testete danach vier Tage einen GP3-Rennwagen für die Teams Jenzer und MW Arden (von F1-Pilot Mark Webber). Er bestätigt: „Das GP3-Auto ist schneller als der Formel-3. Bei der Beschleunigung ist der GP3 wegen des Turbos schwer und die Pirelli-Reifen sind schwieriger im Gebrauch. Mit den neuen Reifen hast du nur drei Runden um deine beste Zeit zu fahren, das ist wirklich anders als die F3-Reifen von Kumho, mit denen du deine beste Zeit auch noch in der siebten Runde fahren kannst.“

Richie Stanaway, der Meister der deutschen Formel-3 (ATS F3-Cup) und Rennsieger in der GP3 (für das ART), bringt es auf den Punkt: „Ein F3-Renner ist beweglicher, weil es ja 100 Kilogramm leichter ist und es hat auch mehr Abtrieb bei hohen Geschwindigkeiten.“ Tom Dillmann fuhr 2011 GP3 und Formel-3. Er sagt: „Ich hatte viel Erfahrung mit der Formel-3, aber die GP3 ist wirklich anders. Es erfordert einen ganz anderen Fahrstil, ich denke es ist leicht, einen GP3-Renner zu überfahren.“

Fazit: Der GP3-Rennwagen erzeugt mehr Abtrieb und ist auch in der Höchstgeschwindigkeit schneller, dafür untersteuert der Wagen stark und wegen den schnell abbauenden Reifen kommt man nicht auf konstante Rundenzeiten. Die Leistung in der Formel-3 ist wegen des Luftmengenbegrenzers reduziert, zeitgleich ist es auch leichter, dadurch auch beweglicher, aber auch nervöser. Es erfordert also einen sauberen Fahrstil, während in der GP3 Reifenschonen angesagt ist.

GP2 versus WSbR

Zwei weitere Rennserien, die in Konkurrenz zueinander stehen, sind die GP2 und die WSbR. Beide verstehen sich als Nachwuchsserie zur Formel-1. Der Schweizer Nico Müller testete zuletzt sowohl in der GP2 (für Carlin und DAMS), als auch in der WSbR (für Draco, Comtec, Carlin und Pons). Zum Vergleich sagt er: „Beide Autos verfügen über Karbon-Bremsen und produzieren viel aerodynamischen Abtrieb. Die ca. 140 PS, welche ein GP2 Auto mehr hat, sind eigentlich der einzig richtig spürbare Unterschied. Vor allem ab dem 4. Gang merkt man, dass beim WSbR-Auto etwas weniger Leistung vorhanden ist. Dieser Unterschied wird sich ab nächster Saison durch die ca. 50 PS mehr im WSbR-Auto um einiges verringern!“

Stéphane Richelmi war für Draco in der WSbR unterwegs, bekam aber auch in der GP2 seine Chance, als sein monegassischer Landsmann Stefano Coletti verletzt das Monza-Wochenende auslassen musste. 2012 wird Richelmi eine ganze Saison für Trident absolvieren. Er findet durchaus mehr Unterschiede der beiden Fahrzeuge, die beide von einem Renault (Mécachrome) Motor angetrieben werden: „Das GP2-Auto ist in jedem Bereich besser. Die Rundenzeit scheint nicht so gut zu sein, aber tatsächlich ist es, wenn man es fährt, komplett anders. Der Motor hat ein fantastisches Drehmoment, wir erreichen auf jeder Strecke eine sehr hohe Geschwindigkeit. Das ist mit dem WSbR-Boliden nicht der Fall. Die Bremse ist viel effektiver und der generelle Abtrieb erlaubt uns erstaunliche Geschwindigkeiten in den schnellen Kurven! Nichtsdestotrotz zeigen die GP2-Autos in mittelschnellen und langsamen Kurven mehr oder weniger dasselbe Verhalten wir die WSbR-Autos, auch das gleiche Tempo. Bezüglich der Meisterschaft an sich: Die GP2 fährt halt mit der Formel-1 und deshalb ist das mit Sicherheit Platz, an dem man sein sollte, wo die Resultate, die man einfährt, am wichtigsten sind. Auf der anderen Seite sind die Veranstaltungen der World Series großartig, mit ebenfalls vielen Zuschauern. Und die WSbR ist die Serie, die die meiste Unterstützung der Organisatoren genießt, wir sind die Königsklasse der Veranstaltung. Für den Fahrer ist die WSbR bequemer, weil wir auch mehr Zeit auf der Strecke eingeräumt bekommen. Aber mit den ganzen F1-Teams unterwegs zu sein, ist unvergleichbar.“

Fazit: Der GP2-Rennwagen produziert mehr Abtrieb, was höhere Geschwindigkeiten in schnellen Kurven erlaubt. Der Motor ist leistungsstärker. Ansonsten sind die Boliden recht ähnlich. In der WSbR bekommt man mehr Fahrerlaubnis, das Auto soll 2012 deutlich schneller und leistungsstärker werden.

GP2 versus GP3
Wie groß ist eigentlich der Sprung von der GP3 in die GP2. Noch einmal Nico Müller, der 2010 und 2011 für Jenzer erfolgreich GP3 fuhr und bereits in den Geschmack eines GP2-Rennwagens kam: „Zum einen ist da natürlich der Leistungsunterschied von  ca. 350 PS, der sich eindrücklich bemerkbar macht. Der zweitgrösste Unterschied sind die Karbonbremsen, welche enorme Verzögerung möglich machen. Auch der hohe aerodynamische Anpressdruck muss zuerst verstanden und umgesetzt werden können.“

WSbR versus GP3

Und wie groß ist der Sprung von der GP3 in die WSbR? Nick Yelloly, der 2011 in beiden Serien unterwegs war, sagt dazu: „Das GP3-Auto hat in meinen Augen ein sehr spezielles Fahrverhalten. Du musst immer sehr sauber fahren und immer daran denken, möglichst früh am Gas zu stehen, des Turbos wegen. Das WSbR-Fahrzeug ist auf der Geraden viel, viel schneller und die Bremsen, sowie die schnellen Kurven sind wirklich beeindruckend. Aber in den langsamen Kurven ist das GP3-Auto beweglicher, weil es viel leichter ist. In meinen Augen sind das beide wirklich coole Autos zum Fahren!“

GP3 versus IndyLights
Die amerikanische Formel-Szene ist eine ganz andere. Conor Daly, der Sohn des ehemaligen F1-Fahrers Derek Daly fuhr 2011 in beiden Meisterschaften. Er vergleicht die Autos wie folgt: „Die Autos könnten unterschiedlicher nicht sein. Das Indy-Lights-Auto ist schwer, hat aber 450 PS, verglichen mit dem GP3-Boliden, der sehr leicht ist, aber nur 290 PS hat. Das Indy-Light-Auto ist auch richtig alt, während der GP3 komplett neu ist. Die Reifen sind auch extrem unterschiedlich, weil die Pirellis sehr nah an den F1-Reifen sind, also sehr weich und es ist schwer, das Beste aus ihnen herauszuholen. Die zwei verschiedenen „Welten“ zu vergleichen, ist auch eine Herausforderung. In Amerika ist die Spitze genauso konkurrenzfähig, aber es fahren viel weniger Fahrer gegeneinander. In der GP3 hatten wir die besten 30 Fahrer von überall aus der Welt.“

F1 versus GP2

Und nun bleibt noch die Fragen aller Fragen: Wie groß ist der Schritt von der GP2 in die Formel-1 wirklich? Dani Clos fuhr in den vergangenen drei Jahren für Racing Engineering in der GP2 und testete im November einen HRT Cosworth in der Formel-1. Er erkennt sogar Aspekte, die das Fahren mit einem F1-Rennwagen leichter machen, als in der GP2: „Es gibt viele Unterschiede zwischen dem HRT und einem GP2-Auto, wie zum Beispiel die Servolenkung, was die Sache ein bisschen einfacher macht. Aber ich würde sagen, dass der größte Unterschied der Umgang mit den Reifen ist, denn in der GP2 benutzen wir einen Satz pro Wochenende und in der Formel-1 verwendest du nach jedem Run einen neuen Satz. Die anderen wesentlichen Unterschiede sind, dass der HRT Cosworth bessere Bremsen hat und eine bessere Aerodynamik. Der Motor hat nur 130 PS, da ist der Unterschied also nicht all zu groß. Das Gefühl, mit diesem Auto durch die Kurven zu fahren und zu bremsen, ist unbeschreiblich.“