Eine Würdigung von Sebastian Vettels F1-Saison 2011.
| Milton Keynes (!NS!DE-RAC!NG) - Wenn dieser persönliche Einwand zu Beginn erlaubt ist: Der Japan GP 2011, bei dem Sebastian Vettel seine Titelverteidigung perfekt machte, wird wohl nicht unbedingt als das aufregendste F1-Rennen in die Geschichte eingehen. Wer erinnert sich nicht noch an das packende F1-Finale 2008, als Felipe Massa schon als Weltmeister gefeiert wurde und Lewis Hamilton dann doch noch mit einem Manöver in der letzten Runde des letzten Rennens Weltmeister wurde? Was waren das für Emotionen, sogar vor den TV-Bildschirmen. Oder an den Japan GP 2000, als Michael Schumacher die lange Durststrecke für Ferrari beendete und seinen dritten WM-Titel gewann? Und beim Japan GP 2011? Vettel musste doch nur Zehnter werden und einen Punkt holen. Mit diesem dominanten Red Bull Renault hätte das wohl auch ein Narain Karthikeyan geschafft. Vettel wurde noch dazu Dritter. Für den ehrgeizigen Vettel war das nicht das, was er sich erwünscht hätte. Und so waren die Emotionen schon deswegen gedämpft.
Man mag Vettel damit vielleicht unrecht tun, aber der Japan GP 2011 war ein Symbol für die Saison. Der Sport geriet viel zu oft durch technische Regeln wie das DRS in den Hintergrund. Packende GP-Rennen wie in Kanada oder in Italien gab es nur selten, zumindest nur selten, ohne dass daran die schnell abbauenden Pirelli-Reifen schuld waren. Das ist Show, aber kein Racing. Ein Fan des RennSPORTS wird die Saison 2011 wohl lieber heute als morgen vergessen.
Nur ein entscheidender Fehler
Man tut Vettel deswegen damit unrecht, weil es aus seiner individuellen sportlichen Sicht eine herausragende Saison war. Manche sagen, der zweite Titelgewinn ist leichter, schließlich fällt der Druck ein stückweit ab, schließlich hat man es der Welt schon bewiesen, dass man es kann. Und so wirkte Vettel auch: Gelassen, selbstbewusst und siegessicher. Von den zahlreichen Fehlern aus seiner ersten WM-Saison im Vorjahr war 2011 nur noch selten etwas übrig – und dann meistens, wenn es eh nicht zählt. Etwa in drei Freien Trainingssitzungen am Freitag. Red-Bull-Strippenzieher Dr. Helmut Marko prangert seine häufigen Fahrfehler am Freitag inzwischen an. Der Schrott kostet Red Bull Geld und Nerven. Nur ein Fehler war 2011 wirklich entscheidend: Beim Kanada GP in der letzten Runde, als Vettel mustergültig von Jenson Button in einen Fehler getrieben wurde und so in der letzten Runde die Führung und den Sieg verschenkte.
Das hätte nicht sein müssen: Vettel schaltete viel zu früh den Sicherheitsmodus ein. Die Strategie bei den GP-Rennen 2011 war immer die gleiche: Alles auf die Pole-Position setzen, in den ersten zwei Runden zwei Quali-Runden hinhauen, damit man sich aus dem Fenster von einer Sekunde zum Hinterherfahrenden fährt, sonst darf der den Heckflügel aufklappen und bekommt einen Geschwindigkeitsüberschuss. Danach muss eine gute Strategie folgen, sich genug Vorsprung herausfahren – und den Rest des Rennens ruhig angehen. Doch in Montréal wurden Vettel und Red Bull vom späten Speed von Button überrumpelt. Als Vettel wieder angaste, waren die Reifen nicht auf optimaler Temperatur, die Strecke immer noch ein wenig feucht. Die perfekten Zutaten für diesen Fehler. Andererseits: Als Vettel beim Südkorea GP in ungefährdeter Spitzenposition in der letzten Rennrunde (!) noch die Schnellste Runde fuhr, so musste er sich dafür ebenfalls viel Kritik anhören, auch seitens des Teams um Teamchef Christian Horner. Das sei eine unnötige Belastungsprobe für sein Talent, das Material und die Nerven der wichtigen Red-Bull-Männer am Kommandostand.
Vettel wirkte reifer, Eskapaden wie den gezeigten Vogel nach der selbstverschuldeten Kollision beim Türkei GP 2010 mit dem Teamkollegen Mark Webber, gab es 2011 nicht mehr. Vettel wirkte reifer. Das mag auch den Umständen geschuldet sein: 2010 musste Vettel bei jedem Rennen damit rechnen, sein Red Bull Renault würde die Renndistanz nicht überstehen. 2011 lief sein Bolide wie ein Schweizer Uhrwerk. Erst bei den letzten zwei Rennen patzte Red Bull am Auto von Vettel – es halten sich Gerüchte, dass Red Bull beides Male zu optimistisch ans Werk ging. Beim Südafrika GP sollen die optimistisch gelegten Auspuffendrohre die Hinterreifen zu stark erhitzt haben, deshalb eventuell der Reifenschaden schon in Kurve eins. Beim Brasilien GP, so sagt man Red Bull nach, sollen die Getriebeprobleme aufgrund von Experimenten für die Saison 2012 aufgetaucht sein. Bei beiden Grand Prix war die WM längst zugunsten von Vettel entschieden.
Nur einen zahnlosen Teamkollegen
Eine andere Theorie zum Getriebeproblem in Brasilien: Red Bull wollte eine Teamorder durchführen, um Mark Webber mit einem Sieg in den Winter zu schicken – und damit mit Motivation. Der Australier konnte anders als 2010 Vettel 2011 überhaupt nie gefährlich werden. Auch das ist ein Grund, wieso Vettel 2011 viel befreiter fahren konnte, er hatte kaum Konkurrenz, weder im eigenen Team – noch von außerhalb, dank des sehr starken Red Bull Renaults. Warum Webber 2011 nicht so gut mithalten konnte, ist eine heiß debattierte Frage. Die Antwortmöglichkeiten reichen von, er kam mit den neuen Pirelli-Reifen nicht so gut zurecht, über er wurde vom Team nach den teaminternen Zwistigkeiten 2010 dieses Jahr viel besser gezügelt, bis hin zu, er hat seine beste F1-Zeit hinter sich.
Man tut Vettel aber auch in diesem Punkt unrecht, wenn man seine Abgeklärtheit nur auf den dominanten Red Bull Renault oder den langsamen Teamkollegen schiebt. Immer dann, wenn die Niederlage schon perfekt schien, konterte Vettel eindrucksvoll. Speziell im Qualifying war seine Pace atemberaubend, damit hat er den Rekord der meisten Pole-Positions in einer Saison von Nigel Mansell 1992 im Williams Renault übertroffen – auch wenn Mansell in Relation zu der Anzahl der Saisonrennen weiterhin die Nase vor Vettel hat. Freilich ist dieser Pole-Rekord auch auf das Fahrzeug zurückzuführen, aber die Art und Weise, wie Vettel zum Beispiel beim Abu Dhabi GP Lewis Hamilton doch noch die Pole-Position entriss, war wirklich atemberaubend. Das erinnerte an die Quali-Stärke von Ayrton Senna.
Und damit zu den Stärken von Vettel. Neben seiner Grundschnelligkeit und seiner inzwischen erlangten Reife beweist Vettel immer mehr auch Teamgeist. Hartnäckig hielten sich Gerüchte, dass Vettel beim Japan GP sich einen neuen Frontflügel aus England hat einfliegen lassen. Der dreimalige F1-Weltmeister Niki Lauda, der seine eigene Fluglinie kürzlich verkauft hat, schätzt die Kosten auf 120.000 Euro. Die soll Vettel persönlich übernommen haben. Das ist ein ganzer Batzen Geld und viel Aufwand für einen eigentlich recht einfach herauszufahrenden zehnten Platz. Das brachte Red Bull natürlich in Erklärungsnot. Mit dem größten F1-Budget (geschätzt über 200 Millionen Euro) wird Red Bull nachgesagt, sich den Erfolg gekauft zu haben. Immer wieder wurde Red Bull ein Bruch gegen die Sparvereinbarung zugeschrieben, der Streit um diese Übereinkunft führte kürzlich auch zum Ausstieg von Red Bull aus der Teamvereinigung FOTA.
Nur Erfolge
Sebastian Vettel arbeitet 2011 auch daran, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Ein Vettel schaut nicht aus wie ein gestandenes Rennfahrer-Mannsbild aus den 50er Jahren. Er wirkt eher Bubenhaft, vor allem, wenn man ihn seit seiner Zeit in der Formel-BMW noch mit Zahnspange kennt… Da fällt es schwer, eine Persönlichkeit zu entwickeln, nicht für sich selbst, sondern für die Medien. Der gewitzte Vettel bemüht sich um Rituale, der Vettel-Finger (nach Erfolgen ballt er nicht wie andere die Faust, sondern zeigt den Zeigefinger), die Lieber zur Statistik und F1-Historie (welcher anderer Fahrer erinnert sich während eines GP-Rennens an den Grand Prix eines anderen Fahrers vor 20 Jahren, wie Vettel 2011 beim Brasilien GP, als er sich wegen den Getriebeproblemen, wie Ayrton Senna 1991 in Brasilien fühlte, er dieser sogar noch gewann), die wechselnden Helmdesigns, die Smiley-Sticker im Cockpit für jeden Sieg.
Mit der Titelverteidigung ist Sebastian Vettel nun der jüngste Doppelweltmeister der Geschichte. Seine Laufbahn im Motorsport ist eine Erfolgsstory: Meister in der Formel-BMW, fast alle Rennen gewonnen, starke Leistungen in der F3-Euroseries, dann die starken Tests am Freitag in einem dritten BMW Sauber, der Wechsel noch 2007 zu Toro Rosso anstelle des aufmüpfigen Scott Speed, der überraschende, aber beeindruckende Sieg im Toro Rosso Ferrari beim Italien GP 2008, die starken Jahre bei Red Bull seit 2009, schließlich auch die beiden WM-Titel und die 21 GP-Siege.
Kein Wunder, dass es einige im Fahrerlager gibt, die ihre Rolle an den Leistungen von Vettels stärken wollen. Drei Beispiele seien hier angeführt, chronologisch geordnet. Paul di Resta zum Beispiel. Ohne Zweifel hat der Schotte 2011 im Force India Mercedes eine starke Premierensaison gehabt. Er aber hält sich für besser als Vettel, weil er diesen im gleichen Team in der F3-Euroseries schlagen konnte. Oder Eric Boullier, dem Teamchef des Ex-Renault-Teams Lotus. Er will seine Position als Talentsucher stärken und erklärte, dass er 2007 Vettel zu DAMS in die GP2 holten wollte. Damals war Boullier Teammanager bei DAMS. Der Wechsel scheiterte an einem Veto von Red Bull, denn die Nachwuchsfahrer von Red Bull wurden aus Kostengründen statt in der GP2 in der Formel-World-Series-by-Renault an den Start geschickt. Also fuhr Vettel für das Carlin-Team in der WSbR, während er als Freitagstestfahrer parallel dazu F1-Luft schnupperte. Und bei BMW Sauber findet sich auch das dritte Beispiel: Nick Heidfeld. Er sagte, dass Vettel damals bei BMW Sauber schlicht langsamer war als er und Robert Kubica und die starken Testzeiten das Resultat, aus wenig Benzin und frischen Reifensätzen waren.
Nur positiv, die Zukunft
Man darf gespannt sein, wie die Erfolgsstory des Deutschen weitergeht. Man darf sich sicher sein: Sie wird weitergehen. Mit 24 Jahren ist er noch jünger als so mancher Neuling in den vergangenen zwei bis drei Jahren. 2012 stehen auch keine großen Regeländerungen an, obschon die festgelegte Positionierung der Auspuffendrohre Red Bull am härtesten Treffen dürfte. Red-Bull-Technikchef Adrian Newey, der wohl wichtigste Mann im Rennstall, gibt zu Bedenken, dass dies Red Bull zu einem neuen Design zwinge. An der grundlegenden Philosophie des Rennwagens wird sich aber wie seit 2009 nichts ändern. Vettels Vertrag mit Red Bull läuft Ende 2014 aus. 2014 kommen die neuen Turbos, auch hier hat Red Bull bereits einen Exklusiv-Vertrag mit Renault abgeschlossen: Renault wird die neuen V6-Turbos nach den Vorgaben von Red Bull konstruieren. Damit kann man sich verzetteln, aber die Möglichkeit, dass Red Bull damit ein Clou gelingt, ist durchaus groß. Newey mag es überhaupt nicht, wenn er den Wagen um den Motor konstruieren muss…