Jahresrückblick: 2000 - Duell der Giganten
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Jahresrückblick: 2000 - Duell der Giganten 

von Natalie Rusch

 

Im Jahr 2000 erleben wir eine weitere Episode im Zweikampf um die Weltmeisterschaft zwischen McLaren-Mercedes und Ferrari. Außerdem steigt BMW als Motorenbauer wieder in die Formel 1 ein und die Entscheidung um den Titel wird wegweisend für die folgenden Jahre.
 
|(!NS!DE-RAC!NG) - Noch war es die Zeit der wohlklingenden, lauten V10 Motoren. Rennwagen hatten noch Lackierungen in kräftigen Farben, fuhren als Zigarettenschachteln durch die Gegend und ließen nur edle Slicks an ihre Aufhängungen. Heute mag man sagen: Das waren noch Zeiten...
Besonders große Hoffnung in ihre Wagen setzten die Dauerrivalen Mika Häkkinen, der Weltmeister der beiden Vorjahre, und Michael Schumacher, der Ferrari im fünften Jahr seines Engagements wieder an die Spitze führen wollte. Die erste Entscheidung des Jahres ging aber an den Finnen, der die Pole-Position in Australien eroberte und Schumacher hinten an stehen ließ. Das Rennen am 12. März gewann dann aber doch wieder der Kerpener und dessen Teamkollege Barrichello machte in seinem ersten Rennen für die Italiener einen Doppelsieg perfekt. Überraschend verlief das Debüt von BMW-Williams im Jahr der Rückkehr des Münchner Motorenbauers: Ralf Schumacher wurde Dritter und sorgte für tränenreiche Freude beim Team.
Nicht nur in Australien punktlos, sondern auch in Brasilien punktlos blieb Mika Häkkinen, was am Saisonende folgenreich sein sollte.
 
United Kingdom of Matsch

Erstmals fand der ersehnte Europa-Auftakt in Großbritannien statt - und das im April. Dieser frühe Termin rächte sich mit reichlich Regen und unvergessenem Matsch. Wassermassen hatten das Gelände um Silverstone herum so aufgeweicht, dass Parkplätze gesperrt werden mussten; am Samstag zum Qualifying erreichten nur 10.000 Zuschauer die Strecke, noch Sonntag ächzte die Gegend unter 25 Kilometer Stau rundherum, die Veranstalter kalkulierten zwölf Millionen Mark Verlust ein. Rennsieger David Coulthard kam auf Socken ins Fahrerlager um wenigstens seine Rennschuhe vor dem Schlamm zu retten. Das Rennen an sich verlief unproblematisch, der Schotte gewann zum siebten Mal in seiner Karriere, McLaren-Mercedes feierte einen Doppelsieg. Ecclestones April-Experiment scheiterte aber, der Große Preis von Großbritannien kehrte auf seinen angestammten Platz im Juli zurück.
Wenige Tage nach seinem Sieg überlebte David Coulthard einen Flugzeugabsturz: Beim Landeanflug auf den Flughafen von Lyon in Frankreich stürzte der Lear-Jet mit Coulthard, seiner Lebensgefährtin und Trainer ab und ging in Flammen auf. Die beiden Piloten starben, die drei Passagiere blieben unverletzt. Beim darauf folgenden Grand Prix von Spanien fuhr Coulthard hinter dem Sieger Häkkinen aufs Podest und machte den zweiten Doppelsieg der Saison perfekt.
Tubulent wurde dieses Rennen für Michael Schumacher. Bei seinem ersten Tankstop riss er seinen Chefmechaniker Nigel Stepney mit, der mit einem Beinbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Platz vier eroberte Schumachers Bruder Ralf, der ein beherztes und zweikampfgeprägtes Rennen fuhr.
Das Podium war in jenem Jahr fest in den Händen der beiden großen Teams McLaren-Mercedes und Ferrari, nur in Ausnahmefällen schaffte es ein anderes Team, seinen Fahrer auf die begehrten forderen Plätze zu bringen. Benneton schaffte dieses Kunststück mit seinem Fahrer Fisichella in Monaco zum zweiten und in Kanada zum dritten Mal, einem Regenrennen, das er mit einer 1-Stop-Strategie bewältigte. Einen Schreckmoment erlebte Ralf Schumacher im Fürstentum, als er in eine Leitplanke fährt und sich eine tiefe Schnittwunde an der linken Wade zuzieht, die genäht werden musste, aber ohne Folgen blieb.
 
Schlosshund Barrichello

Es geht viel um Strategie im Jahr 2000. Die Hierarchie der Teams ist festgefahren, die Abstände groß, Siege machen McLaren-Mercedes und Ferrari unter sich aus. McLaren hat das bessere Auto, den stärkeren Motor, aber es fehlt zu Saisonbeginn an Zuverlässigkeit. Trotz Doppelsiegen dauert es bis Österreich Mitte Juli, ehe sich Mika Häkkinen im Titelkampf zurückmeldet und auch an Teamkollege Coulthard vorbeizieht.
Der Finne gewann das Rennen vor seinem teaminternen Widersacher und Barrichello. Für Michael Schumacher begann eine bittere Serie: Schon in der erste Kurve fuhr ihm BAR-Honda-Pilot Ricardo Zonta ins Heck, er musste das Rennen beenden. Zwei Wochen später war nach 500 Metern Schluss, als Giancarlo Fisichella den zweimaligen Weltmeister ins Aus beförderte. Einfach abhaken konnte er das nicht, es ging um die Meisterschaft: "Beim zweiten Mal geht das einem schon tierisch auf den Keks". Jenen Großen Preis von Deutschland gewann ein anderer. Rubens Barrichello schaffte von Position 18 aus im Regen seinen ersten Sieg nach sieben Jahren Formel 1. Vor Freude kletterte er beinahe noch während der Ehrenrunde aus dem Auto, jubelte überschwänglich, ließ bei der Siegerehrung seinen Tränen freien Lauf und trocknete sie mit einer brasilianischen Flagge.
Schlagzeilen machte auch ein verrückter Fan, der über die Strecke lief und die bis dahin führenden McLaren-Mercedes behinderte. Es war ein französischer, ehemaliger Mitarbeiter von Mercedes, der nun in ein weißes Laken mit Protestaufschrift eingehüllt über die Piste lief, eine Safetycar-Phase auslöste, die die Verfolger wieder an die Führenden heranführte. Als der Regen kam, blieb Barrichello auf Slicks draußen und legte somit den Grundstein für seinen ersten, emotional gefeierten Sieg.
 
DAS Überholmanöver des Jahrzehnts

Der August gehört dann endgültig dem schweigsamen Mika Häkkinen: In Ungarn trickste er schon am Start den von Pole gestarteten Schumacher aus, gewann souverän und übernahm damit die WM-Führung, in Belgien sorgte er für das vielleicht markanteste und spektakulärste Manöver des Jahrzehnts: In der 41. von 44 Runden überrundeten beide BAR-Fahrer Zonta auf der Geraden nach der Eau Rouge, wobei Schumacher außen links an dem Brasilianer vorbei zog, Häkkinen innen rechts, der dadurch gleichzeitig an seinem Widersacher vorbei kam. Häkkinen gewann das erste Mal in Spa und ließ die Konkurrenz um Schumacher staunend zurück.
Im September entschied sich die Zukunft des Mönchengladbachers Heidfeld, der 2000 sein Debüt im Hinterbänkler-Team von Alain Prost gab. 2001 sollte der 23-jährige Mercedes-Junior für Sauber-Petronas an den Start gehen. Sein Mönchengladbacher Stadtrivale Heinz-Harald Frentzen konnte mit Jordan nicht an die Erfolge aus dem Vorjahr anknüpfen, hinzu kam ein tragischer Unfall in Monza, dessen Auslöser er war. Am Start kam es zu einer Massenkarambolage, in der ein Wrackteil einen Streckenposten schwer verletzte. Wenig später erlag er seinen Verletzungen, es war der erste Todesfall in der Formel 1 seit Ayrton Senna 1994. Bis zur 12. Runde wurde das Rennen vom Safetycar neutralisiert. An jenem 10.September siegte Michael Schumacher zum 41. Mal, zog damit mit Senna gleich und vergoss bei der Pressekonferenz Tränen. Außerdem beendete er eine dreimonatige sieglose Serie und setzte zum entscheidenden Schlussspurt um den WM-Titel an.
 
21 Jahre nach Scheckter

Vierzehn Tage nach dem Schock von Monza konnte Heinz-Harald Frentzen wieder feiern: Im Regen von Indianapolis, dessen Rennstrecke 2000 neu im Kalender aufgenommen worden war, fuhr er auf einen dritten Platz. Entscheidend verlief das Rennen für McLaren-Mercedes. Während sich David Coulthard durch einen Frühstart und anschließende Strafe selbst aus dem WM-Kampf warf, litt der noch amtierende Weltmeister Häkkinen unter einem Motorschaden. Sein Konkurrent Michael Schumacher gewann das Rennen. Beinahe hätte es ein in der Geschichte der Formel 1 einzigartiges Podium mit drei Deutschen gegeben, doch Ralf Schumachers BMW-Williams musste aufgrund eines Defekts einen außerplanmäßigen Stopp einlegen und verlor dadurch den zweiten Rang, sein Bruder übernahm wieder die WM-Führung und gab sie nicht mehr her. Suzuka wurde ein Ferrari-Festspiel: Schumacher gewann nicht nur das Rennen, sein neuntes im Jahr 2000, er bescherte den Italienern auch den ersten Fahrertitel seit 21 Jahren. Zuletzt 1979 hatte das Team mit Jody Scheckter einen Weltmeister hervorgebracht. Schumacher war sich der Bedeutung dieses Titels für Ferrari bewusst: „Es ist großartig, vor allem, wenn ich mir vorstelle, was jetzt in Italien los ist.“
Mercedes Motorsportchef Norbert Haug analysierte die Saison 2000: Nicht dieses Rennen sei entscheidend gewesen, sondern die ersten beiden, für McLaren punktlosen.
Formsache war die endgültige WM-Feier in Malaysia am 22.Oktober, als beide Fahrer und das gesamte Team mit knallroten Perücken auf dem Podium und wohl noch bis spät in die Nacht hinein feierten.
Der Grundstein für eine unglaubliche Ferrari-Siegesserie war gelegt, die Drehbücher für die kommenden Jahre geschrieben. NR
 
Lesen Sie morgen, am Tag 2 des Spezials zu dem vergangenen Jahrzehnt, was das Jahr 2001 bereit hielt. Außerdem: Das Tourenwagen WM-Jahrzehnt.