Die spannende Saison 2003 machte dem Fan viel Mut für 2004. Michael Schumacher und Ferrari waren nicht mehr konkurrenzlos. Doch kaum hatte die neue Saison so richtig begonnen, stellte sich heraus, dass die Konkurrenz zurück in den Ferrari-Absolutismus gefallen war. „L'état c'est moi.“ La Formule 1, c'est Ferrari.
|(!NS!DE-RAC!NG) - BMW-Williams präsentierte als erstes Team sein neues Auto und setze nach der ermutigenden Vorsaison große Hoffnung in den "Hammerhai", der seinen Namen der markanten Nase verdankte. Doch noch vor dem ersten Rennen stellte sich heraus, dass weder BMW-Williams noch McLaren-Mercedes schneller als Ferrari sein konnte. Eine ernüchternde Erkenntnis besonders für McLaren, deren MP4-19 ein Jahr mehr Entwicklungszeit in Anspruch genommen hatte als die Wagen der Konkurrenz. So war der Saisonbeginn vorhersehbar: Ferrari fuhr überlegen von Sieg zu Sieg und die Leistung beinahe aller anderen Teams ließe sich unter einem Eigennamen zusammenfassen: Die Große Pleite.
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Schock für die Konkurrenz
Seitens der FIA wollte man durch Regeländerungen die WM nochmals spannender gestalten, dem zahlenden Fan etwas Neues bieten und vor allem Kosten einsparen. Ein Motor musste fortan für ein ganzes Wochenende halten und alle Nicht-Topteams durften am Trainingsfreitag einen dritten Fahrer einsetzen. Einer dieser Fahrer war der damals 22-jährige Timo Glock, dessen Vermarkter ihn für etwa 3,3 Millionen Euro beim Hinterbänkler Jordan-Ford platzierte. Somit wurde er Teamkollege von Nick Heidfeld, der im Rennstall von Eddie Jordan ohne Gage fuhr und das Team nach Jahren des Abstiegs zurück ans Mittelfeld führen sollte. Zu Beginn der Saison war das aussichtslos, vier Ausfälle in fünf Rennen zu Buche.
Australien (16. Ferrari-Doppelsieg seit 2000) Malaysia, zum ersten Mal Bahrein, Imola zehn Jahre nach dem Senna- und Ratzenberger-Tod, Spanien (75. Schumacher-Sieg im 200.Rennen) sahen alle nur einen Sieger: Michael Schumacher. BMW-Williams-Pilot Ralf Schumacher analysierte die erneute Ferrari-Dominanz: "Wir haben zwei blaue Augen und einen Tritt in den Hintern bekommen."
McLaren-Mercedes erlebte das ultimative Seuchenjahr. Bis zum Großen Preis von Kanada im Juni stand man mit nur fünf Punkten da, Räikkönen brachte nur einen davon ein. Die kleinen Teams frohlockten. "Nur ein Regenrennen und wir überholen McLaren", rechnete Eddie Jordan vor. "Silberpfeifen" und "Silberschrott" lauteten die passenden Bezeichnungen. 2004 kämpften andere Teams um den Sieg, wenn auch fast immer vergeblich. Durch einen Schumacher-Ausfall im turbulenten Rennen von Monaco, bei dem ein typisch spektakulär qualmender Honda-Motorschaden die Sicht behinderte und Sauber-Pilot Fisichella sich überschlug, profitierte Jarno Trulli im Renault und feierte sein Debüt in der Mitte des Podiums gebührend. Für Jenson Button im BAR-Honda war ein zweiter Platz in Imola wie ein Sieg, nachdem er am Samstag dort auch auf die Pole gefahren war.
 Für Schlagzeilen sorgten nur die Planungen für weitere Regeländerungen, Max Mosley möchte elektronische Fahrhilfen verbieten, Reifenwechsel abschaffen, Motoren zwei Rennen lang einsetzen lassen und von V10 auf V8 umstellen. Zu dem Zeitpunkt drohte Ferrari damit, 2007 aus der Formel 1 auszusteigen, sollten diese Pläne umgesetzt werden.
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Disqualifikationen in Kanada und Schumacher-Unfall in den USA
In Kanada kam Jordans dritter Fahrer Timo Glock unverhofft zu seinem ersten Renneinsatz. Stammpilot Giorgio Pantano konnte nicht genug Sponsorengelder auftreiben und musste seinen Platz vorübergehend räumen.
Ferrari brachte 45 Punkte Vorsprung auf den zweiten Renault mit über den Teich und sammelte auch dort fleißig weiter Zähler. Wo 2001 Ralf Schumacher das erste Mal vor seinem Bruder gewann, war die Rangordnung jetzt wieder hergestellt, Michael Schumacher gewann sein siebtes Rennen vor dem Pole-Setter Ralf. Doch Kanada hatte ein Nachspiel. Vier Stunden nach dem Rennen entschied die Rennleitung über ein irreguläre Bremsbelüftung bei BMW-Williams und Toyota, wodurch diese Teams auf der stark bremsbeanspruchenden Strecke einen Vorteil gegenüber anderen hatten. Die vier Piloten Schumacher, Montoya, da Matta und Panis wurden disqualifiziert. Unverhofft kamen so Glock und Heidfeld zu Punkten, für Glock waren es zwei Zähler im ersten Rennen.
Eine Woche nach Kanada hielt die Formel 1 den Atem an, als Ralf Schumacher bei 300km/h in der Steilkurve rückwärts in die Mauer prallte und sich nicht selbst befreien konnte. Benommen saß er im Wrack seines BMW, als ihn das von seinem Bruder angeführte Feld Runde um Runde passierte. Erst viel zu spät stellte sich heraus, dass Ralf Schumacher sich zwei Brustwirbel gebrochen hatte und lange pausieren musste.
Überraschend bot BMW-Williams das Cockpit Nick Heidfeld an, doch Eddie Jordan verlangte eine hohe Summe für den geplanten Test seines Fahrers und verhinderte so den Blitztransfer. Zum Einsatz kamen schließlich Antonio Pizzonia und Marc Gené, beide Testfahrer bei Williams.
Das Non Plus Ultra
Unterdessen erlangte Ferrari einen sicheren Sieg nach dem anderen. Am 4.Juli 2004 im französischem Magny-Cours gewann Schumacher mit einer "historischen Rennstrategie" von Ross Brawn, der ihn gleich viermal an die Box kommen ließ und ihn trotzdem zum überlegenen Sieg führte. Schumacher: "Ohne Risiko keinen Spaß".
Mit dem zwölften Schumacher-Saisonsieg in Ungarn sicherte das Team sich schon die Konstrukteurs-WM, den sechsten Markentitel hintereinander, obwohl Schumacher in der Woche zuvor vermutet hatte, dort vielleicht nicht siegfähig zu sein, sich wohl an die Pleite von 2003 erinnernd. Die Schweizer Zeitung Blick analysiert das Dilemma der Saison 2004: "Die Langeweile unter Millionen TV-Fans interessiert in Maranello niemanden. Dort läuteten gestern wieder die Kirchenglocken."
Ungarn sah auch das Ende der Hammerhai-Konstruktion von BMW-Williams; das Team trat mit einer neuen, schlanken Nase an, nachdem sich die abenteuerliche Konstruktion der Designer zuvor als nicht vorteilhaft erwiesen hatte. In Budapest drehte sich wie immer das Fahrerkarusell. Während sich die Hinweise verdichten, dass Michael Schumacher nach der Saison 2006 seine Karriere beenden könnte, nachdem die Weltmeister-macher Brawn, Bryne und Martinelli eine Auszeit angekündigt hatten, sorgte ein anderer für einen Paukenschlag und den Skandal des Jahres.
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Buttongate
Eine Woche vor dem Saisonlauf in Ungarn verkündete Jenson Button seinen Wechsel von BAR-Honda zu BMW-Williams, bei denen er 2000 debütiert hatte und dann an Benneton ausgeliehen wurde. Nun hatte Button einen langfristigen Vertrag mit seinem ehemaligen Team vereinbart, obwohl er noch einen gültigen Vertrag mit BAR hatte. Teamchef David Richards ist entsetzt: "Ich habe 400 Leute in der Fabrik, und dann geht der Kerl, der die ganze Anerkennung einstreicht und gibt ihnen den Laufpass."
Bis Ende Oktober zieht sich der Rechtsstreit zwischen Button und BAR hin, bis das Schweizer Schiedsgericht Contract Recognition Board das Urteil spricht, nach dem Buttons Vertrag mit seinem derzeitigen Team gültig ist und ein Wechsel nur mit Ablösesumme möglich wird. Die BMW-Williams-Pläne des Engländer zerschlagen sich somit und ein Cockpit wird frei, nachdem Montoya schon im Vorjahr seinen Wechsel zu Mclaren bekannt gegeben hatte und Ralf Schumacher 2005 für Toyota starten will.
Ende August 2004 sicherte sich Michael Schumacher nur eine Woche nach dem Konstrukteurstitel für Ferrari auch den Fahrertitel und brachte es nun auf einmalige sieben Weltmeistertitel. Räikkönen gewann das Rennen in Belgien, das drei Safetycar-Phasen erlebte, aber das Wochenden gehörte dem Mythos Michael Schumacher. Hier im ewig dunstigen Spa-Francorchamps debütierte er 1991, hier feierte er ein Jahr später seinen ersten Sieg und jetzt machte er sich hier im 700.Rennen von Ferrari endgültig und uneinholbar zur Legende. Kurze Zeit später machte er den Spekulationen über einen Abschied aus der Formel 1 ein Ende: "Leider kann ich nicht mit einer Rücktrittserklärung dienen, auch wenn das einige von mir erwartet haben" und beschrieb seine Situation scherzhaft mit "Unkraut vergeht nicht".
Durch den Taifun...
Vier Rennen standen noch aus. Jarno Trulli verließ in Streit Renault und würde 2005 für Toyota fahren. Ersatzmann für den frühzeitig ausscheidenden Italiener wurde Jacques Villeneuve, der 2004 pausieren musste, verpasste es aber ein Glanzlicht zu setzen und verkündete Mitte September, im nächsten Jahr für Sauber-Petronas zu fahren, während Fisichella von Sauber zu Renault wechseln würde.
Am Ende der langen, erstmals 18 Rennen zählenden Saison feierte die Formel 1 nach Bahrein schon die zweite Premiere und machte in China Station, wo sie eine Hightech-Strecke, konstruiert vom deutschen Archtikten Hermann Tilke, vorfinden sollte. Wie schon zwei Wochen zuvor entschied Rubens Barrichello den Grand Prix für sich.
Ein Novum erlebte der Rennzirkus in Japan. Nicht nur ein leichtes Erdbeben hatte die Fahrer und Teams zuvor erschreckt, sondern auch ein Taifun bahnte sich an. Ma-On steuerte direkt auf Suzuka zu und zwang die Rennleitung dazu, das Qualifying auf den Sonntag vor dem Rennen zu verschieben. Glücklicherweise verschonte der Sturm die Strecke und der Rennsonntag konnte stattfinden. Doch dieser unorthodoxe Ablauf blieb nicht ohne Folgen. Ab 2005 setzte man ein Teil der Qulifikation regulär am Sonntagmorgen an und sollte Samstag nur noch ein Einzelzeitfahren haben.
2004 war auch das Jahr der Diskussionen um eine Konkurrenzserie. Der Zusammenschluss der Hersteller BMW, Daimler Chrysler, Ferrari und Renault übte Druck aus auf das Formel 1- Management um Bernie Eccelstone, man forderte mehr Demokratie und einen größeren Anteil an dem Vermarktungsgewinn der Serie. Die Planungen für eine Piraten-Serie sollten noch weit über 2004 hinausgehen.
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Ein versöhnliches Ende
Nach dem Jahr der Großen Pleite rehabilitierte sich McLaren-Mercedes peu à peu gegen Ende der Saison und platzierte Kimi Räikkönen als zweiten auf dem Podium von Sao Paulo, wo 2004 erstmals in diesem Jahrzehnt das Finale ausgetragen wurde. Juan Pablo Montoya gewann sein letztes Rennen für BMW-Williams, Rubens Barichello brach vor heimischen Publikum einen zehn Jahre währenden Fluch und beendete ein Rennen, fuhr sogar aufs Podium.
Das Saisonende zeigte eine lange nicht für möglich gehaltene Spannung, die letzten fünf Rennen sahen vier verschiedene Sieger, Michael Schumacher war nur einer davon und in Sao Paulo kam er nicht über einen siebten Platz hinaus. Das ließ wieder auf Spannung für 2005 hoffen. Und tatsächlich endete nach 2004 die unglaubliche Ferrari-Show und die interessanten Schlagzeilen sollten wieder auf der Strecke gemacht werden. Durch die frühe WM-Entscheidung hatte der TV-Sender RTL einen Rückgang der Zuschauerzahlen um 5% gegenüber 2003 zu verzeichnen, durchschnittlich sahen noch 8,52 Millionen zu, wie Michael Schumacher siegte und siegte. NR
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Lesen Sie am sechsten Tag unseres Spezials, wie die Ferrari-Konkurrenz zurück in die Spur fand. Außerdem werfen wir einen Blick auf das Indycar-Jahrzehnt.
Alle bisherigen Artikel des Spezials:
2000 - Duell der Giganten ; Die Debütanten (1): Heidfelds Warten auf Godot ; 2001 - Mustersaison für ein einfallsreiches Drehbuch ; Gründung der ETCC ; 2002 - Siegeszug der Roten Göttin ; PC-Simulationen; Jahresrückblick: 2003 ; Kurioses von A-Z