Eigentlich müsste jeder weitere Skandal nach 2007 ein weiterer Sargnagel für die Formel 1 sein, aber es kommt trotzdem anders. Im Mittelpunkt steht das Spektakel, mit Stadtparcours, Nachtrennen und einem Weltmeister, der in diesem Jahrzehnt schon der zweite jüngste aller Zeiten ist.
|(!NS!DE-RAC!NG) - Die Saison begann am 8.Juli 2008. Das ist das Datum des neunten WM-Laufs im britischen Silverstone. Nach jenem Rennen liegen drei Fahrer an der Spitze der Wertung mit je 48 Punkten: Lewis Hamilton, Felipe Massa und Kimi Räikkönen. Hier fängt alles neu an, Silverstone gibt den Startschuss für eine zweite Saisonhälfte, die spannender nicht hätte sein können.
Vor Saisonbeginn gab es so viele Fahrer wie nie, die sich berechtigte Hoffnung auf einen Titel machen konnten. Wie schon im Jahr zuvor waren Ferrari und McLaren etwa gleich stark, außerdem hatte BMW-Sauber noch ein As im Ärmel, Fernando Alonso kehrt nach Hause, zu Renault, zurück: "Hier respektiert mich jeder." Das erste Rennen wurde turbulent, so wie es sich gehört in Melbourne. Acht Fahrer erreichten das Ziel, während Lewis Hamilton einen Start-Ziel-Sieg hinlegte. Bei etwa 40°C belegten die Deutschen Heidfeld und Rosberg die weiteren Podiumsplätze. Timo Glock ist der Rückkehrer der Saison; nach Lehrjahren in den USA und in der GP2 nimmt er vier Jahre nach seinem Debüt nun Ralf Schumachers Platz bei Toyota ein. Die Zielflagge sah er in Melbourne nicht, ein defektes Stück Teppichboden sorgte für einen spektakulären Abflug. Ferrari erlebte ein Debakel: In der 31.Runde schied Massa mit einem Motorschaden aus, Räikkönen musste sein Auto kurz vor Schluss abstellen. Dass er noch einen Punkt erbte, hat er dem disqualifizierten Barrichello zu verdanken, der eine rote Ampel überfuhr. Ferrari legte einen klassischen Fehlstart hin, denn auch in Malaysia erreichte keiner der Fahrer das Podium, Massa vergab einen sicheren zweiten Platz im Kies. Schon jetzt gab es wieder Spekulationen über einen Wechsel von Alonso zu Ferrari ab 2009. Noch wusste man nicht, dass Massa sich schon bald erholen sollte und bis zur letzten Kurve im letzten Rennen um die WM kämpfen würde.
Neue Regeln
2008 brachte einige Neuerungen: Es war eine Einheitselektronik vorgeschrieben, das Getriebe musste nun vier Rennen halten, die Traktionskontrolle waren nach sieben Jahren wieder verboten worden und im Zuge der Umweltdiskussion wurde dem Benzin ein Bio-Anteil von 5, 75% beigesetzt. Für den Fan erfreulich ist aber, dass es endlich wieder Überholmanöver gibt. Seltener werden die Rennen, in denen die Fahrer wie an einer Perlenschnur hintereinander herfahren. 2008 erlebte auch bemerkenswerte Doppelmanöver, wie etwa in Malaysia, als sich Heidfeld und Alonso wieder einmal in die Quere kamen und der BMW-Sauber-Pilot nicht nur Alonso kassierte sondern gleichzeitig auch noch David Coulthard.
Es war ein guter Saisonbeginn für die Weißblauen. Bei den Tests im Winter hatte man geblufft und teilweise falsche Rundenzeiten veröffentlicht, die die Konkurrenz aufs Glatteis führten. Nun hatte man sich deutlich gesteigert, auch wenn das Auto nach Dr.Theissens Angaben kein gutmütiger Wagen war. Der Pole Kubica kam dennoch damit bestens zurecht und fuhr in Bahrein seine erste Pole-Position ein, beendete das Rennen aber nur als dritter, Felipe Massa machte seinen Malaysia-Patzer wieder gut.
Zurück in Europa setzte Räikkönen die Ferrari-Serie fort und gewann. Überschattet wurde der Große Preis von Spanien von einem Unfall: Heikki Kovalainen rauschte mit hohem Tempo nach einem Felgenbruch in einen Reifenstapel, unter dem sein Auto begraben wurde. Der Finne blieb aber unverletzt.
Ende März schon hatte der Motorsport seinen ersten Skandal zu verzeichnen. FIA-Präsident Max Mosley war in eine Affäre verwickelt, in der englische Zeitungen Bilder von einem Treffen Mosleys mit mehreren Prostituierten mit Anspielungen auf Nazi-Verbrechen zeigten. Mosley mied die Formel 1-Rennen, trat aber nicht von seinem Amt zurück.
Turbulent waren aber zum Glück auch die Rennen: Das Fürstentum Monaco zeigte sich regennass, was in dem engen Stadtparcours mehrere Safetycar-Phasen auslöste und so viel Zeit in Anspruch nahm, dass die Regel griff, nach der ein Rennen nicht mehr als zwei Stunden dauern dürfe. Tränen flossen bei Adrian Sutil. Der Deutsche hatte sich im unterlegenen Force India auf den vierten Platz vorgekämpft und litt dann unter einem schlitternden Räikkönen, der Sutil am Hafen ins Aus beförderte.
Saisonhalbzeit
Anfang Juni ging es nach Nordamerika. Erstmals nur nach Kanada, der Große Preis der USA war gestrichen worden. Ein Jahr nach seinem Horror-Unfall machte Robert Kubica dieses Rennen zu seinem ganz persönlichen Märchen. Auf der Strecke, die kurz vor dem Rennen aufgrund ihres schlechten Zustands noch nachgeteert werden musste, siegte Kubica vor Teamkollege Heidfeld und David Coulthard. Aufsehen erregte dabei erneut eine rote Ampel: Während einer Safetycar-Phase kamen alle Spitzenreiter in die Box, Ferrari-Fahrer Räikkönen hielt aber ordnungsgemäß an der roten Ampel an, denn die Box war noch geschlossen. Hamilton dachte nicht daran und fuhr auf Räikkönen auf, der danach wütend ausstieg, bei Hamilton anklopfte und ihn auf die geltenden Verkehrsregeln aufmerksam machte. So gehörte das Wochenende ganz Robert Kubica, der nun auch die WM-Wertung mit vier Punkten Vorsprung auf Hamilton anführte.
Frankreich sah dann wieder einen Ferrari-Sieger; Felipe Massa machte Punkte gut. Und dann kam der Große Preis von Großbritannien und mit ihm der Regen. Statt englischem Nieselregen wartete Silverstone mit echtem, kräftigem Regen auf, in dem lediglich drei Fahrer fehlerlos blieben und das gesamte Feld überrundeten: Hamilton gewann sein Heimrennen vor Heidfeld, der wieder ein Doppelüberholmanöver zeigte, und Honda-Fahrer Barrichello. In jenem Jahr wie schon in der Saison zuvor waren die Japaner nicht konkurrenzfähig und so blieb es an den Fahrern hängen, im Regen Akzente zu setzen. Sämtliche Piloten, die ihr Rennen beenden mussten, schieden durch Dreher aus, Felipe Massa hatte einen regelrechten Drehwurm und wurde abgeschlagen Letzter. Dabei blamierte sich Ferrari außerdem durch eine falsche Entscheidung beim Stopp: Während alle anderen Reifen wechselten, behielten die Roten aus Maranello ihre Pneus und rutschten schon wenig später wie auf Schmierseife um die Strecke. Es war allein Hamiltons Wochenende, der mit seinem Husarenritt seine Kritiker Lügen gestraft hatte, die ihn wegen einer Reihe von Fehlern zuvor harsch kritisiert hatten.
Vorentscheidungen
Keine gute Figur machte in seinem ersten Karrierejahr der Weltmeistersohn Nelson Piquet jr. bei Renault. Er war mehr neben der Strecke unterwegs als auf und stand klar im Schatten von Fernando Alonso. Doch bei einem Rennen blitzte sein Talent auf: Beim Großen Preis von Deutschland profitierte er durch eine 1-Stopp-Strategie zwar von der Safetycar-Phase, fuhr aber souverän einen zweiten Platz nach Hause. Es blieb sein einziges Highlight in dieser Saison, bis es in Singapur zu einer Affäre kam, die erst 2009 richtig in die Schlagzeilen geriet.
Dass ausgerechnet Ferrari 2008 die Weltmeisterschaft durch eine Reihe von Motorschäden verlor, hätte man sich in den Jahren der Dominanz nicht träumen lassen. In Ungarn am 3.August schied der Führende Massa zwei Runden vor Schluss aus, was Heikki Kovalainen in seinem ersten Jahr für McLaren-Mercedes zum ersten Sieg verhalf. Erst wenige Tage zuvor hatte man seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Sensationell schlug sich auch Timo Glock, der im Toyota den zweiten Rang belegte, und das trotz einer Magenverstimmung und nur zwei Wochen nach seinem schweren Unfall in Deutschland, bei dem eine Spurstange gebrochen war und er in die Betonmauer gerast war.
Ein neuer Stadtkurs erwartete die Teams in Valencia, wo man rund um den Hafen fuhr. Die tolle Kulisse machte aber kein spannendes Rennen; bis auf einen erneuten Motorschaden bei Räikkönen und einem verpatzten Stopp des Finnen siegte Felipe Massa ungefährdet und machte den Ausfall von Ungarn vergessen.
Es war wieder einmal an Belgien, ein ereignisloses Rennen zuvor wieder gutzumachen. Denn Belgien versprach einen verregneten Spätsommer. Wie schon daheim in England fuhr Lewis Hamilton souverän einen Sieg heraus, nur um ihn wenig später am Grünen Tisch wieder zu verlieren. Der Regen kam erst kurz vor Schluss. In den letzten drei Runden öffneten die Wolken ihre Schleusen und stellten die Teams vor eine knifflige Reifen-Frage: Die Spitze hatte aber keine andere Wahl als möglichst vorsichtig mit ihren Reifen das Rennen zu Ende zu bringen und Rutschpartien möglichst zu vermeiden. Kimi Räikkönen gelang das nicht, er schlitterte in die Mauer. Am meisten profitiert vom Regen hatte BMW-Sauber-Pilot Heidfeld, der sich vor der letzten Runde Regenreifen abholte und bis auf den dritten Rang vorkam. Nachdem sich die Aufregung, aber auch bei manchen die Freude über die turbulente Schlussphase gelegt hatte, sorgte wieder einmal eine Strafe für Aufsehen: Lewis Hamilton erhielt nachträglich eine Zeitstrafe, nachdem er beim Überholen Räikkönens eine Schikane abgekürzt hatte. So wurde mit Felipe Massa einem Ferrari-Fahrer der Sieg zugesprochen.
Glamour in Singapur
Die Saison nimmt langsam an Fahrt auf. Auch Italien versank im Regen, doch anders als in Belgien wurde nicht das Rennen turbulent, sondern einzig der Sieger sorgte für Schlagzeilen: In einem nassen Qualifying setzte sich der junge Sebastian Vettel im Toro Rosso durch, fuhr auch im Rennen einen sensationellen Start-Ziel-Sieg ein und war überglücklich.
Schon im nächsten Rennen legte die Formel 1 in Sachen Spektakel noch einmal nach. Erstmals in der Geschichte der Serie bot Singapur ein Nachtrennen unter Flutlicht an. Auf dem Stadtkurs glänzte der Lack der Wagen und die Kameras fingen fantastische Bilder ein. Unfreiwillig fand sich Felipe Massa vor den Kameras wieder. Durch eine defekte Boxenampel, eine Ferrari-Erfindung, fuhr er zu früh los und riss den Tankschlauch mit, bevor er am Ende der Box zum Stehen kam und sich seine Mechaniker mit dem dem Anhängsel abmühten. Dass jenes Rennen in Singapur für einen Skandal sorgte, kam erst 2009 ans Licht. Der bisher erfolglose Nelson Piquet „verlor“ seinen Wagen absichtlich in einer Kurve, in der die Bergung des Wracks sein würde, sodass das Safetycar auf die Strecke gehen musste. Davon profitierte der von hinten gestartete Alonso, der das Rennen gewann. Glanz brachte das Nachtrennen am Äquator, Gloria nicht.
Vor dem Grand Prix in Japan sorgte erneut die Politik für Gesprächsstoff. Die Planungen für einen Einheitsmotor wurden konkreter, aber die Hersteller liefen Sturm gegen eine Einführung dieser. Nick Fry von Honda erklärte, man könne nicht „das Herz eines Autos“ herausreißen und BMW-Motorsportchef Theissen brachte die Position der Hersteller auf den Punkt: Es würde schwierig für die Hersteller werden, ein Formel-1-Engagement zu rechtfertigen. 2008 stellte die Serie fest, dass keine Kosten reduziert werden durch die neuen Regeln, eher entstehen dauernd neue Kosten durch KERS, das 2009 eingeführt werden würde und auch durch die Aerodynamik-Reformen. Wie schnell die Teams da in der aktuellen Wirtschaftskrise die Reißleine ziehen würden, sollte sich später noch zeigen.
Wirbel an der WM-Spitze
Fuji machte die WM zu einem anderen Dreikampf, als man ihn erwartet hätte: Robert Kubica wurde Zweiter und hatte fortan in den verbleibenden beiden Rennen noch 12 Punkte Rückstand aufzuholen. Kimi Räikkönen hingegen musste sein Unternehmen Titelverteidigung in Japan beenden. Dennoch könnte Lewis Hamilton schon in China den Sack zumachen und jüngster Weltmeister aller Zeiten werden. Er war still geworden vor diesem Rennen, erinnerte er sich doch an das Vorjahr, in dem er in China die WM verloren hatte. Nur noch fünf Punkte trennten ihn jetzt von Verfolger Massa. Hamilton kam nicht daran vorbei zu sagen: „Ohne Zweifel, es wird ein hartes Wochenende.“ Doch das wurde es nicht. Hamilton siegte von der Pole gefahrlos, aber noch immer hing ihm Massa an den Fersen, der knapp hinter ihm Zweiter wurde. Wieder einmal war die Entscheidung vertagt worden. Nach Brasilien.
Im Regen wurde das Rennen in Sao Paulo erneut zum Nervendrama von Hamilton, der kein gutes Rennen erwischte. Wie 2007, als es darauf ankam. Sollte Massa gewinnen, bräuchte er mindestens zwei Punkte um mit einem Zähler Vorsprung den Titel zu holen. Erst in der letzten Runde fiel die Entscheidung. Wie in einem perfekten Hollywood-Thriller überholte der Brite Timo Glock in der letzten Runde und sicherte sich den fünften Platz, während Massa schon im Ziel war und nicht nur seinen Sieg, sondern auch seinen ersten Titel feierte. Für wenige Sekunden war der Brasilianer Weltmeister, ehe ihn die Nachricht von Hamiltons fünftem Platz erreichte. Es wurde Massas bitterster Sieg, mit versteinerter Mine betrat er das Podest, der Siegeschampagner diente nur noch als flüssiges Trostpflaster. Erstmals seit 1996 konnte Lewis Hamilton über der Formel 1 wieder den Union Jack hissen und bescherte seinem Team außerdem den ersten Titel nach acht Jahren des Wartens. Norbert Haug analysierte: „Man hat es uns nicht leicht gemacht, weder dieses noch letztes Jahr.“ Mit 98 Punkten brachte Hamilton am meisten Punkte nach Hause, gefolgt von Massa mit 97. Kubica und Räikkönen belegten punktgleich den dritten Rang, sie hatten je 75 Zähler gesammelt.
Unplanmäßig und auf unrühmliche Art und Weise dauerte die Saison 2008 bis Dezember. Zuerst verkündete Honda seinen Ausstieg aus der Formel 1. Nach zwei erfolglosen Jahren und im Zuge der Wirtschaftskrise zogen sich die Japaner zurück und stellten ein ganzes Team vor die Arbeitslosigkeit. Wenig später sorgte Bernie Ecclestone für Furore, als er erklärte, Ferrari bekomme für einen Konstrukteurstitel 80 Millionen Dollar mehr als jedes andere Team. Unverblümt gab er zu: „Wir haben Ferraris Loyalität gekauft.“ Ecclestone hatte dem Team dieses Angebot schon 2003 gemacht, als die Pläne und Drohungen mit einer Piratenserie der Hersteller konkreter geworden waren. Kurz darauf hatte sich Ferrari auf die Seite Ecclestones und der FIA gestellt.
2009 würde man sehen, wie die kapitalistischste aller Sportarten mit der weltweiten Krise umgehen würde, man stellte sich in diesem Jahrzehnt bisher ungekannten Herausforderungen. Sportlich hingegen war es spannend wie nie, in dieser Hinsicht standen die Vorzeichen für das letzte Jahr der Dekade gut. NR
Wir wünschen allen Lesern ein frohes neues Jahr! Im Keller der !NS!DE-RAC!NG-Villa haben wir noch einen Karton mit Silvester-Feuerwerk gefunden, das wir morgen, am letzten Tag des Spezials abfeuern werden. Es gibt nicht nur einen Rückblick auf 2009, sondern auch noch einige weitere Artikel, die einen letzten Blick zurück auf das vergangene Jahrzehnt werfen werden.
Alle bisherigen Artikel des Spezials:
2000 - Duell der Giganten ; Die Debütanten (1): Heidfelds Warten auf Godot ; 2001 - Mustersaison für ein einfallsreiches Drehbuch ; Gründung der ETCC ; 2002 - Siegeszug der Roten Göttin ; PC-Simulationen ; Jahresrückblick: 2003 ; Kurioses von A-Z ; 2004 - Lehrstunden des Absolutismus ; Die Debütanten (2): Der Glückspilz ; 2005 - Die Zeit der Konkurrenz ; 2006 - Wendepunkt ; Karriereenden ; Die Stars von morgen (1) ; 2007 - Neustart