Das letzte Jahr des Jahrzehnts wartet mit einer handfesten Überraschung auf die Fans und wieder einmal wird eine Saison zu einer unglaublichen Geschichte für alle Beteiligte.
Â
|(!NS!DE-RAC!NG) - Die Ereignisse der Saison lassen sich nach Personen sortieren: Ross Brawn, Jenson Button. Sebastian Vettel. Felipe Massa, Michael Schumacher. BMW-Vorstand. Nelson Piquet jr, Flavio Briatore, Pat Symmonds. Toyota-Vorstand.
Das Jahr begann mit einem gewaltigen Nachbeben, das noch im Dezember durch den Honda-Ausstieg entstanden war. Der erste große Hersteller hatte sich zurückgezogen. Zwei Jahre lang litt das Team unter sportlichem Misserfolg, Orientierungslosigkeit und dann kam noch die Wirtschaftskrise. Renault-Teamchef Briatore stellte nun fest: "Wir hatten in der Formel 1 nie so einen kritischen Moment wie diesen."
Â
Das Brawn-Märchen
Â
Erst fünf vor zwölf stand ein Honda-Retter auf der Matte und sorgte dafür, dass Fans, die sich an das Jahr erinnern, getrost den Satz "Es war einmal... ein Mann namens Ross Brawn" in den Mund nehmen können. 2008 hatten die Japaner ihn verpflichtet um wieder in die Erfolgsspur zurückzukehren und jetzt übernahm er das Team für den symbolischen Betrag von einem Euro und rettete nicht nur die Fahrer Jenson Button und Rubens Barrichello vor der Arbeitslosigkeit. Sein Glauben an das Team hatte ihn nicht getäuscht, war er doch selber Teil des Unternehmens, das bestmögliche Auto auf die breiten Räder zu stellen. Was dann aber bei den Tests folgte, hätte außer ihm niemand für möglich gehalten: Jenes Auto ohne jegliche Sponsoren fuhr schnell. Verdammt schnell. Schneller als alle anderen. Noch dachte man bei der Konkurrenz an einen Bluff, aber jene Leute fielen beim Saisonstart in Melbourne endgültig aus allen Wolken: Vorneweg kam erst Brawn, dann nichts. Dann wieder nichts. Und mega-gar-nichts. Und dann erst die anderen. Überlegene Doppelsiege kamen bei diesen Isolationsfahrten heraus, doch die anderen Teams haben den Grund dafür schnell ausgemacht. Diffuse Doppeldiffusoren, die das Auto raketenschnell machten. Vor der Saison hatte es schon Diskussionen um sie gegeben, hatten nicht nur Brawn GP sondern auch Williams und Toyota so ein Teil zu bieten. In einer ersten Untersuchung wurden die Doppeldiffusoren für legal erklärt, und als nach zwei Saisonrennen dies noch einmal und endgültig bestätigt worden war, kamen die Ingenieure der restlichen Formel-1-Welt ins Schwitzen. Diese drei Teams, die in den ersten Rennen enorme Erfolge herausgefahren hatten, hatten offenbar eine Grauzone im Reglement geschickt ausgenutzt und allen voran Brawn GP sammelte zu Beginn der Saison so viele Punkte, dass sie für die gesamte Saison einen Vorsprung hatten. Die Grauzone auf vier Rädern siegte und siegte und siegte. In England jubelte man und schloss den Fahrer, den man im Zuge des Lewis Hamilton-Hypes wie eine heiße Kartoffel hat fallen lassen, wieder in die Arme. Jenson Button.
Â
Die Agenda 2009
Â
Die Formel 1 des Jahres 2009 hat nichts mehr gemein mit der zu Beginn des Jahrzehnts. Es ist alles neu. 2009 brachte schmalere Heckflügel, manche beschrieben sie als potthässlich. Im Gegenzug wurde der Frontflügel verbreitert. Schneeschaufeln, falls das mit der Klimaerwärmung doch nichts wird? 2008 wurde letzte Rille gefahren, jetzt kamen wieder die ersehnten Slicks zum Einsatz. Acht Motoren für eine Saison wurden nur noch zugelassen. Die Agenda 2009 reformierte die Formel 1. Das Lieblingsprojekt von Bernie Ecclestone jedoch hatte keine Chance. Ein Medaillensystem, wonach der Fahrer mit den meisten Siegen gewinnen sollte, gab es nicht. Hätte es das gegeben, wäre die WM wohl schon im Mai entschieden gewesen. Ein Skandal-Projekt sollte aber das Energierückgewinnungssystem KERS werden. Im Winter hatten alle Teams bis auf BMW-Sauber dafür plädiert, die Einführung wieder zu stoppen, um Kosten zu sparen, außerdem hielt es nicht das, was es versprochen hatte. Doch BMW sah sich in einer guten Position, 2009 den Titel mit KERS zu gewinnen. Es kam anders, KERS floppte im großen Stil. Nur wenige Teams brachten es zum Einsatz und jene waren ohne KERS schneller als mit. In Australien noch lohnte es sich zeitweise, Toyota-Pilot Timo Glock, dessen Team dieses System nicht entwickelt hatte, verkündete, er habe eine "KERS-Allergie", brachte es doch Vorteile auf der Geraden und manövrierte McLaren-Mercedes, Ferrari und BMW-Sauber an anderen vorbei wie in einem Super-Mario-Spiel auf dem Gameboy.
Â
Auch wenn es zu Beginn der Saison wenig Spannung um den Sieg gab, so kam es doch zu überraschenden Rennen. Malaysia packte das gesamte Monsun-Paket aus und verwandelte die Wagen in fahrende Badewannen. Man hatte das Rennen auf 17 Uhr Ortszeit verlegt und ignorierte dabei, dass das klassische Monsun-Zeit ist. Schon vor dem Rennen hatte sich eine wolkige Drohkulisse aufgebaut und jeden Moment galt es mit Sturzbächen zu rechnen. In Runde 22 kamen sie. Erst nur Sprühregen, aber dann die Überschwemmung. Bis dahin war Timo Glock auf Intermediates der schnellste, danach halfen selbst Heavy-Wets nicht mehr. Nick Heidfeld, der nur einen Stopp machte, kam auf Position zwei vor und profitierte auf abgefahrenen Reifen vom Rennabbruch. Es schiffte so stark, dass man nichts als Regen sah. Das Rennen wurde erst unterbrochen und dann schließlich ganz abgebrochen. Weil nicht genug Distanz gefahren wurde, bekamen alle Fahrer nur die Hälfte der Punkte. Jenson Button freute sich über seinen zweiten Sieg.
Â
Ein neuer Star
Â
In Europa müssen die einstigen Topteams angreifen. Ferrari hat erst sechs Punkte auf dem Konto, McLaren scheint sich in Barcelona ganz langsam zu erholen. Groß ist der Schrecken bei BMW-Sauber. Außer die Heidfeld-Punkte aus Malaysia und Spanien haben sie sonst noch nichts auf dem Konto. Das Unternehmen, den Titel in diesem Jahr einzufahren, ist schon jetzt aussichtslos. Unterdessen rast Jenson Button zu seinem fünften Sieg. Bis Anfang Juni gewann der Brite alle Rennen bis auf eines. Der Grand Prix von China ging an Sebastian Vettel im Red Bull und am 21. Juni in Silverstone machte der junge Deutsche seinen insgesamt dritten Rennsieg perfekt, Teamkollege Mark Webber wird zweiter. Red Bull ist obenauf in 2009. Das Vorjahr, in dem das Nachwuchsteam Toro Rosso sogar besser war als der große Bruder aus Österreich, ist überwunden und vor allem hat Deutschland einen neuen Star. Es wurde nicht nur das Jahr des Jenson Button, sondern auch das von Sebastian Vettel.
Nach der Saison tingelte der Heppenheimer durch die Fernseh-Shows des Landes und erzählte seine Geschichte, ganz locker und unkompliziert. Vettel managt sich selber. Er wohnt nicht in Monaco und gibt auch nichts darauf, die coolste Sonnenbrille im Fahrerlager zu haben. Freimütig berichtet er, mehr als nur eine Sechs im Zeugnis gehabt zu haben und das Publikum applaudiert. Zur Mitte der Saison hin hatte er ein Wörtchen um den Fahrertitel mitzureden. Brawn GP schien seinen Vorsprung nur noch zu verwalten, die anderen Teams holten langsam aber sicher auf. Bauten Doppeldiffusoren ein und KERS aus.
Im Juni eskalierte der Kampf zwischen Herstellern und Ecclestones Formel 1-Management, der seit 2001 schwelte. Am 19. Juni gab die FOTA ihren Ausstieg aus der Formel 1 bekannt und plante eine eigene Serie. Es war das perfekte Druckmittel im Streit um den Inhalt des neuen Concorde Agreements, das aber schon kurz darauf von allen unterschrieben wurde. Eine Piratenserie ist vom Tisch.
Â
Ungarn
Â
McLaren-Mercedes erholte sich in Ungarn und bescherte Lewis Hamilton seinen ersten Saisonsieg.
Hamilton machte 2009 keine gute Figur. Sein ganzes Leben lang war er an das Siegen gewöhnt und befand sich nun in einem Auto, das nicht konkurrenzfähig war. Das Image des Strahlemanns bekam gehörige Kratzer, Hamilton zeigte sich einsilbig und produzierte schon zu Saisonbeginn einen ersten Skandal. Als er in einer Safetycar-Phase in Australien einen Ausflug ins Grüne machte und den dadurch überholenden Trulli passieren ließ, verschwieg er sein eigenes Abkommen von der Strecke. Ein weiteres Gate fügt sich in das Bild der Sargnägel für das Formel-1-Image: Lie-Gate.
Doch Hamilton überwand seine Schwäche und konnte auch wieder lachen, als er wieder siegen konnte. Trotz allem war es für den Briten genau wie für alle anderen Favoriten eine Saison zum Abhaken, die Pannen des Jahres zählte keiner der Fahrer mehr.
Das Wochenende von Ungarn stand unter keinem guten Stern. Wenige Tage zuvor hatte es im Motorsport einen tragischen Tod gegeben, der erst 18-jährige Henry Surtees wurde bei einem Formel-2-Rennen in England von einem Reifen erschlagen. Als es bei der Formel 1 am 25.Juli zu einem folgenreichen Zwischenfall kam, war es schwer, an einen Zufall zu glauben. Im Qualifikationstraining verlor Brawn-Fahrer Barrichello eine kaum ein Kilo schwere Stahlfeder, die danach über die Strecke flog. Weit hinter Barrichello fuhr Felipe Massa im Ferrari. Die Stahlfeder traf ihn am Helm, Massa verlor die Kontrolle über seinen Wagen und rauschte beinahe ungebremst und bewusstlos in einen Reifenstapel. Der Brasilianer zog sich schwere Verletzungen über dem Auge zu und musste bis Ende der Saison pausieren. Ferrari brauchte ab Valencia einen Ersatzpiloten und rief seinen Berater auf den Plan. Michael Schumacher sollte es richten. Das Medieninteresse war riesig und Schumacher brauchte nur den medizinischen Test zu absolvieren und würde dann in jene Serie zurückkehren, die er siebenmal gewonnen hatte. Dass daraus nichts wurde, hatte er sich selber zuzuschreiben. Im Februar war Schumacher wie schon so oft bei einem Motorradrennen gestürzt und erlitt dabei schwere Nackenverletzungen, die auch im August noch nicht ausgeheilt waren. Bei einer Pressekonferenz am 12. August gab er mit versteinerter Mine das Ende des Comeback-Versuchs bekannt. Die Medien reagierten unterschiedlich. Die spanische Zeitung As schrieb: "Das Publikum wird nach Strich und Faden an der Nase herumgeführt", man hielt Schumacher vor, er hätte erst seine Fitness prüfen sollen, bevor er Ferrari und den Fans Hoffnungen macht. Die italienische Republicca leitet über: "Nun ist Badoer dran - der Pilot aus dem Schatten." Der langjährige Testfahrer von Ferrari kam zu zwei Renneinsätzen, konnte die Anforderungen aber nicht erfüllen.
Â
Noch ein Abschied
Â
Der 29.Juli, der Tag an dem Schumacher zunächst sein Comeback bekannt gegeben hatte, rettete der Formel 1 den Tag, denn er begann denkbar schlecht. Morgens hatte BMW in München eilig eine Pressekonferenz einberufen und gab seinen Ausstieg aus der Formel 1 bekannt. Das hätte nichts mit dem sportlichen Misserfolg zu tun, es gehe einzig darum, dass diese Serie nicht mehr ins Konzept von BMW passe. Hätte man die Entscheidung an die Wirtschaftskrise oder an den Misserfolg geknüpft, hätte es bei Fans wohl mehr Verständnis gegeben. So blieb ein bitterer Geschmack mit Nuancen von Feigheit und Kaltschnäuzigkeit eines Herstellers, der die Formel 1 melkt und sich dann zurückzieht. Die Fahrer traf es unerwartet, sie erfuhren durch die Medien davon. Kubica fand danach Anstellung bei Renault im Jahr 2010, Heidfeld wurde am Ende der Saison mit McLaren und dann mit Mercedes in Verbindung gebracht.
Am 15. September tauchte mit Qadback ein Investor auf, der sich aber nicht zu Erkennen geben wollte. Unterdessen bekam das Lotus-Team für die neue Saison den letzten und 13. Startplatz, Sauber stand ohne Startgarantie dar. Heute ist das Team wieder in Besitz von Peter Sauber und darf im nächsten Jahr starten.
Der zweite Große Preis von Europa in Valencia lieferte zwar immer noch nicht mehr Spannung als im Jahr zuvor, aber er brachte einen Sieger hervor, den man die Jahre zuvor schon abgeschrieben hatte und der jetzt ebenso wie Jenson Button Teil eines Märchens war, das seinesgleichen suchte. Rubens Barrichello siegte in der spanischen Hafenstadt und bewies, dass er auch im Alter von 37 Jahren immer noch nicht müde ist. Für 2010 unterschrieb er einen Vertrag bei Williams.
Â
Force India-Märchen und Crash-Gate
Â
Wie sehr die Karten 2009 gemischt wurden, zeigte Belgien: Das einstige Hinterbänkler-Team Force India, das bis 2006 Eddie Jordan gehört hatte, fuhr 2009 mit starken Mercedes-Motoren und Giancarlo Fisichella eroberte in Spa die erste Pole für das Team und wurde im Rennen sensationell Zweiter. Schon in Italien ersetzte er Luca Badoer im Ferrari.
Ende August fuhr die Formel 1 zu einem erneuten Skandal. Diesmal heißt das Gate Crash-Gate und betrifft den schon damals auffälligen Unfall von Piquet jr. in Singapur 2008, der eine Safetycar-Phase ausgelöst und Fernando Alonso zum Sieg verholfen hatte. Nach seiner Entlassung packte Nelson Piquet jr aus und beschuldigte das Team, ihn zu diesem Unfall gezwungen zu haben. Die Sportsgerichtsbarkeit gab ihm Recht und sorgte für das unrühmliche Karriereende von Flavio Briatore, der lebenslang für alle Tätigkeiten im Motorsport gesperrt wurde. Chefingenieur Pat Symmonds wurde für fünf Jahre verbannt. Fernando Alonso konnte eine Mitwisserschaft nicht nachgewiesen werden.
Flavio Briatore hatte das Benetton-Team 1988 übernommen und mit Michael Schumacher und Alonso je zwei Titel gefeiert. Nun bedeutete Crash-Gate sein Karriereende, während von Renault dadurch Schaden abgewandt werden konnte und sich nicht noch ein weiterer Hersteller zurückzog. Was anderen Sportarten Doping ist, sind der Formel 1 ihre Skandale.
Die kostspielige Formel 1 steckt weiterhin in der Krise. Das Rennen am Hockenheimring kann nur mit Hilfe von Bernie Ecclestone, der einen Teil der regelmäßigen Verluste der Rennstrecke tragen will, gerettet werden.
Am 28.September deutet sich wieder ein Rückzug eines Herstellers an. Als Timo Glocks Vertrag mit Toyota nicht verlängert wird, wird klar, dass auch dieses Team vor dem Aus steht. Nach der Saison wird dieses dann Realität.
Â
Eine ungewisse Zukunft
Â
Die Formel 1 orientiert sich zum Ende des Jahrzehnts neu. Die Zeit der Hersteller scheint vorbei. Einzig Mercedes verhält sich - wenn auch nicht kritiklos - antizyklisch und kauft im November Brawn GP. In einem Jahr, in dem die „Abwrackprämie“ das Wort es Jahres wurde. 2010 wird Mercedes nun mit einem komplett eigenen Team an den Start gehen. Mit Rosberg und Michael Schumacher, der kurz vor Weihnachten medienwirksam einen Vertrag unterzeichnete und nun wirklich ein Comeback versuchen möchte.
Max Mosley dagegen gab seinen Rücktritt im Juni bekannt, er werde nicht mehr für den FIA-Vorsitz kandidieren. Im Oktober wird Jean Todt ins Amt gewählt. Auch in der FIA drehte sich zum Ende der Dekade einiges.
Nur beinahe geriet der Titelkampf in den Hintergrund. Sebastian Vettel hatte mächtig aufgeholt, doch Jenson Button genügte in Brasilien, dem vorletzten Rennen, ein fünfter Platz um im zehnten Karrierejahr den langersehnten Titel zu feiern. "World-Champion, Ladies and Gentlemen, I'm the World-Champion", ruft er bei der Pressekonferenz, lacht und schlägt mit einer leeren Plastikflasche auf das Pult. Buttons langjährige Geduld hat sich endlich ausgezahlt.
Im nächsten Jahr fährt er an der Seite von Lewis Hamilton bei McLaren.
Die Formel 1 wird im nächsten Jahrzehnt vor einer nie gekannten Herausforderung stehen. Es müssen nicht nur weiter Kosten gesenkt werden, man muss auch das Vertrauen der Zuschauer zurückgewinnen und dem Umweltschutzgedanken gerecht werden, der weltweit im gerade vergangenen Jahrzehnt aufgekommen ist. Nur so hat der Motorsport als Ganzes eine Chance, 2019 auf ein weiteres erfolgreiches und spannendes Jahrzehnt zurückzublicken. NR
Alle Artikel des Spezials:
Â