| Jahresrückblick: 1972 (Formel 1 WM) |
|
F1: Rücklick: Die F1-Saison 1972 von Michael Zeitler
War früher wirklich alles besser? Nach und nach wird !NS!DE RAC!NG für Sie jedes Jahr der F1-Weltmeisterschaft rücklickend zusammenstellen, Rennen für Rennen. Wir beginnen dabei mit der Saison 1972, in der Emerson Fittipaldi zum bis dato jüngsten F1-Weltmeister gekrönt wurde.
Interlagos (!NS!DE RAC!NG) - Die F1-Saison 1972 war die Saison, in der sich Emerson Fittipaldi in einem Sport, der sich in Hundertstel und Tausendstel Sekunden definiert, eine halbe Ewigkeit zum jüngsten F1-Weltmeister aller Zeiten krönte – mit 26 Jahren. Erst mehr als 30 Jahre später entriss Fernando Alonso ausgerechnet beim Brasilien GP Fittipaldi den Rekord, das ganze fand 2005 statt, im WM-Kampf mit Kimi Räikkönen. Fittipaldi schrieb mit dem Titelgewinn 1972 natürlich Geschichte, denn er war erster Brasilianer, der in der Formel-1 am Ende einer Saison ganz oben stand. Fittipaldi war noch der, der anfangs belächelt wurde, schon allein aufgrund des ungewöhnlichen Namens. Ungewöhnlich zumindest zu damaligen Zeiten, wo Fahrer klassische britische, französische, deutsche oder italienische Namen trugen. Neuseeländer und Australier klangen ja irgendwie auch britisch, und im Endeffekt waren sie auch halbe Briten. Bruce McLaren war zwar Neuseeländer, aber sein McLaren-Team, für das Lewis Hamilton 2008 den Titel holte und damit Alonso als jüngsten F1-Champion beerbt, ist als britischer Rennstall in Erinnerung geblieben. Selbes gilt für den Australier Jack Brabham, dessen Brabham-Team zumindest noch hin und wieder als australischer Rennstall angesehen wird. Aber die Brasilianer? Nein, das waren echte Exoten. Kaum zu glauben, aber der Name Fittipaldi klang Ende der 60er Jahre nicht weniger seltsam, wie heute Narain Karthikeyan, der vor wenigen Jahren erster Inder in der Formel-1 war. Ja, wenn nicht sogar noch viel ungewöhnlicher, denn der Rennsporthorizont hat sich erweitert, fast in jedem Land gibt es Talente, Exoten sind nicht mehr wirklich Exoten. Ob Fittipaldi nun lustig ist, hin oder her – aber was damals wirklich einen Lachanfall ausgelöst hätte, wenn jemand behauptet hätte, dass Fittipaldi mit dem Titel 1972 in Brasilien eine Motorsport-Euphorie auslöste, die noch 2 weitere F1-Fahrer hervorbrachte: Nelson Piquet und den unvergessenen Ayrton Senna – der vielleicht beste Fahrer aller Zeiten. 1972 begann aber nicht nur deshalb eine neue Ära, weil ein Brasilianer F1-Weltmeister wurde, sondern auch, weil Lotus den Hauptsponsor und damit das optische Design veränderte: Das rot-weiß/gelbe Design verschwand, die Zigarettenmarke John Player prangte stattdessen mit einem goldenen Schriftzug auf den pechschwarzen Lotus-Boliden, die mittlerweile Berühmtheit hat! Kein Team wird derart mit einem Sponsor in Verbindung gebracht, wie Lotus mit John Player. Für viele war die Lackierung die Schönste, was der Rennsport bisher zeigte. 1972 war das noch kein großes Thema, Lotus hatten auch nicht viele auf der Rechnung. Der Trend zeigte nämlich nach unten, zu oft verzettelte sich Colin Chapman mit waghalsigen Konstruktionen. Als Favorit ging Tyrrell in die Saison, mit Starpilot Jackie Stewart, dem absoluten Topstar dieser Zeit. Und der Argentinien GP, Auftakt in die Saison 1972, bestätigte das: Jackie Stewart gewann das Rennen, verwies dabei Dennis Hulme im McLaren Ford und Jacky Ickx im Ferrari auf die übrig gebliebenen Treppchenplätze. Im Qualifying musste Stewart sich noch mit Platz 2 zufrieden geben, denn er wurde von Lokalmatador Carlos Reutemann geschlagen. Das Sensationelle an der Reutemann-Pole: Er bestritt mit dem argentinischen Grand Prix 1972 sein aller erstes F1-Rennen im Rahmen der WM! Bernie Ecclestone, der im Winter vor der Saison das Brabham-Team übernahm, erkannte das Talent sofort und verpflichtete ihn für die Saison 1972. Passenderweise kehrte der Argentinien GP 1972 auch nach mehr als 10 Jahren Abstinenz in den F1-Kalender zurück. Der letzte Argentinien GP in der F1-WM fand 1960 statt, Sieger war kein geringerer als Bruce McLaren im Cooper Climax. Stewart bremste aber die Euphorie der argentinischen Fans, die sich mehr als nur die Pole erhoffte, sofort am Start, als er an Reutemann vorbeizog. Was folgte, bezeichnet man als klassischen Start-Ziel-Sieg, denn Stewart gab die Führung kein einziges Mal aus den Händen. Reutemann hatte Pech und musste zwischendurch die Box ansteuern, noch ärger traf es Fittipaldi, der mit Getriebeproblemen ausfiel. Stewart holte sich nach seinem Auftaktsieg in Argentinien für den Südafrika GP die Pole Position und unterstrich damit seine Favoritenstellung. Das Rennen war packend und von Positionskämpfen an der Spitze geprägt. Hulme übernahm direkt nach dem Start die Führung, musste die aber bald wieder Stewart hergeben. Stewart führte lange Zeit, dahinter konnte sich Mike Hailwood zunächst durchsetzen. Er jagte auch Stewart, fiel aber bald mit Defekten aus. Damit hatte Stewart einen Konkurrenten weniger, kämpfte nun aber gegen Fittipaldi. Bis zu seinem Getriebeschaden in Runde 45 konnte sich Stewart behaupten, dann fiel er eben aus. Aber auch Fittipaldi blieb nicht für ewig in Führung: Hulme zog noch am Brasilianer vorbei und gewann. Damit übernahm Hulme mit 15 Punkten auch die Führung in der Gesamtwertung, vor Stewart mit 9 und Fittipaldi mit 6. In der Konstrukteurswertung führte McLaren (15) vor Tyrrell (9) und Ferrari (7). Beim darauf folgenden Spanien GP lief es für die Fittipaldis perfekt: Weil sich Carlos Reutemann bei einem Unfall in einem F2-Rennen für das Rondel-Team von Ron Dennis einen Knöchel brach, holte Brabham als Ersatz Wilson Fittipaldi. Wilson gab sein F1-Debüt, zum ersten Mal starteten 2 Fittipaldis in ein und demselben Grand Prix. Emerson konnte diesen prompt auch noch gewinnen. Nach dem Start, den Jacky Ickx von der Pole Position aus startete, lag Fittipaldi erst nur auf dem 5. Platz. Doch nach und nach arbeitete er sich nach vorne, profitierte von Getriebeproblemen von Hulme und konnte Clay Regazzoni überholen, dann dessen Ferrari-Teamkollegen Jacky Ickx und schließlich auch noch den führenden Stewart. Und wenn man schon Glück hat, haben die anderen auch noch Pech: Nach Hulme schied auch Stewart noch aus, allerdings durch einen Fahrfehler. Fittipaldi konnte in der Meisterschaft somit mit Hulme an der Spitze gleichziehen, Ickx lag nun mit 10 Punkten auf dem 3. Platz. In der Konstrukteurswertung machte Lotus einen Sprung auf Platz 2 (mit 15 Punkten), hinter McLaren (17), aber vor Ferrari (13). Übrigens: So leicht war Fittipaldis Siegesfahrt nicht, denn in der 2. Runde ging der Feuerlöscher an Bord seines Tyrrell Fords in die Luft. Den Monaco GP startete Fittipaldi dann von Pole Position aus. Es war eine gute Chance für Fittipaldi das Rennen auch zu gewinnen, denn das Rennen war ein Regenrennen, Überholmanöver wurden also kaum erwartet, denn im Regen auf dem Stadtkurs in Monaco würden nur wenige Fahrer großes Risiko eingehen. Doch Fittipaldi wurde am Start überrumpelt. Jean-Pierre Beltoise im BRM gewann den Start und gewann auch das Rennen (sein einziger GP-Sieg), vor Ickx und Fittipaldi. In der WM führte nun Fittipaldi alleine mit 19 Zählern, Ickx kam auf deren 16, Hulme – in Monaco punktlos – blieb auf seinen 15 Zähler sitzen. Bei den Herstellern waren Lotus, McLaren und Ferrari mit je 19 Zählern zusammen in Führung. Bis zum Belgien GP gab es jedes Rennen einen anderen Sieger und demnach auch einige Fahrer, die im Titelrennen eingriffen. Einen herben Rückschlag erlitt vor dem Belgien GP aber Stewart: Wegen eines Geschwürs im Bauch rieten ihm die Ärzte einen Rennstart ab. Tyrrell pflanzte keinen Ersatzfahrer in den Stewart-Tyrrell-Ford, Gespräche mit Brian Redman verliefen im Sand. Der erste Fahrer, der in der Saison 1972 ein 2. Rennen gewinnen konnte, war Fittipaldi. Der Pole Setter verlor zwar am Start die Führung an Ferrari-Fahrer Clay Regazzoni, aber der Schweizer führte nur 9 Runden, dann wurde er von Fittipaldi wieder überholt. Regazzoni fiel später im Rennen sogar noch wegen eines Unfalls aus. François Cevert im Tyrrell Ford wurde so vor Hulme 2. In der Gesamtwertung hatte Fittipaldi damit schon 9 Zähler auf Hulme Vorsprung, Ickx lag weitere 3 Punkte zurück. Lotus übernahm die Führung unter den Herstellern mit 28 Punkten vor McLaren (23) und Ferrari (19). Weil der Holland GP aufgrund von Sicherheitsverbesserungen gestrichen wurde, war das 6. Saisonrennen der französische Grand Prix. Traditionell zünden französische Marken wie Renault in Franreich nochmal eine Extra-Verbessrung für die Boliden, so auch 1972 das Matra-Team. Chris Amon stellte einen der Matra MS120D auf Pole Position, vor Hulme. Im Rennen präsentierte sich die Strecke in Clermont-Ferrand alles andere als im besten Zustand. Das Problem war, dass auf der Strecke viele Steine herumkullerten. Die zerstörten die Rennen von so einigen Fahrern, waren sie doch Ursache von zahlreichen Reifenschäden im Frankreich GP 1972. Viele Fahrer mussten das Rennen deshalb ganz beenden, andere fielen nur mehr oder weniger viele Plätze zurück. Ein Fahrer hatte aber besonders Pech: Helmut Marko. Der Österreicher wurde in der Anfangsphase mit seinem BRM von Fittipaldi überholt. Fittipaldi wirbelte dabei mit seinem Lotus Ford einen Stein auf der Strecke auf, den Marko mit voller Wucht abbekam – und zwar ins rechte Auge. Die Sehfähigkeit von Marko leidet seitdem sehr stark, die F1-Karriere war zumindest als Fahrer beendet. Mittlerweile ist er als Berater und Nachwuchsförderer von Red Bull wieder als Funktionär im GP-Zirkus vertreten, wenn auch nicht mit dem besten Ruf. Wenn die Reifenschäden von Clermont-Ferrand 1972 was Gutes an sich hatten, dann war es die Tatsache, dass das Rennen dadurch spannend wurde. Amon gewann den Start vor Hulme und Stewart. Letzterer, der nach seiner Erkrankung in Frankreich wieder an den Start ging, fand in der Runde 17 einen Weg an Hulme vorbei und benutzte diesen auch. Als Amon dann auch noch mit einem Reifenschaden zurückfiel, übernahm Stewart die Führung. Typisch für Amon: Der Neuseeländer gilt als einer der talentiertesten Fahrer, die in der Formel-1 damals am Start waren, allerdings hatte Amon oftmals viel Pech und wurde deshalb nie F1-Weltmeister. Nachdem Hulme und Ickx ebenfalls wegen platten Reifen die Box ansteuern mussten, war der Weg fei für Fittipaldi zum 2. Platz. Mit 2 beherzten Überholmanöver am Ende des Rennens sicherte sich Amon als 3. noch einen Podestplatz und war zumindest in den Herzen der Fans der eigentliche Sieger des Rennens. Der Rennausgang machte die WM immer mehr zu einer Gähn-WM, denn Fittipaldi zog immer mehr davon. Nun lag er schon 13 Punkte vor Stewart, Hulme lag bereits 15 Punkte zurück. Tyrrell machte einen großen Sprung auf den 2. Platz in der Tabelle: Lotus (34), Tyrrell (27), McLaren (23). Der Großbritannien GP war kein Grand Prix, der die WM spannender machte, aber das Rennen an sich war ein Hingucker wert. Ickx behauptete seine Pole Position zunächst vor Fittipaldi, doch der schnellste Mann im Feld war mit Abstand Jackie Stewart. Der Schotte schnappte sich Fahrer für Fahrer und machte auch vor Fittipaldi nicht Halt. Fittipaldi konnte sich einige Runden später zurücküberholen, Stewart ließ aber nicht locker. Weil der Ferrari von Ickx Öl verlor und ausfiel, war der Kampf Fittipaldi versus Stewart der Kampf um den Sieg. Fittipaldi ließ aber nichts mehr anbrennen, auf Platz 3 kam Peter Revson im McLaren Ford ins Ziel. Die Tabelle: Fittipaldi (43), Stewart (27), Hulme (21); Wie sooft stand Ickx auch beim Deutschland GP auf Pole Position. Ickx profitierte von den Problemen der Favoriten Fittipaldi und Stewart: Fittipaldi lag zwar lange auf den 2. Platz, fiel aber mit einem Getriebeschaden aus. Für Stewart war das Rennen dagegen verkorkst: Nach einer Kollision mit Ronnie Peterson am Start, fiel Stewart weit zurück, lag nach dem Fittipaldi-Ausfall aber bereits wieder auf dem 3. Platz. Aber anstatt auf Punkte zu fahren, wollte Stewart noch den 2. Platz von Regazzoni. Die beiden kollidierten, Stewart fiel aus, Regazzoni konnte weiterfahren und komplettierte den Ferrari-Doppelsieg! In Mexiko 1970 gelang den beiden zuvor ein Doppelsieg für Ferrari. Ickx übernahm damit den 3. Platz von Hulme (25 Punkte), Fittipaldi und Stewart bekamen jeweils keine Punkte. McLaren und Ferrari mussten sich den 3. Platz in der Konstrukteurswertung nun mit je 29 Punkten teilen. Der Österreich GP war eine weitere Vorentscheidung im WM-Kampf. Fittipaldi gewann nämlich das Rennen, während Sterwart keine Punkte sammeln konnte. Und das obwohl Stewart am Start sogar in Führung ging, von Platz 3 aus. Regazzoni und Fittipaldi kämpften dahinter um Platz 2. Da Regazzoni bald Benzin-Probleme bekam, hatte sich der Kampf schnell gelegt, Fittipaldi holte auf Stewart auf und überholte ihn. Stewart fiel Platz für Platz zurück, während Hulme als 2. Druck auf Fittipaldi ausübte, letztlich aber nichts mehr anrichten konnte. Fittipaldi gewann also vor den beiden McLaren-Ford-Chauffeuren Hulme und Revson. Damit führte er nun schon mit 52 Punkten in der WM, während Stewart und Hulme erst bei 27 waren. In der Konstrukteurswertung hatte Lotus vorne ebenfalls 52 Zähler, McLaren war 2. mit 35 Punkten, Tyrrell kam auf 33. Weil nur noch 3 Rennen ausstanden, hatte Fittipaldi beim Italien GP die erste Chance, den WM-Titel bereits vorzeitig zu gewinnen. Im Qualifying sah es aber erst einmal so aus, als würden die V12-Motoren von Ferrari und Motoren auf dem Highspeed-Kurs in Monza dominierend sein. Ickx holte sich nämlich vor Amon die Pole Position. Bereits am Start verabschiedete sich ein Fahrer vorzeitig aus dem Titelrennen: Stewart hatte einen Schaden an der Kupplung und kam nicht von der Stelle. Zum Glück konnten alle anderen Fahrer ausweichen und keiner krachte in den Tyrrell Ford von Stewart. Vorne behauptete Ickx die Führung, dahinter kamen Regazzoni und Fittipaldi an Amon vorbei. Die beiden Ferrari-Piloten konnten sich von Fittipaldi absetzen. Ickx wurde es in Führung scheinbar langweilig, denn nach einem Konzentrationsfehler fiel er hinter Regazzoni zurück. Die Reihenfolge stellte sich aber rasch wieder her, denn Regazzoni krachte in den March Ford von Carlos Pace, der sich in einer Schikane gedreht hatte. Regazzoni fiel damit aus. Ickx rettete die Führung aber nicht bis ins Ziel: 9 Runden vor Schluss fiel er mit einem Motorschaden aus und Fittipaldi gewann das Rennen. Gleich den ersten Matchball konnte Fittipaldi nutzen, denn weil Hulme nur hinter Mike Hailwood (Surtees Ford) auf Platz 3 ins Ziel kam, war er bereits 2 Rennen vor Saisonende neuer Weltmeister! Die letzten beiden Rennen waren die beiden Amerika-Rennen in Kanada und den USA. Wegen Nebels musste das Kanada-Rennen verschoben werden. Stewart gewann vor den beiden McLaren Fords von Revson und Hulme. Kaum war Fittipaldi Weltmeister, platzte also der Knoten bei Stewart. Auch in Watkins Glen gewann Stewart, von Pole Position aus. Cevert komplettierte den Tyrrell-Doppelsieg, Hulme wurde 3. Der WM-Endstand 1972
|









