Jahresrückblicke: Kurioses von A-Z
Geschrieben von: Natalie Rusch   
Sonntag, 27. Dezember 2009 um 14:00

Die Formel 1 ist eine Welt für sich. Doch es geht längst nicht immer nur um große Dramen, hin und wieder haben manche Szenen was von einer Komödie, zumindest im Auge des staunenden Zuschauers. Wir haben sie alphabetisch gesammelt.

Jahresrückblicke: Kurioses von A-Z

von Natalie Rusch

Die Formel 1 ist eine Welt für sich. Doch es geht längst nicht immer nur um große Dramen, hin und wieder haben manche Szenen was von einer Komödie, zumindest im Auge des staunenden Zuschauers. Wir haben sie alphabetisch gesammelt.

 

A: aufgebockt: Belgien 2001 wird BMW-Williams nicht so schnell vergessen: Nicht nur, dass Montoya seinen Motor beim zweiten Start abgewürgt hat. Es kam noch schlimmer: Als die Ampeln das dritte Mal auf grün schalteten, war Teamkollege Ralf Schumacher noch aufgebockt. Ein Rennfahrer im Trockendock. Der nahm es später aber doch mit Humor: "Ich würde sagen, die haben mein Rennen verbockt"

B: Bibel lesen! Schon im Jahr 2000 hatte ein Flitzer auf der Piste während des Rennens auf sich aufmerksam machen wollen. Ein Lebensmüder hatte sich in ein weißes Laken mit einer Aufschrift, die gegen Mercedes gerichtet war, eingehüllt und war auf die Strecke gelaufen. Der ehemalige Mercedes-Mitarbeiter hatte Erfolg: Der Vorsprung der McLaren schrumpfte, als das Safetycar rauskam und Streckenposten den Mann abführen konnten. Im Jahr 2003 machte dann ein religiöser Fanatiker das Rennen in Silverstone unsicher. Im Schottenrock und mit einem Zettel in der Hand rannte er den Autos entgegen und forderte die Fahrer auf, die Bibel zu lesen, denn darin stünde die Wahrheit. Ein Jahr später tauchte dieser Mann erneut im Fernsehen auf: Während des Marathons im Rahmen der olympischen Spiele in Athen sprang er wieder über die Absperrung und behinderte die Läufer. Nur die Harten kommen in den Garten... oder ins Gefängnis.

C: Coloriert: Den 10.Mai 2002 möchte Ralf Schumacher nur allzu gerne vergessen und sämtliche Fotos verbrennen. Nach dem Training nahm er nur widerwillig den Helm ab, denn darunter verbarg sich eine haarige Angelegenheit. Als Teamkollege Montoya die neue Wasserstoffblodine Ralf sah, schlug er sich vor Lachen auf den Schenkel. Dabei hatte Schumacher gar nicht vor, Jacques Villeneuves exzentrische Frisur zu kopieren. „Es sollten nur rote Strähnchen rein“, aber dann sei plötzlich alles rot gewesen. Das habe man dann mit hellblond versucht zu verstecken. Eitelkeit hat auch in der Formel 1 ihren Preis. Am Rennsonntag von Spielberg hatte ein Frisör alles repariert und Schumacher konnte sich wieder ohne Helm und Kappe vor den Kameras zeigen. Ohne rote Strähnchen.

D: Diamant: Wenn schon, denn schon: Ein Sponsor sorgte in Monaco regelmäßig dafür, dass die McLaren-Mercedes teure Diamanten durch die Gegend fuhren. Mal auf Helmen, mal am Lenkrad. Dafür, dass ein richtig teurer Klunker am Auto nach einem Crash verloren gegangen ist, gibt es keine Beweise. Noch eine Monaco-Sage.

E:Euphorischer Dirigent: Jahrelang hat Ferrari auch musikalisch die Hitparade der Formel 1 bestimmt. Erst die deutsche Hymne, dann die italienische. Dass sich ein etwas zu euphorisch dirigierender Schumacher in Italien aber die Pflicht einer öffentlichen Entschuldigung einhandelte, hätte er sich nicht träumen lassen... Seitdem brachte sogar die Siegerehrung wieder Spaß: Kann er sich beherrschen oder kann er es nicht? Immerhin besteht 2010 für die Tifosi keine Gefahr mehr.

F: Dieses Foto-Finish bereitete Freude: Am 29. September 2002 trat die Formel 1 in den USA an; auch Ferrari kam, sah und siegte. In der Zeit der Langeweile sorgte das Team diesmal jedoch unfreiwillig für etwas Spannung. Es sollte der perfekte Doppelsieg werden, Schumacher vor Barrichello, da kannte man sich mit aus. Dann sollte es auf der Ziellinie noch das perfekte Foto geben und die Demonstration perfekt unterstreichen. Der unfreiwillige Gewinner dieses Paradeflugs war dann aber Barrichello, der den Foto-Termin offensichtlich verschlafen hatte und den Sieg dankend annahm. Elf Hundertstel trennten die beiden Piloten am Ende.

I: "IF is a very long word in Formula One; in fact, IF is F1 spelled backwards.". Er war der Inbegriff eines Formel 1-Kommentators. 52 Jahre lang hat Murray Walker die britischen Motorsport-Fans mit seinen unvergesslichen Sprüchen unterhalten, die die humoristischen Poesiealben der Formel 1-Fans füllen. 2001 beendete er seine Karriere.

K: Kiesbett des Grauens: Lewis Hamilton möchte nicht mehr darüber reden, über dieses Kiesbett in China 2007, dieses lästige Beiwerk, das die Strecke für ihn zur Geisterbahn hat werden lassen. In der 31. Runde kam jener McLaren-Mercedes Pilot als souverän Führender in die Box, mit verschlissenen Regenreifen. Dabei schlitterte er so in die Boxeneinfahrt, dass er in ein kleines aber feines Kiesbett rutschte und stecken blieb. Die Zeit, in der Streckenposten anschieben durften, wenn der WM-Führende im Kies steckte, waren vorbei. Hamiltons Rennen war auch vorbei. Die WM gewann er auch nicht.

L: Linie, die famose weiße : Die ultimative Grenze. Sowas wie eine gläserne Decke. Jeder Fahrer, der aus der Box kommt, sieht seine Konkurrenten formatfüllend im Rückspiegel und gibt Gas, kann aber nicht zurück auf die Strecke, sonst handelt er sich schnell eine Strafe für das Überfahren der weißen Linie ein. Im letzten Jahrzehnt besonders beliebt war jene in Magny-Cours im Jahr 2002. Nicht nur der Führende Michael Schumacher erwischte sie, sondern in jenem Rennen auch noch zahlreiche andere. Die Weiße Linie hat Macht. Ein rennentscheidendes Element, das dem Piloten so manche zusätzliche graue Haare beschert, dem Fan entweder ebenso oder aber ein freudiges Juchzen.

M: Murmeltiere: Diese kleinen braunen Gefährten haben sich die Île de Notre Dame als Lebensraum im kanadischen Montréal ausgesucht. Seitdem sind sie ständiger Begleiter der Piloten und Flitzer der etwas anderen Art. 2007 konnte Toyota-Pilot Ralf Schumacher einem von ihnen in einem kontrollierten Manöver im Training noch rechtzeitig ausweichen. Eine geglückte Rettungsaktion.

Matsch in Silverstone: Alle Voruteile, dass es in England im April 30 Tage und 30 Nächte lang regnet und die Einheimischen nur gelbes Ölzeug im Kleiderschrank haben, wollte Bernie Ecclestone im Jahr 2000 ausräumen und versetzte den Großen Preis von Großbritannien auf den April. Dieses Wochenende klärte endlich auf über englischen Regen: Es regnet 30 Tage und 30 Nächte lang, verwandelt das Gelände um den ehemaligen Flugplatz in mehrere Hektar Matsch und sorgt für 25km Stau für anreisende Fans. Silverstone im Jahr 2000 war von der Außenwelt abgeschnitten, Fahrer kämpften sich mühsam in Gummistiefeln oder gleich auf Socken ins Fahrerlager und fuhren vor leeren Rängen: Nur 10.000 Fans konnten sich am Samstag zum Qualy durch das Moor kämpfen und rechtzeitig an der Strecke sein.

N: Notorischer Raser: Luca Badoer hatte sich seinen Renneinsatz für Ferrari auch anders vorgestellt. In seinem zweiten Rennen als Ersatzmann für den verletzten Felipe Massa konnte in der Qualifikation und im Rennen sein Talent nicht unter Beweis stellen und enttäuschte. In der Boxengasse aber war er der schnellste von allen: Dreimal fuhr er zu schnell rein, zahlte 5.400 Euro Strafe. Beim vierten Mal wurde er zur Rennleitung gebeten. Beim fünften Mal wurde sein Vergehen nicht mehr notiert. Der langjährige Testfahrer war es gewöhnt, bei Testfahrten mit 100 km/h an die Box zu fahren, jetzt vor seinem ersten Renneinsatz tat er sich schwer, das Auto rechtzeitig auf 60 km/h abzubremsen und fuhr zwischen zwei uns sechs km/h zu schnell. Punkte in Spa handelte er sich dadurch trotzdem nicht ein.


P: Parkplatz Rascasse: Es war das umstrittenste Manöver der Saison 2006, und wieder einmal war der Siebenmalige involviert. Schumacher bekam die Kurve in Monaco nicht und parkte seinen Wagen somit seelenruhig in der Rascasse und hatte kein Erfolg beim Ausparken. Ob Absicht oder nicht, ein Fan brachte es wenig später in Silverstone auf einem Transparent auf den Punkt: "'Schumi, meine Großmutter parkt besser als du!"

Q: Quick Alonso: Lange fragte man sich, warum dieser Fernando Alonso, der aus einem Land ohne jegliche Formel 1-Tradition kommt, so schnell sein konnte. McLaren-Mercedes-Pilot David Coulthard entschlüsselte das Geheimnis in Barcelona 2003: "Well, he borrowed Nigel Mansell's eyebrows, that's why he must be so quick"

R: Rote Ampel: 2007 war Chaos in Kanada. Mit Schrecken erinnert man sich zurück an den schweren Unfall von Robert Kubica. Betrachtet man das Rennen aber als Ganzes, so bekam man auch vor Augen geführt, wer seinen Führerschein zu Recht besaß und wer nicht. Noch war die Zeit, als eine umstrittene FIA-Regel während einer Safetycar-Phase einen Boxenstopp verbot und Boxensünder, die trotzdem tanken mussten, so lange an der roten Ampel versauern mussten bis die Boxengasse wieder geöffnet wurde. Gekonnt ignoriert hatten in jenem Rennen Felipe Massa und Giancarlo Fisichella jene Ampel. Mit Augen-zu-und-durch-Mentalität hofften beide darauf, dass die Rennleitung gerade zu beschäftigt war als ein Auge auf die Box zu werfen. Das war sie aber nicht. Beide bekamen die schwarze Flagge gezeigt. Die Verkehrsregel übrigens besagt, dass man fünf Minuten an einer dauer-roten Ampel warten muss, ehe man langsam anfahren und sie ignorieren darf.

S: shit, having a: Kimi Räikkönen weiß genau, wo er kurz vor dem Rennen in Brasilien 2006 war, als Michael Schumacher offiziell in seine (erste) Rente verabschiedet wurde. „I was having a shit“. Ob das nur die wahrheitsgemäße Antwort war oder ob es eine politische Dimension hatte, ist nicht bekannt. In jedem Fall aber war es ein verbaler Griff in die Toilette.

T: Twin-Tower: Mit Ästhetik hatte die Formel 1 im Jahr 2007 wenig zu tun. Den Autos wuchsen Hörner, Baggerschaufeln, allerlei Geflügel. In Architektur versuchte sich BMW-Sauber: Kurzerhand baute man an der Nase zwei ordentlich hohe Karbon-Türmchen, die Twin-Tower; die Piloten Heidfeld und Kubica konnten sich fortan ganz exklusive und mondäne Luft um die Nase wehen lassen. Schon im Juli aber verbot die FIA aus Sicherheitsgründen solche Wolkenkratzer und wollte damit die gute Aussicht der Piloten retten. BMW schluckte und forderte ihr Grundrecht auf Kunstfreiheit nicht gerichtlich ein.

Unvergessen sind auch die Tanktrottel der Formel 1, angeführt von Critstijan Albers in Magny-Cours 2007. Aber nicht nur er, auch Felipe Massa in Singapur 2008 und Heikki Kovalainen in Sao Paulo 2009 brachten ihr persönliches Souvenir aus der Box mit. Im Gegensatz zu Albers aber schauten die beiden letzten rechtzeitig in den Rückspiegel und fuhren nicht erst noch groß mit ihrem Anhängsel spazieren bis das Auto Rauchzeichen gab.

V: Vergiftet: Den Grand Prix in Fuji 2007 hätte sich Mark Webber auch anders vorgestellt. Durch eine Lebensmittelvergiftung angeschlagen bestritt er trotzdem das Rennen und übergab sich währenddessen. Als der geneigte Fan das hörte, dachte er zuerst „Danke!!! Jetzt habe ich Bilder im Kopf....“ und dann „Forscher dachten immer, Diamant sei das Härteste, was auf der Erde existiert. Aber dann trafen sie Mark Webber.“

W: Wall of Champions: "Bienvenue au Québec", das stand einst auf der Mauer an der letzten Kurve vor Start und Ziel auf dem Circuit Gilles Villeneuve in Montréal. 1999 erwiderten mit Jacques Villeneuve, Michael Schumacher und Damon Hill gleich drei Weltmeister diesen Gruß. Im letzten Jahrzehnt grüßte diese legendäre Wand auch Jenson Button, der die Schikane als Dreirad wieder verließ. Lewis Hamilton machte ihre Bekanntschaft, Juan-Pablo Montoya kennt sie persönlich und auch David Coulthard wrackte hier seinen McLaren ab. Doch es geht nicht immer alles schief: Im Qualifying 2006 streifte Michael Schumacher "seine" Wand auf der schnellsten Runde und schaffte trotzdem noch einen fünften Platz. Ein Jahr später rauschte Landsmann Heidfeld in die Kurve, touchierte die Mauer und wurde Qualy-Zweiter.


Z:
Zu langsam: ... fuhr offensichtlich der Taxi-Fahrer, der Michael Schumacher im Dezember 2007 nach Oberfranken kutschierte, wo er den neuen Familienhund von der Züchterin abholte. Auf der Rücktour hatte er es so eilig, dass er den Fahrer kurzerhand auf den Beifahrersitz verfrachtete und selbst das Steuer übernahm.

 


Lesen Sie morgen, am fünften Tag des Rückblicke-Spezials, was die Formel 1-Saison 2004 zu bieten hatte. Außerdem beschäftigen wir uns mit der Karriere des zweiten Debütanten im Jahr 2000, Jenson Button.


Alle bisherigen Artikel des Spezials:

2000 - Duell der Giganten ; Die Debütanten (1): Heidfelds Warten auf Godot ; 2001 - Mustersaison für ein einfallsreiches Drehbuch ; Gründung der ETCC ; 2002 - Siegeszug der Roten Göttin ; PC-Simulationen; Jahresrückblick: 2003

 

 

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